Pokalspiel: Nur einer ist unersetzlich bei Union

Einem Fußballtrainer die Wahrheit zu entlocken, bedarf einer gemeinsamen Anstrengung. Zumal sich einer wie Jens Keller nicht so leicht in die Enge treiben lässt. In der Pressekonferenz vor der Zweitrundenpartie des 1. FC Union im DFB-Pokal bei Bayer Leverkusen (heute 18.30 Uhr/Sky) versuchte es daher die Berliner Journalistenschar mit einer medienübergreifenden Frageattacke.

Das Resultat war zum Schmunzeln. Wie viel Rotation kann man machen? Kellers Antwort: „Elf.“ Wer hätte das gedacht, es heißt ja nicht umsonst Startelf. Also noch eine versteckte Annäherung, mit dem Ziel, die geheimen Wechselabsichten des Coaches aufzudecken: Wie viel Rotation ist sinnvoll? „Elf.“

Ja, die Laune bei Unions Cheftrainer ist derzeit prima, die Zuversicht groß, und eine Prise Humor hat noch nie geschadet. Doch sollte sich niemand täuschen lassen: Was als Scherz getarnt war, ist gar nicht weit weg von der Wahrheit. Das ist das Eindrucksvollste nach knapp 16-monatiger Tätigkeit von Keller in Köpenick: dass es sich Union tatsächlich erlauben kann, die Mannschaft für ein Pokalduell mit einem Bundesligisten komplett durcheinanderzuwirbeln, ohne dass dies Ausdruck von Größenwahn ist oder einer Kapitulation gleichkommt.

Weiterkommen ist wichtig

Keller ist es gelungen, ein Kollektiv zu formen, in dem sich jeder wertgeschätzt fühlt, egal, ob er zur ersten Elf oder nicht mal zum Spieltagskader gehört. Nach dem Sieg gegen Fürth, den Publikumsliebling Steven Skrzybski in Gänze von der Ersatzbank beobachtet hatte, nahm der Coach den 24-Jährigen in den Arm und flüsterte ihm liebe Worte ins Ohr.

„Steven war ein sehr wichtiger Spieler letztes Jahr, und das wird er auch dieses Jahr sein“, wiederholte er sein Lob nun. „Wenn er gar nicht reinkommt, ist es klar, dass er nicht sehr erfreut ist. Es ist meine Aufgabe, die Jungs mitzunehmen, die nicht auf dem Platz standen und ihnen zu sagen, dass jeder ein Teil von einem Sieg ist.“

Zur Streicheleinheit fürs Fußballergemüt gehört, dass den Worten Taten folgen, indem das Vertrauen in die Fähigkeiten der (temporären) Ersatzleute durch Einsätze sichtbar wird. Trotzdem, bei allem Verständnis für Teampsychologie: Ist es nicht eine vertane Chance, gegen Leverkusen nicht die besten Unioner auflaufen zu lassen?

Ein paar Leistungsunterschiede gibt es im Berliner Kader schließlich doch, in der Liga hat die Mannschaft Aufwind, und ein Weiterkommen im Pokal ist aus Finanz- und Werbesicht wichtig. „Wenn man am Sonnabend 125 Kilometer läuft, ist die Mannschaft nicht in der Lage, am Dienstag mit voller Energie zu spielen. Wir spielen nicht international, wir sind das nicht gewohnt“, erklärte Keller, weshalb eine müde Stammelf schlechter ist als eine ausgeruhte Ersatzformation. „Wenn wir in Leverkusen bestehen wollen, brauchen wir Energie.“

Die Standards schießt er mit der Präzision

Auf der Bank findet er diesbezüglich eindrucksvolles Personal. Die eigentlich ziemlich stammkräftigen Damir Kreilach, Stephan Fürstner, Marc Torrejón etwa und besagten Skrzybski. Tauscht Keller also wirklich elfmal? Nein.

Denn einer ist (mal wieder) nicht zu ersetzen: Christopher Trimmel. Der 30-Jährige hat zum einen sehr wohl schon international gespielt und ist es zum anderen sowieso gewohnt, immer aufzulaufen. In dieser Saison bekam er bislang nur eine Verschnaufpause (Niederlage in Sandhausen), sogar in der ersten Pokalrunde musste er eine Stunde ran.

Als Reaktion auf die Verpflichtung von Atsuto Uchida, der weiter mit Muskelfaserriss ausfällt, legte der Rechtsverteidiger noch eine Schippe auf die starke Vorjahresleistung drauf. Die Standards schießt er mit der Präzision einer Atomuhr, hinten gibt es an ihm kein Vorbeikommen, und vorne setzt er die Kollegen derart in Szene, dass Nutznießer Akaki Gogia nach dem Treffer zum 2:0 gegen Fürth hin und weg war von Trimmels Übersicht:„Das war überragend.“

Aufpoliertes Selbstbewusstsein

Die Gewissheit, sich gegen den nachverpflichteten japanischen Superstar durchgesetzt zu haben, hat Trimmels Selbstbewusstsein derart auf Hochglanz poliert, dass es ihn nicht mal kratzt, dass er sich am Dienstag einem von Deutschlands hoffnungsvollsten Offensivtalenten gegenübersieht: dem formstarken Linksaußen Julian Brandt (drei Tore und drei Vorlagen in neun Bundesligapartien). „Wir stecken jetzt voller Selbstbewusstsein“, teilte der 21 Jahre alte Nationalspieler nach dem 5:1 gegen Mönchengladbach mit Verweis auf Union mit.

Vor fünf Jahren setzte sich Trimmel schon mal gegen ein 21 Jahre altes Supertalent im Trikot von Bayer Leverkusen zur Wehr. Im Europapokal mit Rapid Wien. André Schürrle musste im Hinspiel nach einer Stunde raus, im Rückspiel schoss er dann ein Tor.

Maximal acht neue Kollegen

Was vermutlich daran lag, dass Trimmel im Mittelfeld zum Einsatz kam. „Es ist eine riesen Möglichkeit für jeden Spieler“, sagt Unions Abwehrspieler nun. „Wir können den Verein wieder super präsentieren. Es könnte wieder ein großer Tag werden für Union.“

Vermutlich werden ihm maximal acht neue Kollegen dabei zur Seite stehen, weil auch der Linksaußen und ein Innenverteidigerposten mit einem Spieler aus der Ligastartelf besetzt wird. Acht. Das würde eine sanfte Steigerung der Rotationszahl bedeuten.

Sechs Wechsel waren es vergangenes Jahr in Dortmund, sieben dieses Jahr in Saarbrücken. Ginge es so weiter, wäre Keller bis zum Halbfinale bei seiner Wunschzahl elf angekommen. Im Finale tritt dann das Trainerteam an. Oder eine Fanauswahl. „Er ist ein Trainer, der mit sich reden lässt“, sagt Trimmel übrigens. Aber das ist jetzt aus dem Zusammenhang gerissen.