Urs Fischer, der Trainer des 1. FC Union, liebt die Ruhe. Dass der leidenschaftliche Angler während seines Schaffens in Köpenick jemals so richtig laut geworden ist, ist nur gerüchteweise überliefert. In der Halbzeitpause eines Hinrundenspiels in der Aufstiegssaison soll es mal richtig gekracht haben. Doch jeder, der den Schweizer regelmäßig erlebt, kann sich kaum vorstellen, wie das gewesen sein muss.

So ist es kaum verwunderlich, dass der Fußball, der in Köpenick seit der Ankunft des Trainers vor einem guten Jahr gespielt wird, sichtbar von der Mentalität des Übungsleiters geprägt ist. Kein Hurra-Spiel, keine Tore am Fließband – stattdessen eine stabile Defensive, die ein kontrolliertes Umschalten nach Ballgewinn initiiert. Unter Fischer ist die Abwehr zum Prunkstück des 1. FC Union geworden. Keine Mannschaft ließ in der vergangenen Zweitliga-Saison weniger Gegentore zu als der Aufsteiger. Und trotzdem wurde die „Berliner Mauer“, wie sie Torwart Rafal Gikiewicz mal bezeichnete, in der Vorbereitung auf die erste Bundesliga-Saison noch einmal deutlich aufgerüstet.

Subotic und Schlotterbeck erhöhen Qualität

Zu den beiden etablierten Innenverteidigern Florian Hübner und Marvin Friedrich, der zwischenzeitlich für rund zwei Millionen Euro aus Augsburg zurückverpflichtet werden musste, stießen mit Freiburgs Leihgabe Keven Schlotterbeck und Neven Subotic, der ablösefrei aus Frankreich kam, ein hochtalentierter und sehr arbeitsamer Youngster sowie ein gestandener Bundesligaprofi. Dazu warten Routinier Michael Parensen und Winter-Zugang Nicolai Rapp im Hintergrund auf ihre Chance auf Erstligafußball.

Allein aufgrund der schieren Masse von sechs Kickern für zwei zu vergebene Plätze bedeutet das für die Spieler nicht nur einen intensiven Konkurrenzkampf, sondern für Fischer auch viele Optionen am Spieltag. Und das auf einer Position, auf der für gewöhnlich nur rotiert wird, wenn es ein Problem gibt. Taktische Wechsel sind in der Innenverteidigung, wo es mehr als anderswo auf Abstimmung ankommt, nicht vorgesehen.

Bewerbung mit einem Tor

Umso mehr stellt sich vor dem ersten Bundesliga-Spiel am Sonntag gegen RB Leipzig die Frage, welches Duo startet – und wie die Nichtberücksichtigten reagieren. Zumindest muss Fischer vorerst wohl nur aus vier Verteidigern wählen, denn Nicolai Rapp und Florian Hübner haben nach Erkältung und Verletzung noch Trainingsrückstand.

Michael Parensen indes absolvierte gegen Germania Halberstadt eine ordentliche Partie, dürfte gegen Leipzig aber als Absicherung und Motivator eher auf der Bank Platz nehmen. So bleiben noch drei Kontrahenten übrig: Schlotterbeck, Subotic und Friedrich.

Seltene Trophäe

Keven Schlotterbeck bewarb sich im Pokalspiel sogleich mit dem Führungstor um eine Weiterbeschäftigung in der Startelf. Der 22-Jährige wurde nach der Partie in Halberstadt sogar zum offiziellen Mann des Spiels gewählt und bekam eine Trophäe. „Die geht in meinen Schrank, da stehen noch nicht so viele Trophäen bisher“, flachste er nach der Ehrung gewohnt demütig, gab aber auch eine kleine Kampfansage ab: „Ich glaube, ich habe heute auch in der vergangenen Saison gezeigt, dass ich in der Bundesliga kicken kann.“

Den Beweis muss Subotic wohl nicht mehr erbringen. Nach zwei Meisterschaften mit Borussia Dortmund und 209 Einsätzen allein im Oberhaus gilt der 30-Jährige als Bundesliga-Routinier. Doch weil Subotic in der Vorbereitung häufiger aussetzen musste und nicht jedes Testspiel absolvieren konnte, ging Union mit dem früheren serbischen Nationalspieler kein Risiko ein und ließ ihn statt im Pokal in Halberstadt lieber am Montag im Ersatztest gegen Lichtenberg 47 durchspielen. Danach wirkte Subotic s befreit: „Ich bin startklar, das Spiel heute war der letzte Test. Ich fühle mich super, bin nicht erschöpft. Mein Herz hat voll Bock auf Bundesligafußball!“

Entspannter Friedrich

Friedrich blieb unter der Woche am entspanntesten. Klar, es wäre irgendwie auch verwunderlich, wenn Urs Fischer seinen Aufstiegshelden, der in der vergangenen Saison als einziger Feldspieler in der Zweiten Bundesliga keine Minute verpasste, erst mit allem Nachdruck aus Augsburg zurückholen lässt und ihn dann nur auf die Bank setzt. Erst recht, weil Friedrich, anders als im Vorjahr, nun alleiniger Vize-Kapitän der Mannschaft ist. Zuvor teilte er sich die Rolle mit Felix Kroos.

Friedrich beteuert deshalb: „Ich bin eher angespannt als aufgeregt. Aber das bin ich vor jedem Spiel.“ Keine Spur von Zweifel daran, dass er nach seiner Sperre im Pokal nun auf einen Startelfplatz gegen Leipzig setzen kann.

Für den Platz neben Friedrich wird Fischer sich nun entscheiden müssen. Setzt er gegen die Offensive um Nationalstürmer Timo Werner auf die Routine von Neven Subotic oder auf die Unbekümmertheit und den Fleiß von Keven Schlotterbeck? Zudem ist der Schweizer wieder einmal als Motivator gefragt, damit die Nicht-Berücksichtigten nicht verzagen. Allein schon der Ruhe wegen.