Quarterback Ryan Tannehill will die Tennessee Titans zur nächsten Sensation führen.
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BerlinVermutlich hat auch Ryan Tannehill die Spekulationen gehört, dass Nashville eine gute Adresse für Tom Brady sein könnte, falls der erfolgreichste Quarterback aller Zeiten seine Karriere tatsächlich woanders als bei den New England Patriots beenden will. Also tut der Spielmacher der Tennessee Titans alles für den Beweis, dass bei seinem Team kein Bedarf auf dieser Position besteht, solange er den Job innehat. Der Gewinn des Super Bowl in der National Football League (NFL) könnte für den 31-Jährigen der effektvolle Schlusspunkt dieser Kampagne in eigener Sache sein.

Vorher wartet allerdings noch ein ganzes Stück Arbeit auf Tannehill und sein Team. Am Sonntag im Halbfinale bei den Kansas City Chiefs, die mit ihrem Quarterback-Phänomen Patrick Mahomes am vorigen Wochenende gegen die Houston Texans einen schier unglaublichen 51:31-Comeback-Sieg nach 0:24-Rückstand feiern durften, sind die Titans krasser Außenseiter. Wie eigentlich immer. „Straßenratten“ nennt Chefcoach Mike Vrabel seine Mannschaft, die von verbissenen Kämpfern geprägt ist, ihr Play-off-Slogan klingt entsprechend trotzig: „Warum nicht wir?“

Quarterback Tannehill dreht auf

Der Underdog war Tennessee, das mit mageren 9:7-Saisonsiegen in die Play-offs rutschte, in der Wild-Card-Begegnung gegen die New England Patriots mit Tom Brady, der Underdog waren sie auch gegen den haushohen Meisterschaftsfavoriten Baltimore Ravens. Beide Male gingen die Titans relativ ungefährdet als Sieger vom Platz. Beim 28:12 gegen die Ravens stach Tannehill sein Gegenüber Lamar Jackson, der zum besten Spieler der Saison gewählt werden dürfte, klar aus, auch wenn die Statistiken eigentlich das Gegenteil auswiesen.

Jackson, der 22 Jahre alte Quarterback, der so gut passen wie laufen kann, erwarf 365 Yards und rannte 143 Yards mit dem Ball. Für Tannehill standen am Ende 88 und 13 Yards zu Buche. Doch während der Titans-Spielmacher zwei Touchdown-Pässe und einen eigenen Touchdown vorzuweisen hatte, kam Jackson erst ins Rollen, als die Partie praktisch entschieden war, schaffte nur einen Touchdown-Pass und hatte drei Ballverluste zu verantworten.

Tannehills Effizienz war charakteristisch für das Titans-Spiel. Die Offense wird getragen vom robusten und schnellen Running Back Derrick Henry, aber da wo es nötig ist, wirkungsvoll ergänzt von Tannehill und dem Rest des Teams. „Das bin nicht nur ich, es ist eine Teamleistung“, sagte Henry nach seiner rekordträchtigen Vorstellung gegen Baltimore. Fast das ganze Spiel über hielt er die Abwehr der Ravens in Atem, so wie er das schon gegen die Patriots getan hatte. 195 Laufyards wurden am Ende für ihn notiert, damit war er der erste Running Back in der Geschichte der NFL, der es in drei aufeinanderfolgenden Partien auf über 180 Yards brachte. Zwei davon waren gewonnene Play-off-Matches gegen scheinbar übermächtige Gegner wie Titelverteidiger New England und mit Baltimore die beste Mannschaft der regulären Spielzeit. Als Zugabe steuerte Henry mit einem aus dem Basketball geklauten Lob sogar noch einen Touchdown-Pass bei. „Das hatte ich seit der High School nicht mehr gemacht“, freute er sich.

Ohnehin waren es bisher mehr die Play-offs der Läufer als die der wurfgewaltigen Quarterbacks. Tom Brady, Lamar Jackson, Drew Brees mit New Orleans, Russell Wilson mit Seattle, Deshaun Watson mit Houston, Kirk Cousins mit Minnesota, Josh Allen mit Buffalo – alle ausgeschieden. Durchgebissen haben sich der junge Mahomes und der altvordere Aaron Rodgers aus Green Bay sowie Jimmy Garoppolo, der bei den San Francisco 49ers eine ähnliche Rolle spielt wie Tannehill im Team von Tennessee und es am Sonntag mit Rodgers und dessen Packers zu tun bekommt.

Die Titans hängen von Derrick Henry ab

Auch gegen Kansas City wird für die Titans neben der Defense fast alles von Derrick Henry abhängen. Seine Läufe sollen die gefürchtete Angriffsformation der Chiefs möglichst lange an der Seitenlinie halten, die Defense ermüden und die nötigen Yards zum Erreichen der Red Zone bringen, die letzten 20 Yards vor der Endzone, wo sich Ryan Tannehill besonders zu Hause fühlt. Jedes Mal, wenn die Titans in den Play-offs dort auftauchten, gab es einen Touchdown. In der regulären Saison war Tannehill nach Steve Young und Drew Brees erst der dritte Quarterback, der eine Passquote von über 70 Prozent insgesamt und auch in der Red Zone hatte.

Zu Saisonbeginn war Tannehills Erfolgsstory ganz und gar nicht abzusehen gewesen. Nach sechs Jahren als Stammkraft war er von den Miami Dolphins ausgemustert worden, in Tennessee begann er als Backup von Marcus Mariota, seit 2015   Anführer des Teams. Erst in der siebten Woche nach einem 2:4-Start wechselte Coach Vrabel den Quarterback, danach gab es 7:3 Siege und dann die beiden in den Play-offs. Noch ein weiterer Sensationserfolg gegen die Chiefs, und für die „Street Rats“ geht es am 2. Februar zum Super Bowl ins Hard Rock Stadium von Miami, Tannehills alte Wirkungsstätte. „Klar habe ich daran gedacht“, sagt dieser, „das wäre cool.“