Lange, lockige Mähne und eine elegante Schusshaltung sind die Markenzeichen des Franzosen Matteo Guendouzi, der vom FC Arsenal für ein Jahr zu Hertha BSC wechselt.

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Berlin-WestendDie knappe und unglückliche 3:4-Niederlage beim FC Bayern München hatte Herthas Manager Michael Preetz mental gerade einmal halb verdaut, da kamen am Sonntagabend im TV-Interview in der Münchner Allianz-Arena die bohrenden Fragen nach neuen Spielern. Hinter der Plexiglasscheibe und mit großzügigem Abstand wegen der Corona-Schutzmaßnahmen erklärte Preetz: „Bis Montag, um 18 Uhr, wird sich etwas tun. Wir werden noch etwas machen. Sowohl bei aufnehmenden als auch bei abgebenden Spielern.“ Montag, 18 Uhr, da ertönte der Schlusspfiff für alle Bundesliga-Manager beim Ein- und Verkauf. Da endete die Sommer-Transferperiode, die wegen der Pandemie bis in den Herbst verlängert worden war.

Hertha BSC hatte Großes vor, um den Ansprüchen des Investors Lars Windhorst, der gerne vom „Big-City-Club“ spricht, gerecht zu werden. 374 Millionen Euro pumpte Windhorst binnen eines Jahres in den blau-weißen Klub. Nach der verkorksten Saison 2019/20 waren alle und ganz besonders der neue Trainer Bruno Labbadia in Aufbruchstimmung. Doch jetzt sagt er: „Wie wir uns das mit den Transfers gewünscht haben, ist es nicht gelaufen.“ Um nicht in den Verdacht zu kommen, dass das eine versteckte Kritik an Preetz sei, erklärt er: „Dieser Transfermarkt in der Pandemiezeit ist nicht normal. Da werden zu hohe Ablösesummen aufgerufen.“

Hertha hatte nicht nur einen Plan. Es waren mehrere. Früh waren die Hauptstädter mit dem Franzosen Jeff Reine-Adelaide von Olympique Lyon in Gesprächen. Doch der Ligue-1-Klub forderte für den 22-jährigen Mittelfeldspieler 30 Millionen Euro Ablöse. Bis zum Schluss wollte Preetz den Preis drücken, ohne Erfolg. Auch Plan B, eine Wiederanstellung von Marko Grujic, der zuvor zwei Jahre auf Leihbasis bei den Blau-Weißen spielte, scheiterte, weil der FC Liverpool 20 Millionen Euro Ablöse für den Serben kassieren wollte.

„Wir gehen verantwortungsvoll mit dem Geld um. Wir werden keinen Spieler für 30 Millionen kaufen“, erklärt Preetz. Kritiker werden ihm jetzt vorwerfen, dass er zu vorsichtig agiert hat. Das Argument der Skeptiker scheint ja auch einleuchtend zu sein. Hertha ist im Gegensatz zu vielen anderen Bundesliga-Konkurrenten in der Pandemie-Krise finanzstark. Diesen Vorteil müsse man konsequenter ausnutzen. Dabei wird aber vergessen, dass in dieser ungewöhnlichen Zeit mit Coronaviren, leeren Stadien und völlig überzogenen Preisen auf dem Transfermarkt auch dieser sonst so erfolgversprechende Weg – mit Geld zum Erfolg – nicht so einfach zu gehen ist.

Deswegen griff jetzt Plan C, um das zentrale Mittelfeld zu verstärken. Der 21-jährige Matteo Guendouzi vom FC Arsenal London, der gestern für ein Jahr unter Vertrag genommen wurde, ist eine temporäre Lösung, ein Leihgeschäft, um abzuwarten, ob sich die Preise für Spieler nach unten entwickeln. Dazu wurde Eduard Löwen vom FC Augsburg zurückgeholt und Arne Maier an Aufsteiger Arminia Bielefeld ausgeliehen. Für Innenverteidiger Karim Rekik, der für 4 Millionen Euro zum spanischen Klub FC Sevilla wechselt, kommt der 23-jährige Omar Alderete vom FC Basel. Der „Big-City-Club“ muss weiter warten.

Ist die Verpflichtung von Guendouzi, dem jungen Mann mit der langen Lockenmähne, nun aber mutlos? Eher nicht, es ist ein Wagnis mit Risiko. Das liegt nicht an den Vertragsmodalitäten, sondern am Charakter des Franzosen. Der Mittelfeldspieler mit marokkanischen Wurzeln wuchs in Poissy, der kleinen Autostadt mit 37.000 Einwohnern, 20 Kilometer vor den Toren Paris' auf. Guendouzi hatte sich schon als Fünfjähriger geschworen, nicht am Band des Peugeot-Werkes zu arbeiten. Er träumte von einer Karriere als Fußballprofi. Seine Vorbilder waren damals Patrick Vieira und Thierry Henry, die beim FC Arsenal Titel gewannen.

Der ehrgeizige Sprössling trainierte, sein Talent war schnell bekannt, und er bekam eine Chance in der Akademie des französischen Topklubs Paris Saint-Germain. Doch er machte sich selbst zu viel Druck, der ihn hemmte. 2014, da war er 15 Jahre alt, trennte sich PSG vom Lockenkopf. Er ging zum Nachwuchs des FC Lorient, dem Erstligisten aus der Bretagne. Dort stieg er nach drei in Jahren in die Profi-Mannschaft auf. Doch das reichte dem Talent nicht. Sein Ehrgeiz und sein aufbrausendes Temperament sorgten dafür, dass er sich mit Mitspielern stritt, vom Trainer verbannt wurde und dann seinen Vertrag nicht mehr verlängerte. Das war 2018.

Der FC Arsenal hatte da längst seine Scouts in die Bretagne geschickt und verpflichtete ihn. Für Guendouzi wurde sein Kindheitstraum wahr: endlich zum Lieblingsklub nach London. Doch auch da gab es im Juli Ärger, er wurde wieder mal vom Training ausgeschlossen. Der Premier-League-Klub plante in dieser Saison nicht mehr mit ihm. Die Qualitäten des französischen U21-Nationalspielers sind unbestritten. Ruhe am Ball, viel Übersicht, doch er ist eben auch ein Rebell mit Lockenmähne. Für Bruno Labbadia wird das eine echte Herausforderung. Langweilig ist dieser Transfer bestimmt nicht.