Nicht jeder, der es mit dem Trabrennsport hält, ist glücklich darüber, dass Ulrich Mommert seinem Ärger ausgerechnet vor dem Saisonhöhepunkt, dem Derby in Mariendorf am kommenden Sonntag, Luft gemacht hat. Die Ankündigung des Eigentümers der Rennbahn im Berliner Süden, sein finanzielles Engagement auf den Prüfstand zu stellen und von 2014 an gegebenenfalls zurückzuschrauben, hat viele überrascht. „Jetzt zittern natürlich alle“, sagt etwa Peter Kwiet.

Der Trabertrainer, einst ein Ausnahmekönner im Sulky, kennt und schätzt Mommert und dessen im Trabrennsport nicht minder engagierte Frau Karin Walter-Mommert aber lange genug, um die Äußerungen des Mäzens weniger dramatisch zu interpretieren. „Ich sehe es ein bisschen als Hilferuf“, sagt der Zweite Vorsitzende des Berliner Trabrenn-Vereins. „Das ist eigentlich keine Familie, die von heute auf morgen Schluss macht mit dem Trabrennsport. Und es sind definitiv keine geldgierigen Leute.“

Ein Grund für Mommerts Rückzugsgedanken sind die enormen Kosten für den Unterhalt der Anlage am Mariendorfer Damm. „Die Stallungen sind hundert Jahre alt. Und es wurde immer nur geflickt. Da geht’s ja schnell in die Hunderttausende“, sagt Kwiet, 73, und tadelt jene, die die Anstrengungen von Unternehmer Mommert nicht angemessen würdigen: „Wenn Sie immer wieder Geld reingeben, und dann werden Sie im Gegenzug nur angeschossen, das kann’s nicht sein.“

Kwiet wünscht sich eine flankierende Initiative von Aktiven und Pferdebesitzern, um die Zukunft der Mariendorfer Rennbahn zu sichern und die Perspektiven des Berliner Trabrennsports insgesamt zu verbessern. Und er warnt vor den Folgen eines weiteren Niedergangs seines geliebten Sports: „Es wären sehr viele Arbeitsplätze in Gefahr.“

Gut möglich, dass die Sorge ums große Ganze auch Ulrich Mommert umtreibt. Der deutsche Trabrennsport steckt in einer existenziellen Krise. Die Wettumsätze, Haupteinnahmequelle der Rennvereine, sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten dramatisch geschrumpft. „Wir kämpfen, wie eigentlich jeder andere Rennverein in Deutschland, jeden Tag ums Überleben“, sagt Dimitrios Vergos, der Geschäftsführer des Pferdesportparks Karlshorst.

Die Trabrennbahn im ehemaligen Ostberlin ist so etwas wie Mariendorfs bescheidener kleiner Bruder. „Wir haben Alltagssport“, sagt Vergos ohne Umschweife. Doch die Probleme sind im Kern dieselben wie in Mariendorf. „Über die Wettumsätze allein kann es der Rennsport nicht schaffen“, glaubt der Karlshorster Geschäftsführer. „Deshalb sollte man gegenüber jeder Idee, aus der eine neue Chance entstehen kann, aufgeschlossen sein.“

Onlinewetten sind das Problem

Er meint Mommerts Anregung, die Möglichkeiten zur gemeinsamen Vermarktung der beiden Berliner Trabrennbahnen und der Galopprennbahn Hoppegarten zu prüfen. „Wir werden uns nach der Derbywoche zusammensetzen, auch mit Herrn Schöningh. Da wird über diesen Vorschlag geredet werden“, sagt Vergos.

Gerhard Schöningh, Hoppegarten-Besitzer, findet die Idee ebenfalls bedenkenswert, ist allerdings der Meinung, kooperiert werden sollte nur in Bereichen, in denen dies auch wirklich sinnvoll ist: „Vermarktung ist ja ein breites Thema. Dazu zählt alles, was Umsatz generiert. Da müssen wir in der Tat reden. Es gibt Gebiete, da drängt sich eine Zusammenarbeit eher auf, und andere, da ist das vielleicht weniger der Fall.“

Zumindest im Trabrennsport gebietet die schiere Not, alle Chancen für eine nachhaltige Verbesserung der Situation auszuloten. Das Internet stellt nicht nur die Zeitungsverlage vor scheinbar unlösbare Aufgaben, sondern auch die Veranstalter von Pferderennen.

