Moskau - Es gibt manchen Fußballer, der von sich behaupten kann, schon mal ein Erdbeben ausgelöst zu haben, jedenfalls, wenn der Begriff als Sinnbild für die tiefe emotionale Erschütterung betrachtet wird. Aber ein echtes Beben, aufgezeichnet von Messgeräten,  ist dem Peruaner Jefferson Farfán im vergangenen Herbst tatsächlich geglückt.

Als dem Stürmer während der Play-offs gegen Neuseeland jenes Tor gelang, das dem Land seine erste WM-Teilnahme nach 36 Jahren bescherte, meldete das Erdbebeninformationsportal Sismoalert eine Erschütterung in der Hauptstadt Lima, „genau in dem Moment, in dem Peru das Tor gegen Neuseeland schoss“. Das Stadion, die Stadt, das ganze Land waren  in einen Zustand wilder Ekstase gestürzt.

Star in Moskau

Die Nachbeben sind  in Moskau zu spüren. Auf den Straßen sind unverhältnismäßig viele Leute mit dem weißen Trikot und der roten Schärpe unterwegs. Der WM-Auftakt ist für Farfán eine Art Heimspiel. Der ehemalige Schalker spielt bei Lokomotive Moskau und ist auch dort zum Helden geworden.

Erik Stoffelshaus, der elf Jahre als Teammanager bei Schalke 04 arbeitete, ist  Sportdirektor bei Lokomotive und hat den  30-jährigen Angreifer in die russische Hauptstadt gelockt. Umgehend wurde der Klub Pokalsieger und in diesem Frühjahr  Meister. „Jeff hat sehr viele entscheidende Tore geschossen, Siegtreffer, Führungstore, und im entscheidenden Spiel der Saison hat er in der 88. Minute den siegbringenden Angriff eingeleitet“, sagt Stoffelshaus, der darauf hinweist, wie professionell Farfán inzwischen arbeite. Das war nicht immer so.

Unerlaubter Kasinobesuch

Mal verlängerte er  seinen Urlaub, mal wurde er aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen, weil er sich bei einem Kasinobesuch erwischen ließ; er war immer ein Freund des Nachtlebens und liebt schnelle Autos. „Jeff wird mir wieder mal erklären warum – und dann erneut kräftig zahlen“, hat sein ehemaliger Trainer Felix Magath nach einer der zahlreichen Farfan-Geschichten einst resigniert gesagt. Als der Angreifer, den sie in Peru liebevoll „La Foquita“ (das Seehündchen) rufen, 2015 nach Abu Dhabi zu Al-Jazira wechselte, wurde ihm auf Schalke vor allem von Liebhabern des schönen Spiels nachgetrauert.

 Farfáns bester Kumpel ist Paulo Guerrero. Der zweite  Star im Team  war ebenfalls oft in Affären verwickelt. Bis vor wenigen Tagen war der Kapitän  gesperrt, weil nach einem Spiel in Argentinien Spuren von Benzoilecgonin in seinem Organismus nachgewiesen wurden – ein Kokain-Metabolit. Angeblich hatte er versehentlich einen Tee aus Koka-Blättern getrunken, der in Peru zur Alltagskultur zählt.

Kompletter Spieler

 Zusammen bilden sie das Angriffsduo einer Mannschaft, die zum Kreis der  interessanten Außenseiter zählt. Wobei Farfán nicht mehr der schnelle Flügelspieler ist wie einst. „Er hat nicht mehr das Tempo, agiert aber weitaus intelligenter, spielt häufiger ab, ist mannschaftsdienlicher.  Man kann sagen, dass er jetzt ein wirklich kompletter Spieler ist“, sagt Stoffelshaus.