London - Heung-min Son war früher beim Hamburger SV und bei Bayer Leverkusen beschäftigt, jetzt spielt der Fußballer seine vierte Saison bei Tottenham Hotspur. Er ist seit seiner Ankunft in England zu einem der vielseitigsten Profis der Premier League aufgestiegen, ist schnell, technisch beschlagen, kreativ und kann mit beiden Füßen schießen. Zu seiner Beliebtheit beim Publikum und bei seinem Trainer Mauricio Pochettino trägt bei, dass er sich keine Allüren leistet und einen grenzenlosen Optimismus pflegt. Am Mittwochabend um 20.59 Uhr Londoner Zeit erreichte Heung-min Son eine neue Stufe seiner Popularität, der Südkoreaner erlangte eine Art Legendenstatus. Für alle Zeiten sicherte er sich den Eintrag in die Geschichtsbücher von Tottenham Hotspur.

Erlösung gegen Crystal Palace

Die Mannschaft hatte sich bis dahin schwer getan gegen Crystal Palace, es war eine zähe Partie. In der 55. Minute bekam Son an der rechten Strafraumkante den Ball. Er zog in die Mitte, vorbei an zwei Gegnern, sein Schuss wurde von Luka Milivojevic abgefälscht und sprang ins Tor. Es war der historische erste Pflichtspiel-Treffer in Tottenhams neuer, rund einer Milliarde Pfund teuren Arena, die an der Stelle errichtet worden ist, an der bis 2017 die traditionsreiche White Harte Lane gestanden hatte.

Mit seinem Tor löste der Nationalspieler aus Südkorea eine Blockade. Tottenham kam durch Christian Eriksen noch zum 2:0-Endstand und gestaltete die Einweihung des neuen Prachtbaus für mehr als 62 000 Zuschauer erfolgreich. Es hatte ja durchaus die Sorge bestanden, dass die Mannschaft von Trainer Pochettino die eigene Party vermasseln würde. Sie hatte seit fast zwei Monaten kein Spiel in der Premier League mehr gewonnen. Vier Niederlagen aus fünf Begegnungen hatte die trübe Bilanz des Klubs gelautet, der in der Champions League Borussia Dortmund im Achtelfinale immerhin aus dem Wettbewerb geworfen hatte geworfen hatte. Nach dem Sieg gegen Crystal Palace ist die Laune wieder bestens bei dem Klub aus der britischen Hauptstadt.

Die Mannschaft ist zurück auf dem dritten Tabellenplatz und hat gute Aussichten darauf, zum vierten Mal nacheinander in die europäische Königsklasse einzuziehen. Vor allem ist Tottenham Horspur jetzt aber in einem Stadion zuhause, das dabei helfen soll, zu „einem der größten Klubs der Welt“ zu werden, wie Vorstand Daniel Levy in Vorbereitung auf die Eröffnung gesagt hatte. Trainer Pochettino nannte Vereine wie den FC Bayern München, Real Madrid oder den FC Barcelona als künftigen Maßstab.

Schöne Worte sind das zum Abschluss einer schwierigen Geschichte. Die neue Arena war nämlich schon dabei gewesen, zum dauerhaften Ärgernis zu werden, zu einer englischen Entsprechung des Berliner Flughafens BER. Der Bau wurde immer teurer, die Arbeiten zogen sich hin, die Eröffnung musste immer weiter nach hinten verlegt werden. Das alles schien allerdings vergessen zu sein mit der Partie gegen Crystal Palace. Die Fans berauschten sich an ihrer neuen Heimat, die Stimmung war beeindruckend, gerade zu Beginn der Begegnung, nach der offiziellen Eröffnungs-Zeremonie mit Feuerwerk. Das Herzstück der neuen Arena ist der South Stand. Mit 17 500 Plätzen ist er die größte Tribüne Englands, die aus nur einem Rang besteht. Vorbild ist die Dortmunder Südtribüne.

Auffällig an Tottenhams neuem Stadion ist, dass es trotz seiner Größe recht kompakt wirkt wegen der steilen Ränge und der Nähe der Tribünen zum Spielfeld. Anders als zum Beispiel das Stadion des Nordlondoner Rivalen FC Arsenal, und vor allem anders als das überdimensionierte Wembley-Stadion, in dem Tottenham fast zwei Spielzeiten im Exil zugebracht hatte.

Der Rasen der neuen Arena lässt sich aus dem Stadion fahren. Darunter liegt eine Spielfläche für American Football. Schon im Herbst sollen zwei Spiele der nordamerikanischen Liga NFL in Tottenhams Heimat ausgetragen werden. Der Verein will zur Weltmarke werden.

Künftiger Titelkandidat?

Entscheidend dafür ist allerdings immer noch der Erfolg auf dem (Fußball-)Platz. Der Klub hat unter dem seit 2014 amtierenden Pochettino eine beachtliche Entwicklung genommen. Der Trainer betont allerdings immer wieder, machmal indirekt, machmal sehr direkt, dass er sich von Vorstand Levy mehr Geld für Verstärkungen wünscht, um den Klub auf die nächste Stufe zu heben und in den Kreis der Titelkandidaten in England und Europa eindringen zu können. Zum bislang letzten Mal gewann Tottenham 2008 eine Trophäe, den wenig bedeutsamen Ligapokal.

Mit dem Stadion soll laut Pochettino ein neues Selbstverständnis Einzug erhalten. „Wir können nicht mehr so arbeiten wie vor fünf Jahren. Wir sind in einer anderen Dimension. Wir müssen wie ein großer Klub denken“, sagt er. Die spannende Frage wird sein, ob der Verein den Ambitionen des Trainers entsprechen kann und künftig auch auf dem Transfermarkt operiert wie ein großer Klub – anders als in dieser Saison. Da verpflichtete Tottenham keinen einzigen Spieler.