Die ersten Fahrer kommen gegen halb zwölf zurück. Die Rennräder werden auf dem Hof der Christoph-Ruden-Grundschule in Britz abgestellt. Rückmeldung im Organisationsbüro, ein alkoholfreies Bier, eine Kleinigkeit zu essen, das ist die Belohnung für mindestens 52 Kilometer, größtenteils auf Brandenburger Straßen. Knapp 150 Radler haben sich an diesem Sonnabendvormittag auf unterschiedlich lange Strecken begeben. Der ausrichtende Verein Möwe Britz hat nur noch 20 Mitglieder. „Wir sind in der Altersstruktur mittlerweile am obersten Ende angelangt“, sagt Harald Langner, „unser jüngstes Mitglied ist 58 Jahre alt.“

Willy Kutschbach und die Tour de France

Seit 1897 gibt es Möwe Britz, wie der Vogel in den Namen kam, ist nicht überliefert. Langer, 83, kann nur spekulieren: „Damals haben sich viele Vereine Fantasienamen ausgedacht. Vielleicht liegt es daran, dass die Möwe leicht durch die Lüfte fliegt. Mit dem Fahrrad, als es industriell gefertigt wurde, konnte man ja auch leicht über die Straßen fliegen.“

Die schnellste Möwe ist bis heute Radprofi Willy Kutschbach. Viermal nahm er an der Tour de France teil, beendete sie zuletzt in Paris 1935 als Träger der Laterne Rouge für das Schlusslicht im Gesamtklassement. Seit dem Zweiten Weltkrieg kämpfen die Möwen um ihre Existenz. Die Mitgliederzahl schwankten, derzeit scheint die Lage bedrohlich wie nie zu sein. „Jüngere Fahrer meinten, dass die älteren Mitglieder ihnen nichts mehr bieten können und haben den Verein verlassen“, sagt Langner.

Vor einem Jahrzehnt noch richteten die Möwen das traditionelle Hufeisenrennen aus. „Dann wurde die Siedlung Weltkulturerbe. Da bekommen wir keine Genehmigung mehr, dort ein Rennen auszurichten, weil nicht verhindert werden kann, dass die Besucher Schäden anrichten“, sagt Langner. Und Alternativen? „Man bekommt in Berlin keine Genehmigungen, es gibt noch den einen oder anderen Verein, der Rennen außerhalb Berlins ausrichtet.“

Übrig geblieben sind den Möwen die Tourenfahrten im Frühjahr und Spätsommer. Aber: „Es ist für uns mit großem Aufwand verbunden. Am Freitag wird hier aufgebaut, es fahren außerdem Leute raus und kennzeichnen die Strecke mit Pfeilen“, sagt Langner. Während der Fahrt geben  Vereinsmitglieder an der Strecke die Verpflegung aus. Sie könnten Hilfe von jüngeren Radsportfreunden brauchen. Doch Nachwuchs zu gewinnen, ist ein Problem – das größte, das die Möwen haben.

Sie haben es versucht, Flyer verteilt, Annoncen in Zeitungen geschaltet. „Da passiert leider nichts“, erzählt Langner. Mundpropaganda sei noch die beste Methode, aber längst keine Garantie für neue Möwen. „Man bekommt die jüngeren Leuten nicht dazu, eine Aufgabe im Verein zu übernehmen, dort wirksam zu sein.“ Das Problem haben die Möwen nicht exklusiv. Inzwischen gebe es hierzulande immer mehr Trimmfahrer, Fahrer, die keinem Verein angehören, sagt Langner.

Auch bei der Tourenfahrt am Sonnabend sind rund die Hälfte der Teilnehmer vereinslos. „Wir sehen uns schon in einigen Jahren aussterben“, sagt Harald Langner. Er spricht vom schlimmstmöglichen Fall für den 122 Jahre alten Verein. Noch hat er Hoffnung, dass viele Jahre dazukommen. Und so lange diese Hoffnung besteht, werden die Möwen zweimal im Jahr an der Strecke stehen, werden sie in der Britzer Grundschule auf Tourenfahrer warten, werden weitermachen.