Nur schwer zu greifen: Wolfsburgs Angreiferin Pernille Harder.
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Berlin/BilbaoWer sich mal die Mühe macht, eine Heatmap von Pernille Harder aufzutreiben, der stellt Erstaunliches fest: Heraus kommt ein Wirrwarr von bunten Punkten, die sich scheinbar ohne jegliche Systematik in der gegnerischen Spielhälfte verteilen. Die dänische Starstürmerin des VfL Wolfsburg gilt seit geraumer Zeit als interessantester Freigeist im Frauenfußball: Wie eine „freie Radikale“ darf sie hinter der Spitze Ewa Pajor überall und nirgends unterwegs sein und verdingt sich zum Dank als Torschützin vom Fließband.

Die 27-Jährige hat seit ihrem Wechsel vom FC Linköping im Januar 2017 sagenhafte 105 Tore in 113 Pflichtspielen für den Doublesieger aus der Autostadt erzielt, der nun im Finale der Women’s Champions League gegen den Titelverteidiger und Topfavoriten Olympique Lyon (Sonntag 20 Uhr/ Sport1) vor der bislang härtesten Prüfung steht. Es ist eine besondere Mission für die „Wölfinnen“,  die einst – noch ohne Harder – 2013 gegen den schon damals übermächtig erscheinenden Widerpart aus Frankreich erstmals die Königsklasse gewannen. Wie der FC Bayern bei den Männern könnten auch die Frauen des VfL Wolfsburg ihr Triple in 2020 wiederholen.

Das dritte Mal tritt das Team von Trainer Stephan Lerch bei diesem Endturnier in San Sebastian an, wo sich der VfL-Tross gut abgeschirmt von der Öffentlichkeit eingerichtet hat. Gleich im Viertelfinale hatte Harder einen weiteren Nachweis für ihre außerordentlichen Fähigkeiten hinterlegt: Zum Warmschießen traf die beidfüßige Edeltechnikerin mit dem geschmeidigen Bewegungsablauf gegen Glasgow City (9:1) gleich viermal. „In Bezug auf Spielstil und Technik ist sie eine der besseren Spielerinnen“, sagte danach Vivianne Miedema, wobei diese Untertreibung wohl auch der Konkurrenzsituation zwischen den beiden Ausnahmespielerinnen geschuldet ist. Miedema, die Stürmerin von Arsenal, führt mit zehn Treffern die Torjägerliste der Women’s Champions League an. Harder steht bei neun.

Beim schwer erkämpften Finaleinzug gegen den FC Barcelona (1:0) konnte sich Pernille Harder kaum in Szene setzen, weil es ihr schlicht an Unterstützung fehlte. Ungewohnt wenig Ballbesitz, ungenaues Aufbauspiel war das Manko des deutschen Vertreters, der einiges Glück brauchte, um zum fünften Mal seit 2013 das Endspiel zu erreichen. 2016 im italienischen Reggio Emilia und 2018 im ukrainischen Kiew scheiterte Wolfsburg jeweils knapp an Lyon – einmal im Elfmeterschießen, einmal in der Verlängerung. Wenn es im vierten Anlauf gegen Olympique wie 2013 klappen soll, braucht es die Nummer 22 in Topform. Aber wie sagt Lerch über Harder: „Selbst wenn sie bei weniger als 100 Prozent ist, spürt man ihre Anwesenheit. Wenn man diesen einen Moment braucht, um den Unterschied zu machen, ist sie die Spielerin dafür, egal in welchem Zustand sie sich befindet.“

Und wenn sie als eine von drei Kapitäninnen die Regenbogenbinde trägt, steht ihr das besonders gut, denn ihre Popularität setzt Dänemarks sechsfache Fußballerin des Jahres auch dafür ein, für die Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu werben. Dabei war ihr Coming-out keine bewusste Aktion: Weil sich die dänische Auswahl nicht für die Frauen-WM 2019 qualifiziert hatte, reiste Harder als Touristin nach Frankreich, um ihre Lebensgefährtin Magdalena Eriksson im schwedischen Team zu unterstützen. Nach dem gewonnenen Achtelfinale küssten sich die beiden im Pariser Prinzenpark – und ein Fotograf hielt die Szene eher zufällig fest. Das Bild sorgte für große Aufmerksamkeit.

„Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Viele schrieben uns, dass wir ihnen Mut gemacht hätten, ebenfalls offen zu ihrer Orientierung zu stehen“, sagte die Bundesliga-Torschützenkönigin. Danach habe sie gemerkt, wie wichtig solche Idole aus dem Sport für junge Menschen seien. Seitdem setzt sie sich wie die Weltfußballerin Megan Rapinoe (USA) oder die Weltklassespielerin Ada Hegerberg (Norwegen) für mehr Anerkennung des Frauenfußballs ein und rät dem Männerfußball, seine Ausrichtung zu überdenken. Sie verstehe das Zögern, sich zu Homosexualität zu bekennen, „denn der Männerfußball kultiviert immer noch längst überholte Vorstellungen von Maskulinität“.

VfL-Sportdirektor Ralf Kellermann hat jüngst sogar ausgeschlossen, seine im östlichen Niedersachsen gereifte Vorzeigefußballerin über das Vertragsende 2011 hinaus halten zu können. Angeblich hätte diesen Sommer schon eine Ausstiegsklausel greifen können, nach der die 119-fache dänische Nationalspielerin gegen Zahlung einer mittleren sechsstelligen Ablöse zum FC Chelsea hätte wechseln können, wo ihre Partnerin unter Vertrag steht. Nun bleibt sie wohl eine weitere Saison in Deutschland, um sich dann nächstes Jahr einer Topadresse in England, Spanien oder Frankreich anzuschließen. Mindestens zwei Ligen will Harder, die sich als „echte Perfektionistin“ beschreibt, die sich nicht nur mit ihrer Partnerin viel über Fußball austauscht, noch kennenlernen.

Für die offensive Allrounderin ist es selbstverständlich, sich geschlechterübergreifend von den Koryphäen etwas abzuschauen. Stundenlang hat sie Videos studiert und das Freilaufverhalten von Cristiano Ronaldo im Sechzehner oder die Spielorganisation der Barça-Strategen Iniesta oder Xavi seziert. Europas Fußballerin des Jahres 2018 hat nämlich ein Ziel, das die Tochter eines Fußballtrainers bereits mit zehn Jahren in einem Schulaufsatz festhielt: Sie will die beste Fußballerin der Welt werden. Das im Vorjahr auf den Markt gekommene Frauenfußball-Magazin „Elfen“ hat in seiner zweiten Ausgabe dahinter noch ein Fragezeichen gesetzt, das womöglich nach dem Finale der Women’s Champions League 2020 für überflüssig erachtet werden wird.