Polnischer Fußballverein: Wie der FC Polonia in Berlin um Anerkennung kämpft

Wettkampfcharakter, das ist es, was sie angespornt hat. Bolzen im Park macht zwar Spaß, aber es hat sie motiviert, sich mit anderen Mannschaften zu messen, den Vereinsnamen in der Tabelle zu sehen und um den Aufstieg zu kämpfen. Die Liebe zum Fußball vereint, viel stärker allerdings verbinden noch die gemeinsamen Wurzeln. „Wettkampfcharakter, das ist es vielleicht, was uns Polen ausmacht“, sagt Radoslaw Singer. Der 32-Jährige hat es früher geliebt, sich im Park mit Gleichgesinnten zum Kicken zu treffen, heute steht er im roten Trainingsanzug vor den Kabinen. Im Schaukasten neben dem Eingang hängt der Wimpel seines Klubs: FC Polonia Berlin.

Mit 41 Punkten führt der FC Polonia derzeit die Staffel 4 der Kreisliga C an. Seit ihrer Gründung 2012 durch eine Gruppe polnischer Freunde, die ein bisschen mehr Professionalität anstrebten, sind sie regelrecht durchmarschiert von Liga zu Liga, Saison für Saison. Vor sechs Jahren starteten die Polen in der Freizeit-Kreisliga, stiegen sofort in die Freizeit-Bezirksliga auf und nach einer Saison ohne Niederlage in die Landesliga. In der Verbandsliga qualifizierten sie sich schließlich für den regulären Spielbetrieb, für die Kreisliga C. Wie sie das geschafft haben? „Diszipliniertes und intensives Training“, sagt Singer, „wir nehmen das alles sehr ernst.“ Doch für so einen rasanten Aufstieg, braucht es etwas mehr als das.

Diplomaten mit Fußballschuhen

Genau gegenüber der Borsigwerke in Berlin Tegel liegen zwei frisch sanierte Fußballplätze. Hier trainieren dreimal die Woche um die zwanzig Männer in ihren rot-weißen Trainingsklamotten. Einer von ihnen ist Michal Wosch. Vor 27 Jahren wurde er in Neukölln geboren, in dem Jahr in dem seine Eltern von Polen nach Berlin ausgewandert waren. Seitdem er laufen kann, spielt er Fußball. Er tat dies in vielen Vereinen, zuletzt beim Cosmos United, aber keine Mannschaft ist für ihn mit dem FC Polonia zu vergleichen.

Neben dem rot-weiß-goldenem Vereinslogo mit dem Adler in der Mitte, ist rechts auf dem Trikot das Wappen Polens zu sehen, und darauf ist Wosch sehr stolz: „Wir repräsentieren nicht nur unseren Verein, sondern wir vertreten immer auch Polen, auf dem Sportplatz, aber auch bei allen anderen Sachen, die wir machen. Deshalb versuchen wir uns immer von unserer besten Seite zu zeigen.“ Der 27-Jährige und seine Klubkameraden sehen sich als eine Art sportliche Diplomaten.

Was für andere Fußballvereine ein reines Hobby ist, bedeutet für FC Polonia der Kampf um Anerkennung. Polen haben nicht immer einen guten Ruf in Berlin, der FC Polonia möchte etwas zu einer positiven Entwicklung beitragen. „Wir machen alles dafür, dass unser Verein ein bisschen Erfolg hat, wir haben nichts zu verlieren“, sagt Singer, der Spieler der zweiten Mannschaft vom FC Polonia ist.

Dabei geht es zum einen um die Integration nach Innen: „Polen, die frisch nach Berlin kommen und ihre Heimat vermissen, für die schafft solch ein Fußballverein Nähe zu ihren Landsleuten. Der Start in Deutschland wird ihnen somit etwas leichter gemacht“, sagt Singer, der selber vor sechs Jahren nach Deutschland gekommen ist und in Berlin als Lehrer an einem Gymnasium arbeitet.

Zum anderen geht es um die Integration in die deutsche Gesellschaft, und um die Weitergabe der polnischen Geschichte. Deshalb ist der Verein auf polnischen Festen im Rathaus Reinickendorf vertreten oder feiert am 19. Mai den 100. Jahrestag der Unabhängigkeit Polens mit einem Fußballturnier. Dazu sind deutsche und polnische Mannschaften aus Deutschland eingeladen, darunter der Polnische Olympia Club.

Über die Bezirke verstreut

Es ist der ältere der beiden polnischen Fußballvereine Berlins, den Polnischen Olympia Club gibt es seit 29 Jahren. Seine erste Mannschaft wird wohl aus der Freizeit-Verbandsliga absteigen. Sportlich hat der FC Polonia die Kollegen aus Spandau binnen kurzer Zeit eingeholt, aber auch was Klubangehörige und Fans betrifft, liegt er vorn: 100 Vereinsmitglieder versus 85, 2 400 Facebook-Fans versus 1 200. Dafür verfügen die Spandauer über eine Ü40-Mannschaft; die Reinickendorfer bauen derzeit mit zwei Jugendmannschaften ihren eigenen Nachwuchs auf, wollen auf einer selbst gelegten Basis weiter wachsen. Es ist beinahe erstaunlich, dass es nur zwei polnische Fußballklubs in Berlin gibt, denn Polen stellt nach der Türkei und vor Syrien die zweitmeisten Einwanderer in der Stadt (siehe Infokasten).

Sebastian Siekiera ist der Vorstandsvorsitzende vom Olympia Club, er pflegt eine freundschaftliche Beziehung zu FC Polonia und findet: „Es könnte noch mehr polnische Fußballvereine in Berlin geben.“ Denn es gibt etliche polnische Fußballer, die höherklassig spielen, nicht nur bei den Erwachsenen, auch im Nachwuchs. Doch sie gehören oft dem Verein in ihrem Stadtteil an. Nicht alle nehmen 32 Kilometer Fahrtweg auf sich, um zum Training zu fahren, so wie Radoslaw Singer zweimal die Woche. Vor allem Kindern und Jugendlichen ist das nicht zuzumuten.

Mit dem Projekt „United Polonia Berlin“ sollen deshalb künftig der polnische Fußball-Nachwuchs aus ganz Berlin gefördert werden. Singer gründete die Auswahlmannschaft, um die polnische Gemeinschaft zu stärken, „aber hier geht es vor allem um den Wettkampf“.

Auf der Suche nach Lewandowski

Der polnische Wettkampfcharakter – vielleicht führt er dazu, dass ein neuer Robert Lewandowski von einem Scout entdeckt wird und eines Tages vielleicht auch beim FC Bayern landet. Am 1. Mai wird United Polonia Berlin an seinem ersten Turnier in Słubice an der deutsch-polnischen Grenze teilnehmen. Und vielleicht kann auch das Gefühl weitergegeben werden, das Michal Wosch hat, wenn er sein Trikot mit der polnischen Flagge trägt und sich ein bisschen wie ein Nationalspieler fühlt.

Wosch ist sich sicher, mit dem aktuellen Kader ist es für den FC Polonia möglich, eine Liga oder noch höher zu spielen. Am Sonntag haben sie gegen den FC Karame 78 den 13. Saisonsieg verpasst, das Spiel endete 2:2. Mit einem Erfolg am kommenden Sonntag (15 Uhr, Körtingstraße 41, 12107 Berlin) gegen den SV Süden 09 II, würden sie dem Aufstieg ein gutes Stück näher kommen. Singer lacht und sagt: „Wir sind wie Bayern München in der Bundesliga.“