BerlinEs gibt Spieler, deren wirkliche Bedeutung für ein Team erst dann sichtbar wird, wenn sie wieder auf dem Feld stehen. Wenn sie mit ihrem Handeln entscheidenden Einfluss auf ein Spiel nehmen. Dass Peyton Siva in diese Kategorie gehört, hat er am Mittwochabend eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Mit seinem Dreier zum 76:75 gut zwei Sekunden vor dem Ende traf er den letzten Wurf der Partie und sicherte Alba Berlin einen schon nicht mehr für möglich gehaltenen Euroleague-Sieg gegen Villeurbanne. Und als wäre dieser Wurf nicht schon besonders genug gewesen, musste man sich in der Bewertung dieser Szene noch einmal in Erinnerung rufen, dass der Amerikaner etwas mehr als einen Monat kein Spiel mehr absolviert hatte. Siva gehörte zu denjenigen, die nach dem Euroleague-Spiel in Moskau im Oktober positiv auf Covid-19 getestet wurden und die das Virus hart traf. „Körperlich fühle ich mich noch ein wenig müde, aber meinen Lungen und mein Herz sind in Ordnung und darüber bin ich sehr glücklich“, hatte er vor dem Spiel vor dem Magenta-TV-Mikrofon gesagt.

Glücklich sah er da aus, glücklich wirkte er, als er nach fünfeinhalb Minuten erstmals seit dem 16. Oktober wieder in das Spielgeschehen seiner Mannschaft eingreifen konnte. In den vergangenen zwei Wochen hatte es sich Siva noch zur Aufgabe gemacht, die Partien seiner Teamkollegen auf Twitter mit animierten Grafiken, Kommentaren und Statistiken zu bewerten. Sollte Alba Berlins Social-Media-Abteilung mal Hilfe benötigen, weiß sie spätestens jetzt, dass in Peyton Siva noch ganz andere Talente schlummern. Von größerer Bedeutung für den amtierenden deutschen Meister und Pokalsieger ist der 30-Jährige aber noch immer auf dem Feld.

Und dafür ist das Spiel gegen Villeurbanne, auch wenn Siva den entscheidenden Wurf getroffen hat, kein Gradmesser seiner Bedeutung für Alba Berlin. Denn natürlich ist Peyton Siva noch längst nicht in der Form, die er noch vor seiner Spielpause hatte. An der und seinem Spielrhythmus wird er noch am Freitagabend, um 20 Uhr, im nächsten Euroleague-Heimspiel gegen St. Petersburg arbeiten, selbst die Sonntagspartie (15 Uhr) in der Bundesliga gegen Bonn in eigener Halle wird eher in die Rubrik Aufbauarbeit fallen.

Bei Alba Berlin aber wissen sie, was sie an ihrem Dirigenten haben. Ein gesunder Peyton Siva kann Spiele im Alleingang entscheiden, seine Mitspieler in Szene setzen und besser machen sowie mit seiner Erfahrung den Rhythmus eines Spiels entscheidend prägen. Dass der Familienvater in regelmäßigen Abständen immer wieder verletzungs- oder zuletzt krankheitsbedingt ausfällt, nehmen sie in Kauf und gehen behutsam mit ihm um. Gerade Trainer Aito Garcia Reneses ist erprobt darin, seinen Aufbauspieler immer wieder an das Team heranzuführen, und hofft jetzt, „dass er Stück für Stück in eine gute Form kommt“. Selbst wenn es das Protokoll, an das sich Spieler, Trainer und Ärzte halten müssen, bevor ein Spieler nach einer Covid-19-Erkrankung wieder spielen darf, nicht gäbe, wären sie weder bei Peyton Siva noch bei einem anderen Spieler ein unnötiges Risiko eingegangen. „Ich musste ein paar Tests absolvieren, um zurück zu meinen Teamkollegen zu kommen. Ich würde nicht sagen, dass ich bei 100 Prozent bin, aber ich bin nah dran“, so Siva.

Das konnte man gegen Villeurbanne sehen. Der Wurfrhythmus stimmte bis zum Dreier kurz vor Spielende noch gar nicht, alle vorherigen Versuche von der Dreierlinie verfehlten ihr Ziel. Auch beim Zug zum Korb verhaspelte sich Siva gerade in der ersten Halbzeit noch, stand in einer Szene plötzlich aussichtslos vor den großen Gegenspielern unter dem Korb und fand keine Anspieloptionen. Seine Mitspieler und Coach Aito aber gaben ihm dennoch den letzten Wurf und damit Sicherheit. „Das hat mein Vertrauen gestärkt“, sagt der 30-Jährige. Denn das Gefühl für die besonderen Momente und die Erfahrung in den entscheidenden Situationen einer Partie verliert ein Spieler wie Peyton Siva in der längsten Spielpause nicht. Genau das macht ihn so wertvoll für Alba Berlin.