Am Falkplatz sitzen die Menschen im Schneidersitz im Gras. Eine Frau liest auf der Parkbank in der Sonne ein Buch, zwei Männer unterhalten sich beim Feierabendbier. Es ist ruhig hier, entspannt. Benjamin Patch genießt die Szenerie. Er sagt, er liebe dieses Berlin. Der Volleyballer hat seine Sporttasche dabei, das Nachmittagstraining ist seit einer halben Stunde vorbei. Die Sonne, die demnächst untergeht, wärmt noch ein bisschen und sie scheint auf die Fassade der Max-Schmeling-Halle. Dort beginnt an diesem Donnerstag um 18.30 Uhr das zweite Finalspiel der Best-of-five-Serie um die deutsche Volleyball-Meisterschaft zwischen den BR Volleys und dem VfB Friedrichshafen. Die Berliner liegen in der Serie 0:1 zurück. Und Patch hat sich schon gedacht, dass jetzt diese Frage kommt, die ihm selber seit etwa einem Monat, ungefähr seit dem Beginn der Play-offs, die Ruhe raubt. „Du fragst jetzt bestimmt: Ben, was ist eigentlich los mit dir?

Ja, was ist los? Vögel zwitschern. Eine Frau schiebt einen Kinderwagen den Parkweg entlang. Patch lehnt sich zurück. „Ich bin wirklich müde“, sagt der Diagonalangreifer der BR Volleys. „Es ist eine mentale Müdigkeit. Das ist neu für mich. Ich kenne das nicht.“

Patch ist der nachdenkliche Riese

Benjamin Patch, 24, aus Layton, Utah, USA, spielt gerade seine zweite Saison als Volleyballprofi im Ausland. Er kennt vieles nicht. Vieles ist neu für den 2,05 Meter großen Kerl mit der unglaublichen Sprungkraft. Patch spielte voriges Jahr in Italien. Auf seiner Homepage stellt er sich als „freundlicher Riese“ vor. Er ist einer, den das Töpfern, vor allem aber die Fotografie begeistert. Als er jünger war, hat er gemodelt.

Neu für Patch ist die Belastung einer Spielzeit samt Play-offs, die von Oktober bis in den Mai hinein geht. Neu ist die Erwartung der Zuschauer, von denen nicht ein paar Hundert, sondern 4 000, 5 000, 6 000 zu den Spielen in die Max-Schmeling-Halle kommen. Neu sind die Erwartungen der Öffentlichkeit an eine Mannschaft, die in den vergangenen sieben Jahren sechsmal deutscher Meister wurde. Neu ist es für ihn, in einem Klub zu spielen, der den Anspruch hat, sich in Europas Spitze zu etablieren.

Gepunktet wie eine Maschine

Patch brauchte einen langen Anlauf in die Saison. Erst nachdem Ende Januar der Russe Sergej Grankin als Zuspieler und Führungsfigur nach Berlin kam, zeigte er all das, was Manager Kaweh Niroomand veranlasst hatte, ihn als Königstransfer zu verpflichten: Er knallte die Aufschläge ins gegnerische Feld. Er glänzte mit Angriffsquoten von mehr als 60 Prozent. Er punktete wie eine Maschine und schien bei jedem Angriff Sprungfedern unter der Sohle zu haben. Er kaute Kaugummi, lachte und tanzte auf dem Feld.

Seit dem Beginn der Play-offs ist alles anders. Patch ist keine Maschine. Sein Aufschlag funktioniert kaum noch. Patch wirkt verzagt. Der gegnerische Block hat oft leichtes Spiel mit ihm. Mal nahm ihn Trainer Cédric Énard vom Feld, mal quälte er sich durch die Partie. Im Viertelfinale gegen Düren rutsche dem US-Nationalspieler ein Aufschlag unter dem Netz durch. Da bekam der freundliche Riese Angst. „Mich nicht unter Kontrolle zu haben, das kannte ich nicht“, sagt Patch. Was sollten die Leute denken? Was solle er selber denken? Leistungssportler, erst recht, wenn sie so groß und muskelgepanzert sind, müssen doch funktionieren. „Das Publikum will nicht, dass Athleten menschlich sind“, glaubt Patch, der so gern die Energie von den Rängen spürt, die ihn normalerweise trägt. Jetzt spürt er manchmal Beklommenheit.

