Eigentlich war der Tag für die deutsche Biathlon-Staffel lange vor dem Rennen gelaufen. Am Vormittag hatte der Deutsche Olympische Sportbund eine positive Dopingprobe aus seiner Mannschaft bekannt gegeben. Es hatte nicht lange gedauert, bis die Deutsche Presse-Agentur die Anonymität aufhob und der Probe eine Schuldige zuwies: Evi Sachenbacher-Stehle, ursprünglich Langläuferin, aber vor zwei Jahren zum Biathlon gewechselt.

Zwar wollte aus dem deutschen Team zunächst niemand den Namen bestätigen, doch stand da lange fest, dass die Mannschaft den Spielen den größten Dopingskandal beschert hat. Eine Stunde vor dem Rennen war die Anhörung Sachenbacher-Stehles durch die Disziplinarkommission des Internationalen Olympischen Komitees beendet und auch die B-Probe analysiert worden. Die deutsche Biathletin war längst von den Olympischen Spielen ausgeschlossen und abgereist, als es losging.

Und doch mühte sich ein Sprecher des Deutschen Skiverbandes, kurz vor dem Start der Staffel im Medienzentrum den Fall herunterzuspielen: Er sagte, es handele sich offenkundig um eine Stimulanz, die auch in Nahrungsergänzungsmitteln vorkommt. Ein Versehen sei wahrscheinlich, all das eben, was nach Positivproben für gewöhnlich erst mal vorgebracht wird, um den Imageschaden zu minimieren, soweit das möglich ist. Auch der deutsche Biathlon-Cheftrainer Uwe Müssiggang äußerte sich schon vor dem Rennen zur Substanz: „Wir weisen die Mädels immer wieder darauf hin, dass sie so etwas nicht nehmen sollen. Was mich so ärgert, ist die Dummheit.“

Sein Verband hatte schon am Vortag bekannt gegeben, dass Sachenbacher-Stehle in der Staffel fehlen würde. Das schien erstaunlich, weil sie beim Massenstart die Bronzemedaille nur um 0,3 Sekunden verpasst hatte. „Aber Evi“,  hatte Bundestrainer Gerald Hönig erklärt, „hatte die meisten Rennen, und sie hatte in der Mixed-Staffel Probleme, sich gut zu konzentrieren.“ Franziska Preuß, Andrea Henkel, Franziska Hildebrand und Laura Dahlmeier traute man größere Chancen zu, zumal die vier im Dezember in Frankreich einen Weltcup-Sieg geschafft hatten.

„Wieso jetzt Evi?“

Sachenbacher-Stehle ahnte da noch nichts von ihrem Schicksal, denn sie postete auf Facebook: „Ich bin leider nicht dabei. Hoffentlich ist das Glück Morgen auch mal auf unserer Seite und die Mädels können die ersehnte Medaille holen. Ich werde am Streckenrand beim Anfeuern alles geben!“ Erst abends, als sie  zur Athletenfeier im Deutschen Haus kam, nahm der Chef de Mission des deutschen Teams, Michael Vesper, der Generaldirektor des DOSB, sie zur Seite und verschwand mit ihr, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Doch als der Start gestern kam, fehlte sie natürlich an der Strecke, und an Siege war nicht mehr zu denken. Gleich die deutsche Auftaktläuferin Franziska Preuß stürzte, als ihr Stock brach, sodass sie vor dem Schießen erst mühselig ihr Gewehr säubern musste. Preuß war zuvor in Sotschi eher nicht für ihre Nervenstärke aufgefallen: Nach dem zweiten von vier Schießen hatten die Trainer ihre weinende Athletin mit fünf Fehlern im Einzelrennen herausgenommen.

Gestern lief es kaum besser. Allerdings half den Deutschen der weitere Verlauf ein wenig aus der Patsche, weil Olympia wieder einmal eine der anrührenden Geschichten erlebte, sodass die deutsche Peinlichkeit kurzzeitig in den Hintergrund rückte: Ausgerechnet die Staffel der Ukraine gewann am Tag nach den schwersten Zwischenfällen, die daheim über 70 Todesopfer gefordert hatten, in Sotschi die Goldmedaille. Deutschlands Frauen endeten auf Rang elf und bescherten damit den Biathleten das schlechteste Olympia-Abschneiden seit 1976. Statt der prognostizierten vier bis sechs Medaillen, steuerten sie nur eine Silbermedaille zur deutschen Bilanz bei.

Die Deutschen liefen derweil in Sotschi erst nach dem Rennen zu großer Form auf: Sie führten ein kleines Schauspiel auf, als sie sich ahnungslos gaben, dass eine aus ihrem Kreise positiv getestet worden sei. „Wir haben ’ne Mannschaftsbesprechung gemacht. Da wurde angedeutet, dass so ein Fall vorliegt. Trotzdem haben wir versucht, das beiseitezuschieben. Wir wollten heute noch mal ein anständiges Rennen zeigen“, sagte Franziska Hildebrand. Als sie nach Sachenbacher-Stehle gefragt wurde, antwortete sie scheinheilig: „Wieso jetzt Evi?“ Von dem Verdacht habe sie angeblich „noch nicht gewusst“.

Der schlimmste Albtraum

Nur Minuten später räumte Evi Sachenbacher-Stehle selbst alle Zweifel aus. „Ich erlebe gerade den schlimmsten Albtraum, den man sich vorstellen kann. Denn ich kann mir überhaupt nicht erklären, wie es zu dieser positiven Dopingprobe gekommen ist. Selbst entsprechende Nahrungsergänzungsmittel hatte ich vorher im Labor prüfen, beziehungsweise mir die Unbedenklichkeit von den Herstellern bestätigen lassen, um immer auf der sicheren Seite zu sein“, ließ sie schließlich schriftlich verbreiten, „ich kann im Moment nur allen Beteiligten ausdrücklich versichern, dass ich zu keinem Zeitpunkt bewusst verbotene Substanzen zu mir genommen habe und alles daran setzen werde, diese Sache lückenlos aufzuklären.“

Der DOSB bestätigte daraufhin, dass es sich bei dem bei einer Dopingkontrolle am Montag, 17. Februar 2014, nach dem Massenstart-Rennen nachgewiesenen Mittel um die verbotene Stimulanz Methylhexanamin handelte. Allerdings steht Sachenbacher-Stehles Glaubwürdigkeit in Zweifel, schließlich zählt sie zu den erfahrensten Athleten. Außerdem hatte sie schon bei den Winterspielen 2006 in Turin einen tränenreichen Auftritt hinter sich bringen müssen: Sie durfte am 15-Kilometer-Jagdrennen im Langlauf nicht teilnehmen, weil sie wegen erhöhter Blutwerte mit einer  Schutzsperre belegt worden war.

Cheftrainer Müßiggang schimpfte daher gestern: „Ich hätte sie in dem Alter so eingeschätzt, dass sie so einen Riesenfehler nicht begeht. Die Evi hat so viel getan, um im Biathlon voranzukommen und macht jetzt so einen Fehler. Das ist für mich unverständlich. Sie bringt die ganze Sportart in Verruf. Es wird heißen: die Deutschen. Man multipliziert das auf die ganze Mannschaft. Der Generalverdacht wird schnell ausgesprochen. Das muss man erst mal wegstecken.“