Als der Ball noch rollte: Burnleys Phil Burdsley im Zweikampf mit Steven Bergwijn von Tottenham Hotspur.
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ManchesterDie Premier League gilt als beste Fußball-Liga der Welt, und sie ist unbestritten die reichste. In den Wochen, in denen der globale Sport wegen der Corona-Krise für unbestimmte Zeit ruht, zeigt sich allerdings auch, wie verkommen der Betrieb ist. Diese Diagnose hat zumindest Julian Knight gestellt, der Vorsitzende des Komitees für Digitales, Kultur, Medien und Sport im britischen Parlament.

Aus seiner Sicht ist es ein Skandal, dass einige Vereine Staatshilfen in Anspruch nehmen wollen, während die Spieler immer noch ihr volles Gehalt beziehen. „Das bleibt einem im Halse stecken. Es zeigt die verrückten wirtschaftlichen Verhältnisse im englischen Fußball und das moralische Vakuum in seiner Mitte“, sagte der konservative Politiker. Er ist nicht alleine mit seiner Auffassung. Gesundheitsminister Matt Hancock hat die hoch bezahlten Fußballer gerade dazu aufgerufen, in diesen komplizierten Zeiten ihren Beitrag zu leisten und wie viele ihrer Kollegen in Deutschland, Spanien oder Italien auf Teile des Lohns zu verzichten. Laut einer YouGov-Umfrage sprechen sich 92 Prozent der Briten für eine Gehaltskürzung für Premier-League-Fußballer aus.

PR-Desaster für den englischen Fußball

Die Debatte hat an Fahrt aufgenommen in den vergangenen Tagen. Spieler, Vereine und die mächtige Spielergewerkschaft PFA stehen am Pranger. Selbst in dem Fall, dass die Profis in den kommenden Tagen doch noch Einschnitten beim Gehalt zustimmen sollten, ist der Image-Schaden eklatant. Der aktuelle Streit ist ein PR-Desaster für den englische Fußball. Besonders schlecht kommt es in der Öffentlichkeit an, dass einige Vereine ein Hilfsprogramm der Regierung in Anspruch nehmen, anstatt beim Lohn der Spieler zu sparen, wie Politiker Knight bemängelte. Tottenham Hotspur, Newcastle United, der AFC Bournemouth und Norwich City haben Teile oder die komplette (nicht Fußball spielende Belegschaft) in eine Art Kurzarbeit geschickt, bei der 80 Prozent der Gehälter aus öffentlichen Geldern gezahlt werden. Dieses Vorgehen empört die Spielergewerkschaft. Es sei „schädlich für die breite Gesellschaft“, wenn Premier-League-Klubs staatliche Nothilfen beziehen würden, ohne finanziell dazu gezwungen zu sein, schrieb die PFA in einem ausführlichen Statement.

Die Gewerkschaft tut im Grunde nur das, was eine Gewerkschaft eben tut: sie schützt die Interessen ihrer Mitglieder. Sie kritisiert, dass einige Klubs – vor allem aus den Ligen zwei bis vier – Gehaltskürzungen angeblich durch Druck auf die Spieler durchsetzen wollen, und gibt an, ein „strukturiertes und einheitliches“ Vorgehen anzustreben. Nach eigenen Angaben ist die PFA für Gehaltskürzungen offen, ihr ist klar, dass die Spieler „flexibel“ sein und „die finanzielle Last“ der Corona-Krise teilen müssten. Nur ungeregelten und allgemeinen Kürzungen versperrt sie sich. Ab wann die Profis der Premier League auf wie viel Geld verzichten, ist demnach Verhandlungssache.

Viele Beobachter finden allerdings, dass die aktuelle Lage nicht die Zeit für Verhandlungen ist. Sie finden, dass die reichste Liga der Welt vorangehen sollte. Doch es kann auch die Frage gestellt werden, warum sich die Politik gerade auf Fußballer einschießt – und nicht zum Beispiel auf Wirtschaftsbosse.

Kritik an Gesundheitsminister

Der frühere Nationalspieler und TV-Kommentator Gary Neville wirft Gesundheitsminister Hancock vor, mit seiner Forderung nach einem Gehaltsverzicht von eigenem Versagen in der Corona-Krise abzulenken. Er glaubt, dass die Spieler an einer Lösung arbeiten würden, nur dauere das eben ein bisschen. Ähnlich äußerte sich Gary Lineker, Stürmer-Ikone und Moderator des englischen Sportschau-Äquivalents Match of the Day. Er beklagte, dass Fußballer reflexhaft verurteilt werden würden.

Gierige Profis oder populistische Politiker? Fest steht, dass die Premier League beim Gehaltsverzicht zögert. Wieder mal, wie vor drei Wochen, als sie erst durch die Corona-Infektion von Arsenals Trainer Mikel Arteta zur Saisonunterbrechung gezwungen wurde, statt von sich aus eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Das Ergebnis der neusten Episode: massiver Schaden am eigenen Ruf.