Therapie zur Erlösung

Die Berliner gewannen dieses Heimspiel. Als der Angreifer die Zuschauer in der ersten Reihe abklatschte, rief einer: „Patch, wach auf.“ Aber Patch war wach. Hellwach. Nur waren da ständig diese Gedanken, ein nie gekannter Stress: „Mein Job basiert auf Leistung. Ich werde dafür bezahlt. Sechs andere Spieler hängen von mir ab. Und ständig begleitet mich die Frage: Bist du gut genug?“ Patch dachte, er sei verrückt.

Es half ihm, dass Volleyballkollegen aus dem US-Nationalteam ihm sagten, sie hätten solche Stresssituationen auch durchlebt. Es half ihm, als er las, dass die Schwimmerin Missy Franklin, die als 17-Jährige bei Olympia 2012 in London vier Goldmedaillen im Becken gewonnen hatte, irgendwann aufhörte zu funktionieren und ihr Körper jedes Mal erstarrte, wenn die Startpistole einen Schuss abfeuerte. Manche zerbrachen an den Erwartungen, am Stress. Michael Phelps, einer der erfolgreichsten Sportler der Olympia-Geschichte brauchte zur mentalen Erlösung eine Therapie.

Duell der Giganten

„Wahrscheinlich gibt es einen Grund, warum viele Athleten erst ab 30 Jahren ihr Toplevel gefunden haben“, vermutet Patch.
Manager Niroomand nahm ihm etwas vom Druck, verwies auf das Alter seines Diagonalangreifers. „Ja, ich bin noch jung. Und erst seit sechs Jahren Volleyballer“, sagt Patch. Mit 17 begann er den Sport. Mit 19 pausierte er zwei Jahre lang, weil er sich den Mormonen anschloss. „Aber diese Religion war nichts für mich.“ Er kehrte zur Uni zurück und zum Volleyball, wo er derart überzeugte, dass er mit 21 Nationalspieler wurde. 2018 war er mit Team USA Dritter bei der WM und in der Nations League. Meist saß er dabei auf der Ersatzbank in einem kurzärmeligen T-Shirt – so ähnlich wie jetzt auf der Parkbank. Der Volleyballer schaut hinüber zur Max-Schmeling-Halle, er liebt auch dieses laute, energiegeladene Berlin da drinnen. Die Sonne verschwindet allmählich hinter den Bäumen. Patch sagt: „Wettkampf ist großartig. Aber vielleicht wetteifere ich zu sehr mit mir selbst.“

Nun geht es wieder gegen Friedrichshafen, Meister gegen Rekordmeister, das „Duell der Giganten“. Im ersten Spiel lief es bei fast allen Berlinern schlecht. Trainer Enard wechselte Patch schon im ersten Satz aus. Der Mann auf der Position des Punktelieferanten lieferte keine Punkte. „Er muss aufhören, zu denken und einfach das zeigen, was er kann. Jetzt ist Finalzeit, nicht Denkzeit“, meint Ènard.

Manager Niroomand weiß, dass es schwierig wird, wenn die Berliner am Donnerstag den ersten Satz nicht gewinnen, dass die Titelverteidigung fast unmöglich wird, wenn auch Spiel zwei verloren geht. In der Vergangenheit kreierten solche Extremsituationen bei Berlins Schlüsselspielern besondere Aggressionen, besondere Leistungen. „Ich bin keiner, der sagt: Ich werde sie killen. Ich mache sie nieder“, sagt Patch. Er macht dabei eine Armbewegung, die zu einem fiesen Rapper, aber nicht zu einem freundlichen Riesen passt. Patch merkt das sofort selbst. Er muss über sich lachen. Er sagt, er freue sich darauf, am Abend die Energie des Publikums zu spüren, die in den Play-offs anders sei. Größer, heftiger. Patch sagt, er freue sich darauf, wieder gut zu sein, nach der Partie sagen zu können: „Ich habe alles hineingelegt, was ich hatte.“