Um zum ersten Mal seit vier Jahren wieder in ein Playoff-Halbfinale einzuziehen, brauchen die Eisbären am Dienstagabend (20 Uhr) einen Auswärtssieg in Mannheim. Diese Aufgabe wird alles andere als einfach, denn die letzten 16 Duelle zwischen diesen beiden Mannschaften gewann das Heimteam. Dennoch gibt es viele Gründe, die dafür sprechen, dass die Berliner diese Serie für sich entscheiden:

Fitness 

Das 4:3 am Sonntag war bereits das zweite Spiel innerhalb von 23 Tagen, das über 100 Minuten und in die dritte Verlängerung ging. Wie schon beim 3:2 am 3. März in Straubing, das den Weg ins Playoff-Viertelfinale ebnete, wirkten die Berliner bis zum Schluss relativ spritzig und aggressiv, während sich die gegnerischen Teams gerade noch so auf den Beinen halten konnten. Und sich vor allem auf Befreiungsschläge konzentrierten, was nicht selten zum Icing und anschließendem Bully führte.

Sowohl die Eisbären als auch die Adler müssen die gleiche Belastung kompensieren und haben eine anstrengende Reise nach Mannheim hinter sich. Niemand profitiert also unmittelbar von dem siebtlängsten Match der DEL-Geschichte. Je länger das Entscheidungsspiel fortschreitet, desto mehr dürften die Chancen für die Eisbären steigen, tatsächlich einen Coup zu landen.

Wille

Das Saison-Aus war greifbar nah am Sonntag. 3:0 zu führen, dann den Ausgleich zu kassieren, wirkt sich in der Regel nicht gerade belebend aus. Doch gerade in dieser Phase reifte der Wille, diese Serie noch fortzuführen. Und dafür zu kämpfen, bis sprichwörtlich die Lichter ausgehen. Es war nicht das erste Mal, dass die Berliner nach einem Tiefschlag stärker zurückgekommen sind. Spiel eins, in dem der EHC auswärts 3,5 Sekunden vor dem Ende noch eine Führung verspielte, hätte schon zum Stimmungskiller für die gesamte Serie werden können. Doch die anschließenden Spiele haben gezeigt, wie gut sich die Eisbären erholen können.

Die Adler haben in besagtem ersten Spiel unbedingten Willen gezeigt, die Niederlage abzuwenden. Zum ersten Mal geht es jetzt aber um alles oder nichts. Bislang waren sie noch nicht mit dem Ausscheiden konfrontiert. „Du brauchst die richtige Balance zwischen Fokus und Lockerheit“, weiß Berlins Assistenztrainer Marian Bazany.

Druck 

„Mir fällt sofort Köln ein“, sagt Marcel Noebels, Siegtorschütze zum 4:3 nach Verlängerung. Schon im vergangenen Jahr mussten die Eisbären über sieben Spiele gehen und verpatzten dann das entscheidende Match in Berlin. Hier war offensichtlich, wie viel Druck auf der Heimmannschaft lastet. Diese Bürde haben nun die Adler zu tragen, die als klarer Favorit in dieses Duell gestartet sind.

Ein besonderer Mutmacher aus Berliner Sicht ist das letzte Playoff-Aufeinandertreffen im Finale 2012. Damals führten die Adler zu Hause mit 5:2 und fühlten sich schon als sicherer Champion. Dann aber drehten die Eisbären das Spiel und holten den sechsten von sieben Titeln. „Das ist in den Köpfen immer noch drin“, glaubt Eisbären-Legende Sven Felski.

Form 

Die Adler waren die Mannschaft der Hauptrunden-Schlussphase. Erst am letzten Spieltag wurden sie vom Meister EHC München noch von der Tabellenspitze verdrängt. „Das ist in allen Bereichen eine Top-Mannschaft“, wurde Cheftrainer Uwe Krupp nicht müde zu erwähnen. Das zu konservieren, fällt nicht so leicht.

Die Eisbären schleppten sich bekanntlich durch die Hauptrunde und nahmen erst am letzten Hauptrunden-Spieltag richtig Fahrt auf. Strafzeiten, Powerplay, mangelnde Effizienz − die vielen Schwächen der vorherigen Monate sind zwar nicht komplett verflogen, aber doch deutlich reduziert.

Ausgeglichenheit 

Matthias Plachta und Chad Kolarik haben den Eisbären schwer zu schaffen gemacht. Plachta schoss in sechs Spielen ebensoviele Tore, Kolarik punktete in allen zehn Aufeinandertreffen in dieser Saison. Abgesehen von diesen Topscorern und ihren Sturmpartnern sind die Mannheimer Offensivbemühungen überschaubar.

Die Berliner hingegen sind sehr vielseitig. Noebels und Nick Petersen wussten am Sonntag besonders zu überzeugen. Auf die ganze Serie gesehen, fiel kaum eine Reihe ab. Julian Talbot fand zurück zu alter Stärke, Florian Busch präsentierte sich als Top-Vorbereiter, Laurin Braun zeigte ungewohnte Qualitäten im Abschluss, Jamie MacQueen wurde zum König der Pre-Playoffs auserkoren.

Torwart 

Bei Mannheim wechseln sich die Torhüter ab, „weil wir zwei gute haben“, wie Trainer Sean Simpson stets zu überzeugen versucht. Allerdings haben sich weder Drew MacIntyre noch Nationaltorwart Dennis Endras bislang als zuverlässiger Rückhalt gezeigt. Es hat sogar den Anschein, dass die Konkurrenz die beiden eher verunsichert als die jeweilige Leistung zu steigern.

Petri Vehanen ist der Alleinunterhalter. Der Finne im Berliner Kasten spielte bislang jede Playoff-Minute. Trotz seiner 39 Jahre zeigt er bislang keinerlei Ermüdungserscheinungen. In kniffligen Situationen behielt er meist den Überblick. Seine unaufgeregte, nordische Art kann bestimmt nicht schaden, wenn es vor rund 13.000 Zuschauern zur Sache geht.