Ein Foto mit Seltenheitswert: Peter Pekarik (33) erzielte in seinem 189. Liga-Spiel sein erst zweites Tor.
Foto: Ottmar Winter

BerlinDass viele Fußballer abergläubisch sind, ist bekannt. Dabei sind die Rituale unterschiedlicher Natur. Während manche kurz vor dem Anpfiff gen Himmel blicken oder sich bekreuzigen, ziehen sich andere immer zuerst den linken Schuh an. Herthas Zauberfuß Matheus Cunha war nun unter der Woche abseits des Feldes genauso reaktionsschnell wie auf dem Platz. Nur drei Tage nachdem die Rückennummer 10 durch den Köln-Wechsel von Ondrej Duda frei geworden war, schnappte sich der Brasilianer die bei Offensiv-Künstlern so begehrte Nummer – und leitete dadurch eine Kettenreaktion ein: Kris Piatek trägt nun Cunhas 9, während Mathew Leckie die 7 vom Polen übernahm. Dodi Lukebakio stürmt dagegen ab sofort mit dessen 11. Fast scheint es so, als hätte die neue Beflockung, die kurz vor Ligastart von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) abgeknickt wurde, die Herthaner beflügelt. Denn mit den neuen Nummern spielten die soeben genannten beim 4:1-Sieg in Bremen die Gegner phasenweise geradezu schwindelig.

Doch bevor die neue blau-weiße Millionen-Offensive so richtig in Schwung kam, war es ein Verteidiger, der Hertha auf die Siegerstraße und seinen Trainer Bruno Labbadia nach Abpfiff zum Grinsen brachte. „Er wird wirklich langsam zum Torjäger“, freute sich Labbadia über das 1:0 von Peter Pekarik (42.) und lobte den Slowaken fast überschwänglich: „Wie er es gemacht hat, war super. Wenn ein Außenverteidiger da noch mitgeht, ist das immer ganz schwierig zu verteidigen. Er macht diese Wege und ist dafür belohnt worden.“

Pekariks Verwandlung ist beeindruckend. Acht Spielzeiten machte der 33-Jährige, der 2012 ablösefrei vom VfL Wolfsburg an die Spree wechselte, seinen Job in der Defensive meist grundsolide. Im blau-weißen Rampenlicht standen stets andere. Dabei will es Pekarik am liebsten auch belassen. „Für mich ist das Wichtigste, dass wir das Spiel gewonnen haben“, erklärte er nach dem geglückten Liga-Start. Dass er demütig bleibt, liegt auch daran, dass der mittlerweile dienstälteste Herthaner schon des Öfteren die andere Seite des Geschäfts erlebte. Von vielen Verletzungen geplagt, machte er in den vergangenen Jahren kaum ein Spiel, verlor seinen Stammplatz an Lukas Klünter – bis Labbadia in der Corona-Zwangspause übernahm.

Unter dem Hessen, dessen Fußball aktiv und nach vorne ausgerichtet sein soll, entwickelt Pekarik plötzlich Torgefahr. Bei Labbadias Hertha-Debüt in Hoffenheim (3:0) wurde ihm das zweite Bundesligator seiner Karriere noch verwehrt, indem sein abgefälschter Schuss als Eigentor gewertet wurde. Dafür traf er beim peinlichen 4:5 im Pokal in Braunschweig zum zwischenzeitlichen 3:3 – und feierte nun, eine Woche später, sein erst zweites Erfolgserlebnis im 189. Liga-Spiel. „Das wurde auch mal Zeit“, scherzte Labbadia, um dann Pekariks Wert für seine sich im Umbruch befindende Mannschaft herauszustreichen. „Er ist ein Vorbild für die jungen Spieler. Wie er arbeitet, wie er sich präsentiert. Er ist einfach sehr professionell. Genau das brauchen wir. Dass er so gut spielt, hilft uns, den nächsten Schritt zu machen.“

Nach Pekariks Tor schossen Lukebakio (45.+2), Cunha (62.) und der eingewechselte Neuzugang Jhon Cordoba (90.) Hertha zum Sieg, nachdem der ehemalige Berliner Davie Selke Werders Ehrentreffer erzielt hatte (69.).

Dass Hertha den Tiefschlag im Pokal gut verkraftete, lag zudem an der Rückkehr von Dedryck Boyata. Der Abwehrchef ersetzte zusammen mit Jordan Torunarigha das in Braunschweig unglücklich agierende Innenverteidiger-Duo Karim Rekik und Niklas Stark. Letztgenannten beorderte Labbadia ins defensive Mittelfeld. „Dedryck hatte eine gute Präsenz. Er ist sehr zweikampfstark und jemand, der dirigiert“, erklärte Labbadia. Weil die Abwehr womöglich schon am Freitag gegen Frankfurt deutlich mehr gefordert wird als gegen weiter verunsicherte Bremer, mahnt Labbadia: „Wir haben noch viel Arbeit vor uns. Deswegen gehen wir sehr sachlich damit um.“ Gleichwohl sei der Himmel nach einem Sieg doch immer ein Stück blauer.

Dass die Sonne diese Saison noch öfter über der Geschäftsstelle in Westend lacht, scheint angesichts der vielen Einzelkönner in der Offensive gut möglich. Besonders Cordoba, erst am Mittwoch für 15 Millionen Euro vom 1. FC Köln verpflichtet, bringt Komponenten mit, die den Blau-Weißen noch fehlten. „Seine Wucht und seine Läufe in die Schnittstellen. Das hilft uns enorm“, lobte Labbadia Cordobas perfekten Einstand. Der bullige Kolumbianer schirmte nur Sekunden nach seiner Einwechslung den Ball lehrbuchhaft ab und leitete Cunhas Treffer ein. Dass er dann kurz vor Schluss noch selbst traf, stimmt den ehemaligen Vollblutstürmer Labbadia glücklich. „Für einen Torjäger, der neu zu einem Verein kommt, ist das natürlich ganz wichtig.“

Einzig die Chancen Pekariks, der dank seiner Rolle unter Labbadia vor der Saison einen neuen Einjahresvertrag bekam, schon bald sein drittes Ligator zu erzielen, scheinen sich durch Herthas neue Durchschlagskraft zu verschlechtern. Pekarik wird es verkraften. „Ich möchte dem Team helfen, eine bessere Saison zu spielen“, erklärte er Ende Juni. Dass er daran mit seinen Toren einen großen Anteil haben würde, hätte er wohl selbst nicht gedacht.