BerlinEs heißt, am Sport ließen sich gesellschaftliche Entwicklungen ablesen, im Sport verdichteten sich Trends. Wenn das stimmt, steht der Menschheit ein Verteilungskampf bevor, der sich den Zusatz „gnadenlos“ redlich verdient. Im Übergang zum Nach-Corona-Zeitalter wird um das Privileg gerungen, geimpft zu werden.

Trendsetter ist nach dieser Logik das Internationale Olympische Komitee (IOC). Dessen Präsident Thomas Bach hat jetzt während eines Besuchs in Tokio eine bedeutsame Ankündigung für die dortigen Sommerspiele 2021 gemacht: Bei dem Spektakel vom 23. Juli bis 8. August soll neben den Sportlern auch das Publikum vor Ort per Impfung vor Covid-19 geschützt sein. Die Zahlen von Olympia 2016 in Rio zugrunde gelegt, werden das etwa 7,5 Millionen Menschen sein. Hinzu kommen rund 300.000 Akkreditierte, von Athleten und Betreuern bis zu Sponsoren und Medienleuten.

Bach sagt, mit der allgemein garantierten Immunität würde den Japanern Respekt entgegengebracht. Die Kosten will das IOC tragen. Wie es die Millionen von Impfdosen auftreibt, verrät sein Boss vorerst nicht. Fest steht, dass die Organisatoren von Tokio 2021 die Einnahmen durch die angereisten Zuschauer dringend brauchen, um ein zu erwartendes Milliardenminus abzumildern.

Gespannt darf die Öffentlichkeit nun darauf sein, mit welchen Argumenten der kontinentale Fußball-Verband (Uefa) einen allumfassenden Impfschutz für die EM 2021 reklamiert, denn das wird er. Vielleicht sieht er den europäischen Gedanken bedroht, schließlich soll das Turnier auf zwölf Länder verteilt stattfinden. Die Fußball-Bundesliga wird wahrscheinlich ebenfalls aktiv werden, möglicherweise verweist sie auf ihre Rolle als Speerspitze der deutschen Eventbranche.

So gesehen ist es gesellschaftlich relevant, dass Fußballprofis nach gerade überstandener Infektion mit Covid-19 sofort wieder aufs Spielfeld geschickt werden. In einer derartigen Versuchsanordnung zeigt sich, dass die Infektion keine Spätfolgen zeitigt. Oder eben doch. Ganz ohne zynische Anklänge ist festzustellen, dass andere gesellschaftliche Gruppen und  Berufe deutlich bessere Gründe vorbringen können zur Vergabe des Impfstoffs.

Olympische Spiele lassen sich daheim vom Sofa aus verfolgen, eine Operation am offenen Herzen nicht per Livestream hinbekommen. Eine EM funktioniert nach Vorbild der Champions League auch auf einen Ort konzentriert und ohne Fans, eine Messe der Exportwirtschaft ohne Publikum eher nicht. Die Bundesliga wird über Fernsehverträge sattsam alimentiert, die Gastronomie nicht.

Deshalb – und damit sie es sich nicht mit potenzieller Kundschaft verscherzen – eine gut gemeinte Bitte an die Wortführer des kommerziell betriebenen Sports: Stellt euch in der Warteschlange für einen Impfstoff bitte ganz weit hinten an.