Berlin - Beim malerischen Blick über das Mittelmeer luden die deutschen Handballerinnen ihre Akkus auf. „Ein bisschen kaputt sind wir, deswegen müssen wir heute Kraft tanken“, sagte Antje Lauenroth – und kletterte mit kleinen Augen, aber einem Lächeln auf den Lippen in den Teambus nach Barcelona.

Der bestandene Stresstest gegen Ungarn, die perfekte Ausbeute in der Vorrunde und die hervorragenden Aussichten auf das WM-Viertelfinale: All das versetzte die DHB-Frauen bei ihrem Umzug in die katalanische Metropole in Hochstimmung. Schon zwei weitere Siege könnten dem Team von Henk Groener zum Sprung unter die besten Acht der Welt reichen. Nach dem Spiel gegen Ungarn aber war der Bundestrainer fix und fertig. Während Kapitänin Emily Bölk und ihre Mitspielerinnen nach dem 25:24 (14:9)-Erfolg im Nervenkrimi zum Vorrunden-Abschluss gegen Ungarn glückselig über das Spielfeld hüpften, pustete der Coach der deutschen Handball-Frauen erleichtert durch.

Starke Abwehr ist Trumpf der deutschen Mannschaft

„So spannend hätten wir es nicht machen müssen, aber wir haben verdient gewonnen und sind glücklich“, sagte Groener nach dem bestandenen Härtetest gegen den Olympia-Siebten. Auch als die Ungarinnen die deutsche Fünf-Tore-Führung in der zweiten Halbzeit egalisierten, blieb das deutsche Team cool. „Ich bin stolz auf die Mannschaft. Sie hat gekämpft bis zum Umfallen“, so Groener. Größter Trumpf der deutschen Mannschaft war erneut eine starke Abwehr, dahinter glänzten die Torhüterinnen Dinah Eckerle und Katharina Filter mit etlichen Paraden.

So groß die Freude, so schnell ging der Blick auch schon wieder nach vorne. „Wir dürfen nicht nachlassen und müssen immer weiter unsere Welle reiten, dann haben wir unsere Chancen“, sagte Kapitänin Emily Bölk und sprach vor dem Hauptrundenstart am Mittwoch (18 Uhr) gegen Handball-Zwerg Republik Kongo von einer „perfekten Ausgangslage. Wir gehen in jedes Spiel rein, um es zu gewinnen.“ Weitere deutsche Gegner in der zweiten Turnierphase sind am Freitag (15.30 Uhr) Asienmeister Südkorea und am Sonntag (20.30 Uhr, alle sportdeutschland.tv) Rekordeuropameister Dänemark.

Während Bölk und Co. auf der rund vierstündigen Busfahrt schon vom nächsten Etappenziel auf ihrer Medaillenjagd träumten, machte sich bei Verbandschef Andreas Michelmann Frust über den deutschen TV-Blackout breit. Die Spiele der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) werden lediglich im Internet auf der Plattform sportdeutschland.tv übertragen. Im linearen Fernsehen werden Zusammenfassungen gezeigt, so berichtete etwa am vergangenen Donnerstag die Tagesschau in der ARD vom deutschen Auftakterfolg gegen Tschechien (31:21). Live-Bilder sind jedoch vergeblich zu finden. 

Dass die deutschen Spiele nur im Internetfernsehen gezeigt werden, stört den DHB-Präsidenten massiv. „Gerade ARD und ZDF reden immer wieder von Diversity und praktizieren Gender-Mainstreaming. Aber in der Sportberichterstattung herrscht eine reine Monokultur“, sagte Michelmann: „Ich weiß gar nicht, wann es in Deutschland überhaupt das letzte Frauen-Handballspiel bei ARD und ZDF gegeben hat. Kein Mensch kann sich erinnern.“

Andreas Michelmann sieht Frauen-Handball im TV benachteiligt

Das 62 Jahre alte Verbandsoberhaupt sieht den Frauen-Handball benachteiligt – auch im Gegensatz zu den Männern. „Wenn man mal die Leistungen vergleicht, bei allem Respekt vor unseren Männern bei der WM im Ägypten, haben es die Frauen mit ihren Leistungen allemal verdient, nicht nur im Livestream, sondern endlich mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt zu werden – und zwar nicht nur in der Tagesschau, bei den heute Nachrichten oder im Morgenmagazin, sondern bei einem kompletten Spiel“, sagte Michelmann: „So, wie es sich für eine Sportnation wie Deutschland gehört.“

Auch die deutschen Spielerinnen würden sich mehr (TV-)Aufmerksamkeit wünschen. Co-Kapitänin Alina Grijseels geht das Thema aber pragmatisch an. „Wir können dagegen nichts tun, außer mit Leistung zu überzeugen und die Leute so zu begeistern“, sagte Grijseels, „damit wir irgendwann die Chance haben, auch im Fernsehen übertragen zu werden“. Weitere Argumente für sich wollen Deutschlands Handball-Frauen nun in der Hauptrunde sammeln.