DFL-Geschäftsführer Christian Seifert.
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FrankfurtDie Hände öfter gefaltet, den Blick häufiger unten gerichtet: Allein die Körpersprache von Christian Seifert verriet, dass die heftigen Debatten um die Fortführung der Bundesliga-Saison auch am Sprecher des Präsidiums und Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) nicht spurlos vorüber gegangen sind. „Irgendwann muss es weitergehen, irgendwann wird es weitergehen“, sagte der Chefstratege zwar, um später immer wieder zu betonen, dass es "nicht in unserer Hand liegt, den Termin zu bestimmen.“ Erst wenn die entsprechenden Signale aus der Politik kämen, würde die am Donnerstag auf der nächsten virtuellen DFL-Mitgliederversammlung vorgestellte Arbeitsgrundlage fürs Weiterspielen ohne Stadionpublikum greifen. Vorerst bleibt der Spielbetrieb unterbrochen. „Die Politik kann sich auf dieses Konzept verlassen. Das ist aber nicht mehr unsere Entscheidung.“

Die DFL will nicht mehr als Institution wahrgenommen werde, die sich rücksichtslos nach vorne drängelt. Der Ball  wurde aus der DFL-Zentrale aus Frankfurt ans Bundekanzleramt in Berlin weitergespielt; wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten am 30. April der Meinung sind, dass es Zeit ist, den deutschen Volkssport Nummer eins von der besten bezahlten Elite betreiben zu lassen, kann der Wiederanstoß in weitgehend leeren Stadion erfolgen. Seifert macht dazu unmissverständlich deutlich: „Wir wissen nicht, ob Geisterspiele nicht im Februar, März noch stattfinden. Wir haben die Vereine gebeten, den ersten Teil der nächsten Saison ohne Zuschauereinnahmen zu planen.“

Und auch für die Mitte März unterbrochene Spielzeit wird noch kein Einstiegspunkt genannt: Es gebe mehrere Spielplanoptionen - der 9. Mai bleibt einer, der aber wohl allzu optimistisch ist. Seifer sagte, man sei in Deutschland ein gutes Stück weiter als in England und Spanien. „Wenn wir spielen dürfen, liegt das nicht daran, dass wir als Bundesliga so toll sind, sondern an der medizinischen Infrastruktur in Deutschland.“ Fast einmalig dürfte auch sein, dass die Medienpartner hierzulande bis auf eine Ausnahme bereit sind, Vorauszahlungen zu leisten, damit die Liquidität bis zum 30. Juni bei allen Klubs gesichert ist. Die Rechteinhaber dürften indes kaum die vollen 304 Millionen Euro zahlen. Seifert sagte, es wäre nicht der Streamingdienst DAZN, mit dem keine Vereinbarung zustande gekommen sei. Sollte allerdings die Saison abgebrochen werden, würden Rückzahlungsmechanismen greifen, „die später zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten führen könnten“. Eine Goodwill-Geste ist es, dass die Dritte Liga und Frauen-Bundesliga insgesamt 7,5 Millionen Euro aus einem Solidartopf erhalten, in denen die Champions-League-Teilnehmer FC Bayern, RB Leipzig, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen kürzlich 20 Millionen eingezahlt haben.

Profifußball ein Unternehmen wie andere

Seifert äußerte Verständnis, für den öffentlichen Gegenwind – und  bat beinahe demütig Verständnis für das, was ihn antreibe. „Sehen Sie mir nach, dass ich als Vertreter der Klubs kein Interesse an einem Kollateralschaden haben kann.“ Wie jedes Unternehmen möchte und müsse eben auch der Profifußball zurückkehren. Der 50-Jährige räumte ein: „Vielleicht liegt es an mir, dass ich die Besonderheiten unserer Industrie nicht richtig dargestellt habe.“ Er gab zu, dass ihn die Missgunst teils überrascht habe - und in absehbarer Zeit manche Entwicklung kritisch diskutiert werden müsse.

Tim Meyer, der Vorsitzende der Task Force Sportmedizin und Sonderspielbetrieb, äußerte sich an Seiferts Seite erstmals öffentlich.  „Wir müssen den Kompromiss zwischen maximaler Sicherheit und vertretbarem Risiko finden“, sagte der Arzt der deutschen Nationalmannschaft. Der Umgang mit positiven Tests scheint die Schwachstelle seines peniblen Konzeptpapiers. Muss ein Team dann nicht gleich in Quarantäne? Offenbar nicht. Natürlich sei ein solcher Test ein meldepflichtiges Ergebnis, wobei aber das Gesundheitsamt die Entscheidung über eine mögliche Quarantäne treffe, erklärte die zugeschaltete Barbara Gärtner, Fachärztin für Infektionsepidemiologie der Universität des Saarlandes.  Seifert begründete die Empfehlung, diese Spieler zunächst nicht öffentlich zu benennen, damit: „Ein positiver Corona-Fall ist keine Oberschenkelzerrung.“

Er rechnete vor, dass es bislang in beiden Lizenzligen 14 Corona-Fällen gegeben habe, „von denen alle wieder genesen sind“. Klar sei auch: „Wir werden auf einem Spielfeld nicht 1,50 Meter Abstand halten können.“ Besser könnte das in den anderen Zonen gelingen: Der grobe Rahmen sind maximal 213 Personen im Stadioninnenraum und Funktionsräumen inklusive Tribünenbereich, im Stadionaußengelände kommen weitere 109 Menschen dazu. Kein Problem sollen laut Meyer die rund 20.000 erforderlichen Testungen sein: Verträge mit fünf Laboren sind abgeschlossen. Der Profifußball würde nicht mehr als 0,4 Prozent der Testkapazitäten belegen, erklärte die DFL. Eine halbe Million Euro werden für weiteres Testvolumen zur Verfügung gestellt – auch das beruhigt vielleicht das schlechte Gewissen. Seifert versprach: „Wir werden von Tag zu Tag aufs Neue prüfen, was verantwortbar ist.“ Sollte sich die Lage verschlechtern, würde der „Profifußball selbstverständlich zurückstehen – die nationale Gesundheit hat immer Vorrang.“