SevillaEs mutete irgendwie surreal an, als sich Joachim Löw hinter dem Podium erhob und die schwarze Maske über seinen Mund schob. Sichtlich angeschlagen hatte der Bundestrainer nach der 0:6-Lehrstunde von Sevilla in der virtuellen Pressekonferenz zwar Rede und Antwort gestanden, aber selten wirkten rund um die deutsche Nationalmannschaft so viele Fragen offen wie nach der Abfuhr gegen Spanien. Das verspielte Final-Four-Turnier in der Nations League stellte im Olympiastadion der andalusischen Provinzhauptstadt das mit Abstand geringste Übel dar, geht es doch jetzt darum, ob Löw wirklich der richtige Mann auf seinem Posten ist.

„Ob ich mir Sorgen um meinen Job machen muss“, sagte der 60-Jährige, „müssen sie andere fragen.“ Immerhin sprang ihm Oliver Bierhoff fast zeitgleich am ARD-Mikrofon zur Seite. „Das Vertrauen ist da, daran ändert auch dieses Spiel nichts“, erklärte der für die Nationalmannschaften zuständige DFB-Direktor. Doch der 52-Jährige hat die Antennen weit ausgefahren. Dass Bierhoff am Wochenende etwas überraschend erklärte, der Vertrauensbeweis für Löw sei vom Abschneiden bei der EM 2021 abhängig, wirkt plötzlich wie eine düstere Vorhersehung. Selten begleiteten den DFB-Tross so viele Zweifel wie am Mittwoch beim Rückflug nach Düsseldorf mit Zwischenstopp in München.

So manch einer sieht mit der höchsten Niederlage seit 1931 bereits das System Löw kollabieren. So viele Verdienste sich der Weltmeistertrainer auch für den deutschen Fußball erworben hat: Das WM-Debakel 2018, die 0:3-Pleite in der Nations League in den Niederlanden und nun die Gruselvorstellung gegen Spanien stehen für Tiefpunkte, die den Bundestrainer nicht von der Verantwortung entbinden. Die historische Demütigung mit der höchsten Pflichtspielpleite in 112 Jahren Länderspielgeschichte – als Rekordniederlage bleibt ein 0:9 gegen England aus dem Jahre 1909 in den Annalen – kratzt an Löws Vita, der sich doch mit seinem Ensemble viel weiter wähnte.

Der Fußballlehrer wirkte am Spielfeldrand fast schon apathisch. Auch die deutsche Trainerbank ließ die beschwingten Spanier an diesem Abend einfach gewähren. Alle nehmen damit einen bleischweren Rucksack aus dem Corona-Jahr 2020 ins EM-Jahr 2021, wo erst Ende März die nächste Länderspielmaßnahme ansteht. In seiner Analyse hatte der Südbadener von einem „rabenschwarzen Tag“ gesprochen. „Es hat überhaupt nichts funktioniert. Wir hatten keinen Zugriff, kein Zweikampfverhalten. Wir haben die Räume geöffnet, das Konzept verlassen und sind irgendwo rumgelaufen.“ Nur: Den müden, schwerfälligen Eindruck, den er seiner Mannschaft in die Mängelliste schrieb, machte der Trainer selbst auch. Neigt sich nach 189 Länderspielen Löws Amtszeit dem Ende entgegen? Hätte der DFB mitten in der Pandemie nicht selbst so viele Probleme, könnte es für Löw wie Bierhoff ungemütlich werden – so aber wird der Verband erst mal (teure) Personalkorrekturen vermeiden, zumal Macher Bierhoff sich mit der Zuständigkeit für die im Bau befindliche DFB-Akademie in Frankfurt hausintern fest verankert hat. Vermutlich wird die Trainerfrage bis zum EM-Turnier vertagt.

Doch der bislang angerichtete Imageschaden wirkt fatal. Der planlose Auftritt des Aushängeschilds A-Nationalmannschaft erschüttert die grundsätzliche Überzeugung. Der leblose Zerfall einer DFB-Elf, die zumindest in Mittelfeld und Angriff – abgesehen vom verletzten Joshua Kimmich – eigentlich in der für die EM gedachten Bestbesetzung antrat, erschreckte 7,34 Millionen Fernsehzuschauer und den ARD-Experten Bastian Schweinsteiger. „Als deutsche Nationalmannschaft muss man gewisse Werte vertreten“, mahnte der Weltmeister ob der erschreckenden Wehrlosigkeit.

Gegen denselben Gegner hatte die DFB-Auswahl Anfang September beim Remis (1:1) in Stuttgart noch auf Augenhöhe agiert, nun schien auf einmal ein Klassenunterschied zu bestehen. „Spanien hat es uns vorgemacht“, klagte der Wahl-Spanier Toni Kroos, der den gut bekannten Gegnern bei diesem gespenstischen Auftritt auch nur Begleitschutz gewährte. Beide taktischen Herangehensweisen hätten nicht funktioniert. Aber hatte die Mannschaft überhaupt einen richtigen Plan? Vielleicht hätte der auch gar nichts genützt, wenn Führungskräfte nicht führen und Nachrücker wie Robin Koch, Philipp Max oder Jonathan Tah der Überforderung enttarnt werden. Löw irrt gewaltig, wenn er die Qualitätsfrage negiert – in der Defensive ist die Mannschaft gerade so weit vom Weltklasseniveau entfernt wie deutsche Großstädte von einem beruhigenden Corona-Inzidenzwert. Wenn das Vertrauen des Trainers in seine Spieler auch nicht „völlig erschüttert“ sein soll, braucht es das Eingeständnis, dass Deutschland vielleicht auf absehbare Zeit keine Top-Ten-Nation im Weltfußball mehr ist.

Ausgerechnet in jener Partie, in der Manuel Neuer mit seinem 96. Länderspieleinsatz zum alleinigen Rekordnationaltorhüter aufstieg, ließen die Feldspieler ihren Kapitän so sträflich im Stich, dass dieser in wütender Oliver-Kahn-Manier beinahe in den Pfosten gebissen hätte. Immerhin war Neuer noch so gütig, sich von der Verantwortung fürs Debakel nicht auszunehmen: „Wir haben zusammen das Spiel vergeigt. Die Körpersprache und die Kommunikation waren zu wenig“, sagte der 34-Jährige, der die aufflammende Debatte über eine Rückholaktion der ausgebooteten Mats Hummels, 31 Jahre, Jerome Boateng, 32, und Thomas Müller, 31, nicht grundsätzlich vom Tisch fegte. „Es ist der falsche Zeitpunkt nach so einer Niederlage über Spieler zu sprechen, die nicht dabei sind.“ Aber Löw hat bisher so beharrlich das Comeback dieser Spieler ausgeschlossen, dass ein Kurswechsel jetzt einen weiteren Gesichtsverlust bedeuten würde. Sein Motto wird vermutlich heißen: Maske auf und durch.