Die Flasche ist noch nicht lange auf dem Sportgetränkemarkt, und jetzt will Per Skjelbred auch mal probieren, was der Sponsor da in die Kabine geliefert hat. Doch zunächst schaut er sich das Ding genauer an. „Laktosefrei, ohne Fett, ohne Zucker“, liest er vor. Und: „Egal ob vor, während oder nach dem Training.“ Skjelbred – aktueller Trinkstatus: nach dem Training – nimmt den ersten Schluck, verzieht das Gesicht, bemerkt erst jetzt die Schrift auf dem Flaschenhals und sagt, während er die Augenbrauen hochzieht: „Mango – exotic.“ Scheint nicht so seine Geschmacksrichtung zu sein. Aber Skjelbred hat ja noch eine Orange dabei. Das Gespräch kann beginnen.

An diesem Sonnabend um halb vier spielt Hertha BSC gegen den FC Bayern, bereits zum dritten Mal in dieser Saison, erstmals auswärts. Das verlängerte Pokalduell im Olympiastadion (2:3) ist drei Wochen her – und trotzdem immer noch da: „Es war nicht alles, was wir hätten rausholen können“, sagt Skjelbred. „Wir hatten keinen Maximaltag.“

Was ist denn ein Maximaltag?

Es ist so ein Gefühl, eine Energie, die alle in der Mannschaft haben müssen. Man spürt es, wenn das Spiel beginnt, gleich in den ersten Zweikämpfen: Einer grätscht, und wenn er den Ball nicht kriegt, kommt der Zweite, hilft aus, immer weiter, dann der Dritte, er hat dann den Ball und du denkst: Wow, Jungs, geil!

Kann man dieses Gefühl auch vorher schon haben?

Es kann sein, dass du morgens aufstehst und denkst: Wow, leichte Beine heute, keine Schmerzen, dann passt das Tape perfekt, die Schuhe sitzen perfekt, du nimmst das Trikot und es fühlt sich gut an – dann kommt das Spiel und du verlierst 0:5 und hattest nur zwei Ballkontakte. Und dann gibt es Tage, da denkst du, lecko mio, heute wird es schwer. Irgendetwas passiert in deinem Körper. Du hast schwere Beine, schon beim Warmmachen tut alles weh, das Atmen fällt dir schwer – doch dann pfeift der Schiri an und du bist heiß und bissig wie ein Löwe.

Wie viele heiße und bissige Löwen wird man in München sehen?

Wenn wir alles geben, können wir mitspielen – und wir können auch gewinnen.

Haben Sie in der Verlängerung des Pokalspiels eigentlich schon an das Elfmeterschießen gedacht?

Ich habe nur an den nächsten Ball gedacht, an den nächsten Zweikampf, an das nächste egal, was kommt. Ich habe nur versucht, bis zum Schluss aufrecht zu stehen.

Hätten Sie geschossen?

Klar! Wenn der Trainer gefragt hätte. Es ist so: Wenn etwas schiefläuft, ist es besser, wenn es ein erfahrener Spieler war, der verschießt, der sagt: Hey, Jungs, sorry. Und nicht ein junger, für den die Welt untergeht.

Skjelbred ist 31 Jahre alt, im Januar hat er seinen Vertrag um eine weitere Saison verlängert. Er wollte unbedingt in Berlin und in der Bundesliga bleiben, obwohl sie in Trondheim auf ihn warten; und obwohl seine Frau ihm bereits das Jagdtheoriebuch auf den Nachttisch gelegt hatte. Wenn Skjelbred seine Karriere in der Heimat beenden wird, will er einen Jagdschein machen. „Gott hat keinen Torschützen aus mir gemacht“, sagt Skjelbred, „aber vielleicht einen guten Jäger.“

Auch in dieser Saison hat Skjelbred kein Tor geschossen, mal wieder. Wobei: Im Vorbereitungsspiel gegen Zehlendorf beendete er einen Sololauf derart gekonnt, dass Trainer Pal Dardai schwärmte: „So ein Tor habe ich das letzte Mal bei Hertha von Marcelinho gesehen. Und im Fernsehen von Maradona.“ Skjelbred war plötzlich ein Diego. Doch als die Saison startete, war er nicht mal im Kader. Eine neue Erfahrung für einen, der immer spielte, der immer alles gab und manchmal auch mehr. Dardai musste einem seiner Lieblingsschüler den Tribünenplatz erklären, hinterher gestand er: „Mir sind fast die Tränen gekommen.“

Erstmals in der Startelf stand Skjelbred am sechsten Spieltag gegen die Bayern. Beim 2:0 vertrat er den verletzten Marko Grujic auf der Sechserposition. Es war ein Maximaltag, die Grätschen saßen, Skjelbred lief knapp zwölf Kilometer.

Wie lange wird Ihr Körper diese Belastungen noch aushalten?

Ich habe schon noch viele Jahre in mir, das spüre ich. Das sehe ich auch im Training. Die Jungs sind körperlich noch nicht besser als ich. Es wäre anderes, wenn ich jeden Morgen denken müsste: Scheiße, alles tut weh! Oder wenn ich keine Lust mehr hätte zu laufen.

Sie haben offensichtlich sehr viel Spaß am Laufen.

Es reicht halt nicht nur, geil zu kicken. Du musst die Scheißmeter laufen! Weiter, weiter! Noch mal, noch mal! An normalen Tagen macht das Spaß. Ich kann mich aber auch immer quälen. Wenn ich in den Rhythmus komme, kann ich tief graben in meinem Körper. Das geht so lange, bis er irgendwann Nein sagt. Mein Vater wollte nie so viel laufen. Er war ein alter Hippie. Hier, eine geile Geschichte: Lauftraining bei meinem Papa, Berg hoch, Intervalle. Zehnmal sollten alle laufen, nach dem dritten Mal, alte Schule, ruft der Trainer: Wo ist Axel? Keiner sagt etwas. Dann geht der Trainer den Berg runter, hinter ein Haus, und da steht mein Vater und zieht an einer Zigarette. Er war schnell, aber kein Dauerläufer.

Per Skjelbred hat die Orange aufgegessen und die Flasche nicht ausgetrunken. Ob er denn glaubt, auch beim dritten Spiel gegen die Bayern wieder zur Startelf zu gehören? Er verzieht das Gesicht, als hätte ihm jemand eine exotische Mango angeboten, und sagt: „Ich glaube nicht. Aber hey, alles ist möglich. Das haben wir zuletzt ein paar Mal gezeigt.“

Hertha ist ja tatsächlich so etwas wie der Angstgegner der Bayern.