Seit 1922 besteht in Deutschland eine Mischform mit sogenannten Totalisatorwetten, bei denen die Wetter quasi in einen Pool einzahlen und gegeneinander antreten, und einigen lizenzierten Buchmachern, die die Wetten ihrer Kunden halten oder gegen eine Vermittlungsgebühr an den Totalisator weiterreichen. „Das war bis an die Jahrtausendwende heran ein mehr als auskömmliches System“, sagt Heinz Tell, der Präsident des in Berlin ansässigen Hauptverbands für Traberzucht.

Dann traten Buchmacherfirmen an Standorten wie Malta oder der Karibikinsel Antigua auf den Plan. Sie entzogen dem deutschen Rennsport Geld, weil sie gar nicht daran dachten, für ihre Einnahmen durch Internetwetten, die von Deutschland aus auf deutsche Rennen getätigt wurden, hier auch Steuern zu bezahlen. „Das Ganze hätte ein Dreieck bilden müssen“, sagt Tell, „aber so guckten die Rennveranstalter mit dem Ofenrohr ins Gebirge.“ Mit Folgen für die Traberbranche. Tell: „Mit dem Umsatzrückgang einher geht der Niedergang der Zucht.“

Formal sind die Rennen Leistungsprüfungen des Zuchtverbands. Mit der bis zu 96-prozentigen Rückerstattung der Rennwettsteuer und dem Einnahmenanteil des Veranstalters werden Zucht und Sport finanziert. Weil inzwischen angeblich 85 Prozent des Umsatzes der von Deutschland aus getätigten Wetten über Onlinezockerbörsen ohne deutsche Lizenz abgewickelt werden, geht es dem Rennsport hierzulande schlecht wie nie zuvor. „Nach unserer Auffassung wird genauso viel gewettet wie vor 20 Jahren. Der Unterschied ist, dass das Geld nicht mehr beim Veranstalter ankommt“, sagt Tell. „Darin liegt der Niedergang begründet.“

Ob die vorsichtige Öffnung des deutschen Markts für 20 private Wettanbieter durch die Änderung des Glücksspielstaatsvertrags vor einem Jahr den Trend aufhalten kann, ist unklar. Immerhin gilt nun: Eine von hier getätigte Wette, auch wenn sie bei einem ausländischen Anbieter im Internet abgeschlossen wird, ist mit fünf Prozent zu versteuern.

„Nach unserer Auffassung ist richtig, was da passiert“, sagt Tell. Denn einer Quellensteuer könne sich niemand entziehen. Die Rennvereine haben große Zweifel. „Das bringt die Wetter nicht zurück“, glaubt Karlshorst-Geschäftsführer Dimitrios Vergos. Klar ist jedenfalls, dass dies nicht sofort geschehen wird.

„Zunächst müssen die Vereine eine Durststrecke überstehen“, sagt Tell. Und weil ein Großteil der ursprünglich erhobenen Rennwettsteuer von 16,66 Prozent im Zuge der Rückerstattung in Sport und Zucht floss, reicht der Traberbranche durch die Einführung der Fünfprozentregel das Wasser vorerst nicht mehr bis zum Hals – es steht schon ein bisschen höher. Hinzu kommt dann noch: Weil der Europäische Gerichtshof die halbherzige Liberalisierung des deutschen Wettmarktes bald wieder kassieren könnte, kann auch von Planungssicherheit keine Rede mehr sein.

Umso wichtiger, dass die Beteiligten in Berlin miteinander reden und ausloten, ob sie gemeinsam Akzente setzen können. „Jeder Schritt in diese Richtung sehr positiv“, sagt Vergos. Und als ob es nicht schon genug Probleme gäbe, hat er auch noch den sozialen Wandel als Feind ausgemacht: „Früher haben wir auch davon gelebt, dass es viel mehr Besitzer gab. Die kamen oft aus der Mittelschicht, aber diese Milieus gibt es so nicht mehr.“

Bleibt vorerst wohl nur die Hoffnung, dass die Berliner mit den Füßen abstimmen werden. Peter Kwiet plagen da zumindest hinsichtlich der nun anstehenden Termine mit dem Saisonhöhepunkt am Sonntag keine Zweifel. Der alte Mariendorfer Fahrensmann sagt: „Die Derbywoche ist ein Selbstläufer.“