Berlin - Sie haben es tatkräftig versucht, und die öffentliche Mobilmachung war tatsächlich kaum zu übersehen. Überall im Stadtbild prangten zuletzt großformatige Spielankündigungsplakate auf Werbetafeln und Häuserfassaden. Links der Berliner Bär, rechts der Kölner Geißbock, dazwischen der goldene Pokal. Und wer die Homepage des BFC Dynamo aufrief, konnte die passende Botschaft lesen: „Runter von der Couch, auf ins Stadion!“ Aber bitte ins Olympiastadion, nicht vergessen, tief im Westen, denn außerplanmäßig traf der BFC nun mal dort auf den 1. FC Köln. Sonne, Sonntag, Nachmittag. Erste Runde, Regionalliga Nordost gegen Zweite Bundesliga. Wie so oft die große Hoffnung der Kleinen, etwas Historisches zu leisten. Etwas, das bleibt und vielleicht ja sogar den Kauf der limitierten Wimpel (vierzig Stück) oder Sondertrikots (einhundert) rechtfertigt. Oder einfach nur im dynamischen Sprech des BFC: Alarmstufe Weinrot.

Es gab sie dann wirklich, diese knapp zwei Spielminuten, als im Unterring der Gegengerade, wo die Fans des BFC Dynamo es sich gemütlich gemacht hatten, eine Sensationsstimmung herrschte. Wo sie sich ungläubig abklatschten, umarmten und ihren Support verstärkten, nicht ahnend, wie schlimm es noch kommen sollte, dass sie neunmal den Gegentorfrust spüren würden, am Ende das Fußballgefühl namens Pokal-Aus.

Alarmstufe Heißrot

Aber noch war da Freude. Und wer obenrum bekleidet auf seinem Sitzplatz stand, konnte es sich erst mal anders überlegen, denn plötzlich war es noch wärmer geworden. Alarmstufe Heißrot. Der BFC führte ja, zum allerersten Mal im siebten Pokalanlauf seit Anfang der Neunzigerjahre, kein Tor war dem Klub zuvor gelungen. Ein bisschen historisch war dieser Tag also doch.

Es flog ein weiter Einwurf in den Strafraum der Kölner, gefolgt von einem Luftduell, bei dem drei Köpfe nicht den Ball trafen, der also noch einmal aufsprang und wohl nicht mit voller Absicht von Mateusz Lewandowski zu Patrik Twardzik befördert wurde. Der schoss dann einfach mal, traf sogar. Das 1:0 nach knapp zwanzig Minuten für den BFC hatte sich in etwa so sehr abgezeichnet wie ein Gewitter am wolkenlosen Himmel. War das Team Trainer René Rydlewicz nun auf dem richtigen Weg?

Wilde Gesten

Vielleicht war der BFC gar nicht vorbereitet auf diese Situation, und vielleicht waren die Spieler noch zu sehr damit beschäftigt, dieses Tor irgendwo einzuordnen zwischen Realität und Traum. Jedenfalls waren eben jene zwei Jubelminuten später nur fünf halbwache Berliner Abwehrspieler damit beschäftigt, fünf Kölner Angreifer an einem Konter zu hindern. Was ihnen nicht gelang. Keiner störte den Ball führenden Vincent Koziello, keiner hatte Simon Terodde im Blick, der dann nur noch zum 1:1 ins Eck einschieben musste.  

Der Ausgleich war natürlich verdient, Terodde hatte bereits zuvor mindestens zwei Chancen vergeben. Der Ausgleich war aber noch mehr. Er war der Anfang von etwas, das Rydlewicz zunächst mit wilder Gestik verhindern wollte, später nur noch stoisch hinnahm und gelegentlich mit dem Schiedsrichter besprechen wollte. Denn noch ehe der Stadionsprecher in der Halbzeit wiederholen konnte, dass der BFC ja ohne fünf verletzte Stammspieler antreten musste, hatten sie Kölner ein zweites, ein drittes und ja, sogar ein viertes Tor nachgelegt.

Allenfalls Schadensbegrenzung war noch möglich in der zweiten Halbzeit. Aber dazu war dieser BFC an diesem Tag nicht fähig. Die Kölner mussten sich nicht mal sonderlich anstrengen, um nach knapp einer Stunde das fünfte Tor zu schießen und dann in einer Viertelstunde drei weitere. Torwart Bernhard Hendl schimpfte, aber es hörte keiner mehr zu. Sie schleppten sich zum Anstoßkreis, versuchten mal einen langen Ball, um dann gleich wieder die Köpfe hängen zu lassen. Nummer sieben, acht, neun. Die zweibeste Nachricht des Tage: Es wurde nicht zweistellig. Die beste: Die Zuschauerzahl betrug 14.347. Neuer Vereinsrekord. Immerhin. Dennoch gab Rydlewicz eine Art Hilferuf ab: „Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir in der Liga und im Pokal nicht konkurrenzfähig sind. Demnach müssen wir personell was tun!"