Einfühlungsvermögen, Auffassungsgabe und Lebenserfahrung: Peter Kwiet kann von seinem Sport nicht lassen.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

Berlin-MariendorfEin Trabertrainer geht nicht in Rente, und so wird für Peter Kwiet auch am heutigen Montag, an dem er seinen 80. Geburtstag feiert, schon früh der Wecker klingeln. Er kann es noch immer nicht lassen, täglich ein paar junge Pferde zu trainieren. Dafür fährt er einmal durch die ganze Stadt, von seinem Wohnort nahe der Trabrennbahn Mariendorf zum Gestüt Eichstätt der Familie Mommert nordwestlich von Berlin. Weiter an der frischen Luft sein zu können, ist für Peter Kwiet Ruhestand genug.

Das Erstaunen über das erreichte Alter wischt er mit einer lässigen Handbewegung weg, und tatsächlich kommt er so agil daher, dass man kurz innehalten muss ob der Tatsache, dass er schon seit einigen Jahren keine Rennen mehr fährt. Dabei war der Mann im grünen Dress über viele Jahrzehnte aus dem Rennalltag der 1913 errichteten Trabrennbahn Mariendorf nicht wegzudenken. Niemand hat das Geschehen auf dem Oval im Berliner Südwesten in der Nachkriegszeit so sehr geprägt wie Peter Kwiet, die meisten seiner 4 359 Siege hat er hier herausgefahren.

Geboren in Karlshorst

Dabei wissen nur wenige, dass er in unmittelbarer Nähe einer anderen Berliner Rennbahn geboren wurde. Als Peter Kwiet am 6. Januar 1940 in Berlin-Lichtenberg zur Welt kam, war die nicht allzu weit entfernte Rennbahn in Karlshorst formal noch ein Geläuf für Hindernisrennen, auf der in den Kriegsjahren jedoch kein regulärer Rennbetrieb mehr stattfinden konnte. Und als es dann unmittelbar nach Kriegsende im Juni 1945 wieder losging, hatte der sowjetische Stadtkommandant Nikolai Bersarin bereits entschieden, dass auf der provisorisch hergerichteten Schlackebahn fortan die Traber ihre Runden drehen sollen. So ist es bis heute geblieben.

Peter Kwiet war 14, als er seine Ausbildung zum Pferdewirt in der Sparte Trabrennsport auf der Trabrennbahn Mariendorf begann. Die ersten Siege ließen nicht lange auf sich warten. Zum Talent kam eine große Portion Fleiß hinzu. Den Ruf, morgens einer der Ersten im Stall zu sein, wurde Peter Kwiet auch später nicht los, als er bereits ein erfolgreicher Trainer war, bei dem junge Nachwuchsfahrer Schlange standen, um bei ihm die Ausbildung machen zu dürfen. Johannes „Hänschen“ Frömming, Eddy Freundt und Gerhard Krüger waren die großen Stars des deutschen Trabrennsport in den 50er- und 60-Jahren, und immer öfter gelang es dem jungen Peter Kwiet, seine Vorbilder, die später ausnahmslos zu Freunden wurden, hinter sich zu lassen. Kwiet hatte seine Lehre noch nicht vollends abgeschlossen, als er 1956 mit Haddy den „Großen Preis von Berlin“ gegen Gerhard Krüger gewann. Krüger, der 2017 im Alter von 92 Jahren starb, hat über 40 Jahre erfolgreich einen Rennstall und Zuchtbetrieb in Italien unterhalten, eher er auf seine alten Tagen in den Freundeskreis nach Berlin zurückkehrte.

Peter Kwiets größter sportlicher Erfolg war zweifellos der Sieg im deutschen Traber-Derby des Jahres 1968 mit dem Hengst Manzanares. Das Rennen wurde zu dieser Zeit über die Distanz von 3 200 Metern gelaufen, und Kwiet hatte dem Dreijährigen durch geduldiges Training auf den sandigen Wegen im Grunewald zur nötigen Kondition verholfen.

Mit dem Derby-Sieg gehörte Kwiet endgültig zu den Etablierten seines Sports, und er blieb es, weil er neben der Fähigkeit, Pferde zu leistungsfähigen Sportlern zu formen, auch über die Begabung verfügte, deren Besitzer zu trainieren. Zu einer haltbaren Karriere bringt man es im Pferdesport letztlich nur, wenn man auch Durststrecken übersteht, und anstelle des flüchtigen Erfolges setzte Peter Kwiet als Trainer, der auch ein guter Geschäftsmann sein muss, auf Vertrauen und klare Abmachungen. Seine mit trockenem Humor gepaarte Eloquenz weiß seit vielen Jahren auch der Berliner Rennverein zu nutzen.

Peter Kwiet, Vorstand des Rennvereins

Wann immer Medienvertreter einen Gesprächspartner auch für schwierige Fragen des Sports suchen, werden sie an Peter Kwiet verwiesen, der über einen unendlich scheinenden Schatz an Anekdoten verfügt und doch diplomatisch genug ist, sie auch schadlos vorzutragen. Bis heute ist Peter Kwiet im Vorstand des Rennvereins, viele kleine Fragen und Probleme löst er dabei durch seine verbindliche, selbstbewusste, aber nie überhebliche Art. Am Liebsten aber sitzt der mehrfache Berliner Champion mit ein paar Freunden und Kollegen an seinem Stammplatz im Teehaus auf der Trabrennbahn Mariendorf, um die Rennen zu beobachten, in denen die jüngeren Kollegen sich bemühen, den arg krisengeschüttelten Sport am Leben zu erhalten.

Peter Kwiet redet mit allen und hört gut zu. Und wenn ein guter Tipp dabei herausspringt, gleicht er ihn mit seinem Wissensvorrat ab. Ein Spielertyp war er nie, aber er kann sich noch heute diebisch darüber freuen, wenn seine Prognose über den Ausgang eines Rennens auch tatsächlich eintrifft. Peter Kwiet triumphiert dann nicht laut, sondern feiert den Erfolg als Ausdruck von Einfühlungsvermögen, Auffassungsgabe und Lebenserfahrung. Daraus gehen noch immer die besten Sportler hervor – vor allem auch die auf vier Beinen.