Peter Bäuerlein ist als Schrittmacher in Sachen Taktik ein Meister seines Fachs.
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BerlinNiederschmetternder kann ein Debüt nicht verlaufen: „Na, wie war ich“, fragt Peter Bäuerlein seinen sportlichen Ziehvater Dieter Durst nach seinem ersten Einsatz bei einem sechsstündigen Radrennen in Köln. Durst ist eine Legende unter den Schrittmachern im Bahnradsport und zugleich Bäuerleins Vorbild. Schließlich hat er dem gerade einmal 25-Jährigen mit dazu verholfen, bei der „Nacht von Köln“ seine Premiere als Derny-Schrittmacher im Profigeschäft zu absolvieren. Doch Dursts Urteil fällt vernichtend aus: „Du warst fürchterlich“, sagt er. „Du hast dermaßen gewackelt, so wird das in diesem Jahr bestimmt nichts mit deinem Einsatz beim Kölner Sechstagerennen...“

Es wird laut im Berliner Velodrom. Motorenlärm erfüllt die Halle, die Stimmung steigt. Die Zeit der Steher ist gekommen. Wenn die im Sog der Schrittmacher um die 250-Meter-Bahn preschen, ist das immer ein besonderes Ereignis. Nicht nur die Fahrer sind den eingefleischten Steher-Fans ein Begriff. Auch die Männer, die auf den umgebauten BMW-Motorrädern mit ihrem 650 Kubikzentimeter starken Boxermotor stehend das Tempo für die Steher vorgeben, sind bekannt und werden gefeiert. Der Niederländer René Kos etwa, liebevoll „The Butcher“ – der Schlachter – genannt. Und natürlich „der Kaiser“, der für seine taktische Raffinesse bekannt und der beste deutsche Schrittmacher ist. Hinter dem Namen „Kaiser“ verbirgt sich jener einst bei seinem Debüt so kläglich gescheiterte Jüngling – Peter Bäuerlein.

Bäuerleins einziger Makel: keine WM-Teilnahme

Knapp 35 Jahre liegt jene Episode zurück. Warum es dann doch noch geklappt hat mit einer großen internationalen Karriere? „Die Verantwortlichen des Kölner Sechstagerennens, für das ich mich beworben hatte, ließen mich damals doch überraschend zu“, sagt Bäuerlein. Mit folgender Begründung: Er sei so schlecht bei der Nacht von Köln gefahren, schlechter ginge es nicht. Das könne nur an den Nerven gelegen haben. „Es kann nur besser werden“, haben sie ihm gesagt. „Du bekommst eine neue Chance.“

Eine kluge Entscheidung. Denn dem ersten Sechstagerennen Bäuerleins folgten mehr als 100 weitere, darunter bis auf eine Ausnahme auch alle 24 Rennen im Berliner Velodrom. Bäuerlein gewann unter anderem dreimal bei den Stehern den Europameistertitel, zwölfmal wurde er Deutscher Meister, hinzu kommen Titel bei den niederländischen sowie britischen Meisterschaften und etliche Erfolge bei Derny- und Steherrennen. Einziger Makel: Nur an einer Weltmeisterschaft hat Bäuerlein nie teilgenommen. Der Grund: Nach der WM 1994 in Palermo wurden die Steher-Rennen für immer aus dem Programm gestrichen. In den Jahren davor aber gab es in Deutschland noch erfahrenere Schrittmacher als Bäuerlein, denen man eher vertraute. Einmal aber war er ganz kurz davor: 1987 hatte sich Bäuerlein mit seinem damaligen Partner Peter Zander in Berlin bei den Deutschen Meisterschaften als Dritter für die folgende WM in Wien qualifiziert. Trotzdem durfte er nicht fahren. Für die Welttitelkämpfe wurde Zander ein erfahrenerer Schrittmacher zugeteilt. Worüber sich Bäuerlein noch heute ärgert: „Die beiden wurden im Vorlauf Letzte und schieden aus. Schlechter hätte ich es auch nicht machen können.“

Doch vielleicht gibt es ja eine späte Rehabilitation für den heute 59-Jährigen. Bei der Bahnrad-WM Ende Februar in Berlin wird Bäuerlein im Keirin als Schrittmacher auf dem Derny dabei sein, verrät er. Medaillen gibt es für die Derny-Fahrer in dieser Disziplin zwar nicht – „aber einmal dabei sein, das ist toll“.

Der richtige Mann für die Attacke

Bis zu 80 Rennen bestreitet Bäuerlein, der als selbstständiger Medienberater arbeitet, im Jahr. Trotz der vielen Erfolge in seiner 40-jährigen Laufbahn zählen Siege allein für ihn nicht. „Es ist kein Problem, mit dem besten Fahrer zu gewinnen“, sagt er. Die größte Herausforderung sei es, aus einem Fahrer so viel wie möglich herauszuholen und zu spüren, ob und wann er in der Lage ist anzugreifen.

Bei seinem zweiten Europameisterschafts-Erfolg mit Timo Scholz 2008 in Alkmaar lagen sie lange auf Platz drei. Vor ihnen zwei weitere deutsche Teams. „Wir wollten ihnen die Rücken freihalten und sorgten dafür, dass keine hintere Mannschaft angreifen kann.“ Da aber die Teams vorn nichts unternahmen, wurde Timo Scholz langsam nervös. Das spürte Bäuerlein und gab Gas. Sie kassierten die beiden führenden Teams schließlich mit einem spektakulären Überholmanöver und gewannen die EM. Scholz habe sich hinterher bei seinem Schrittmacher bedankt: „Peter, das war genau der richtige Moment für die Attacke.“ Körperlich, sagt Bäuerlein, trage der Schrittmacher wenig zum Sieg des Fahrers bei, taktisch dagegen sei er zu 100 Prozent für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich.

Er wollte in seinem Leben immer nur Schrittmacher sein und sich nie selbst aufs Rad setzen. Schon als Kind hat er in seiner Heimatstadt Nürnberg mit dem Vater bei den Steherrennen zugesehen. Der Lärm der Maschinen, die Überholmanöver, wenn gleich drei Teams nebeneinander in die Kurve gehen, das Tempo von bis zu 100 Stundenkilometern, die die Steher auf großen Bahnen wie in Nürnberg erreichen, die tollkühnen Männer, die stehend auf den Motorrädern rasen, um ihren Fahrern viel Windschatten zu spenden, das alles fasziniere ihn. „In den Sechzigerjahren“, schwärmt Bäuerlein, „hatten die Fahrer beim Training Stofffäden an Helm und Trikot, um zu testen, ob sie optimal an der Rolle des Motorrades positioniert sind. Wenn die Fäden waagerecht Richtung Schrittmacher zeigten, fuhren sie exakt im Sog“. Heute gibt es dafür den Windkanal.

Neben Dieter Durst gab es noch einen weiteren Schrittmacher, der Bäuerlein in jungen Jahren besonders faszinierte: der Holländer Bruno Walrave. Der fuhr immer mit einem roten Halstuch und einer dunklen Ray-Ban. „Beide haben mein Leben als Schrittmacher stark beeinflusst“, sagt Bäuerlein. Darum dreht auch er seine Runden seit vielen Jahren, wie es einst der Fliegende Holländer tat – mit rotem Halstuch und dunkler Pilotenbrille.