Einzelzeitfahren 1991: Greg LeMond bei der Tour de France, die er zuvor schon dreimal gewann.
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BerlinGreg LeMond ist alt geworden, nicht nur kalendarisch, man sieht ihm jedes seiner 58 Jahre an. Der erste – und heute wieder einzige – amerikanische Tour-de-France-Sieger ist keiner jener ehemaligen Athleten, die auch 25 Jahre nach ihrem Karriereende noch so aussehen, als könnten sie jederzeit wieder ins Geschehen eingreifen.

Das Leben hat LeMond gezeichnet, er hat schwere gesundheitliche und familiäre Probleme zu überwinden gehabt. Sie haben tiefe Furchen in sein Gesicht gezeichnet und man kann unter seiner Leibesfülle den drahtigen Körper eines Hochleistungssportlers nur noch vermuten.

LeMond zeichnet eine naive Offenheit aus

Eines hat LeMond sich jedoch bewahrt. Bis heute hat der vielleicht begnadetste Radsportler aller Zeiten sich jene beinahe naiv wirkende Offenheit bewahrt, die ihn stets ausgezeichnet und die ihn sein Leben lang in Schwierigkeiten gebracht hat. LeMond ist vollkommen ungefiltert, er vertraut viel zu leicht, und wenn seine Frau Kathy ihn nicht bremsen würde, dann würde er sich ständig um Kopf und Kragen reden.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 28: Greg LeMond

Doch in diesen Momenten scheint auch wieder der Sonnyboy durch, der 1981 als 19-Jähriger mit erfrischender Unbefangenheit über den Atlantik kam und den mit Konventionen und Traditionen gesättigten europäischen Radsport aufmischte.

In den USA, wo Radsport damals noch eine Exotensportart war, erinnert sich Greg LeMond, galten die europäischen Rennfahrer als unbesiegbar. Doch der ungestüme Naturbursche aus Kalifornien, der sich auf Skiern genauso wohl fühlte wie auf dem Rad, wollte diesen Mythos nicht glauben. Er wollte sich mit diesen Außerirdischen messen.

Duelle mit Hinault

So zog LeMond mit seiner Kathy, die heute noch an seiner Seite ist, nach Belgien. Und gleich in seiner ersten europäischen Saison räumte er ab. LeMond gewann neun von zehn Rennen und bald war er in der Profiszene das Gesprächsthema schlechthin.

Zwei Jahre später hatte LeMond sich als einer der stärksten Fahrer im Profi-Peloton etabliert. Er gewann 1983 als erster Amerikaner überhaupt die Straßenweltmeisterschaft und fuhr bei seiner ersten Tour de France gleich auf den dritten Platz.

Der Ritt ließ den damals uneingeschränkten Herrscher des Pelotons, Bernard Hinault, aufhorchen. Der junge Amerikaner wurde für den vierfachen Tour-Sieger zur ernst zu nehmenden Gefahr. Hinault hatte enormen Respekt vor der Naturgewalt aus Kalifornien, so sehr, dass er ihn lieber vom Markt kaufte, statt es auf ein offenes Duell ankommen zu lassen.

Heimtückischer Brudermord

LeMond willigte gutmütig ein, ein Lehrjahr unter der Anleitung des großen Champions zu absolvieren. Doch schon während der Tour de France 1985 zeigte der Pakt Risse. LeMond musste von der Teamleitung mehrfach zurückgepfiffen werden, um den offensichtlich schwächeren Hinault gewinnen zu lassen.

Deshalb versprach Hinault LeMond, im kommenden Jahr den Gefallen zu erwidern und sich als Dank für die Beihilfe zum fünften Tour-Sieg in den Dienst des Amerikaners zu stellen. Doch als am 4. Juli 1986 in Boulogne der Startschuss gefallen war, hatte Hinault alle Abmachungen wieder vergessen.

Hinault attackierte LeMond, was das Zeug hielt, und zwang den Amerikaner in die unangenehme Rolle, gegen seinen Mentor fahren zu müssen. Die beiden Männer lieferten sich ein historisches Duell, das nicht nur ihre Mannschaft La Vie Claire, sondern ganz Frankreich spaltete. Die einen wollten den sechsten Sieg von Hinault sehen. Die anderen, es waren deutlich weniger, sympathisierten mit dem offensichtlich verratenen jungen Amerikaner. Am Ende gewann LeMond, doch es war ein freudloser Sieg. Er war zutiefst von Hinault und seinem heimtückischen Brudermord enttäuscht.

Schrotkugeln im ganzen Körper

Das shakespearehafte Drama hätte der Beginn einer langen Siegesserie für LeMond sein können, doch das Schicksal wollte es anders. Im Frühling 1987 bekam Greg LeMond bei einem Jagdunfall eine Ladung Schrotkugeln ab, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Mehr als anderthalb Jahre dauerte es, bis er wieder in Form kam, bis heute stecken Schrotkugeln in seinem Herz, seiner Leber und seiner Lunge.

Dennoch lieferte er bei der Tour 1989 erneut ein Drama ab, das die Menschen drei Wochen in Atem hielt. Das Kopf-an-Kopf-Rennen mit Laurent Fignon blieb bis auf den letzten Tag offen. Am Ende gelang LeMond mit einem Sieg beim finalen Zeitfahren der knappste Tour-Sieg aller Zeiten. Acht Sekunden lagen nach 120 Stunden im Sattel zwischen ihm und Fignon.

1990 gewann Greg LeMond ein drittes Mal die Tour. Es sei sein leichtester Sieg gewesen, sagte er später, weil er zum ersten Mal eine Mannschaft hatte, die bedingungslos für ihn fuhr. Doch nach 1990 begann ein langer schmerzlicher Abstieg für Greg LeMond. Nachdem er bei der Tour 1994 noch vor den ersten Bergetappen aussteigen musste, gab er seinen Rücktritt bekannt.

LeMond machte viele Jahre später das Aufkommen des Blut-Dopingmittels Epo dafür verantwortlich, dass er es nie wieder an die Spitze seines Sports schaffte. Er habe damals, sagte er in einem Interview im Jahr 2008, die Durchchemikalisierung nicht mittragen wollen.

Landis versucht Erpressung

Doch der Rücktritt bewahrte LeMond nicht vor weiteren Fehden mit den Mächtigen des Sports. Als LeMond bereits zu Beginn der 2000er-Jahre Zweifel an den Leistungen von Lance Armstrong anmeldete, setzte dieser alle Hebel in Bewegung, um LeMonds Fahrradmarke zu zerstören. Der Disput wurde erst 2011 in einem Rechtsstreit beigelegt.

Und als LeMond 2012 gebeten wurde, vor der amerikanischen Antidoping-Agentur in der Sache Floyd Landis auszusagen, versuchte dieser LeMond zu erpressen. Landis drohte damit, den sexuellen Missbrauch öffentlich zu machen, den LeMond als Jugendlicher erlitten hatte.

LeMond hatte in seiner naiven Offenheit in einem persönlichen Gespräch Landis die Geschichte seiner Vergangenheit erzählt. Nun weigerte sich LeMond, sich einschüchtern zu lassen. Er ging selbst mit seiner Historie an die Öffentlichkeit und sagte gegen Landis aus.

Das Manöver trug LeMond größte Sympathien ein, sowie eine Rehabilitation in der amerikanischen Öffentlichkeit, die ihn in der Armstrong-Ära als eine Art Verräter angesehen hatte. Doch LeMond lachte zuletzt. Im September 2019 bekam er die Ehrenmedaille des US-Kongresses verliehen. Als einziger amerikanischer Tour-de-France-Sieger.