Leroy Sané ist ein Wohlfühlkicker. So viel ist gewiss. Wohlfühlen beginnt beim Schuhwerk. Als der Bayern-Profi nach seinem jüngsten rätselhaften Auftritt beim 1:1 gegen Europameister Italien am Montagvormittag am Trainingsplatz in Herzogenaurach ankam, packte er seine Stollenschuhe in den Schuhofen, den der DFB extra vorhält. Nach kurzer Wartezeit schlüpfte Sané von den Adiletten in die angewärmten Fußballschuhe. Nun war auch er bereit zum Training für den Länderspiel-Klassiker gegen England.

Ob Hansi Flick den Münchner Flügelstürmer aber auch an diesem Dienstag (20.45 Uhr/ZDF) in der heimischen Allianz Arena erneut in die Startelf stellt, ist fraglich. Flicks Grundvertrauen in Sanés „enorm gute Qualitäten“ hat nach dessen mauem Auftritt in Bologna nicht gelitten. „Wir werden ihn unterstützen“, sagte Flick am Montag. Unterstützen sei aber nicht immer damit gleichzusetzen, dass er einen Spieler aufstelle, ergänzte Flick.

Sané irritiert gegen Italien mit fahriger Leistung

Zum Start in die Nations League hatte Sané in Italien mit einer fahrigen, bisweilen teilnahmslosen Leistung irritiert. Er knüpfte nahtlos an seinen Formverfall in der Rückrunde beim FC Bayern an. Im beengten Presseraum des Stadio Renato Dall’Ara von Bologna war Flick auf die konkrete Nachfrage zur Leistung von Sané ausgewichen. Und doch war seine Replik vielsagend. „Diejenigen, die mich schon länger kennen, wissen, dass ich hier keinen rausnehme“, sagte er: „Für mich ist immer die gesamte Mannschaft in der Pflicht.“ Sané hatte er nach 59 Minuten ausgewechselt.

Das Rätsel Sané. Es stellt sich wenige Monate vor der WM in Katar wieder. An guten Tagen ist Sané ein Spieler, der mit seinen Dribblings, seinem Tempo, seiner Leichtigkeit eine Mannschaft besser macht. „Leroy kann ein Unterschiedsspieler sein“, betonte Flick. An schlechten Tagen wie gegen Italien treibt Sané Trainer, Mitspieler und die Fans zur Verzweiflung. Flick weiß das und fordert: „Er muss die Bereitschaft zeigen, dass er aktiv ist. Wir sind da dran.“

In dieser Saison schien es klick gemacht zu haben bei Sané, als er im Vereins- und Nationaltrikot plötzlich mit herzhaften Aktionen auch in der Defensivarbeit verblüffte, Pfiffe in Applaus verwandelte. Sané zeigte endlich eine Körpersprache, die Entschlossenheit ausdrückte.

Sané will „keine Glamour-Figur“ sein, wie er selbst einmal sagte. Aber er ist eben einer, der heraussticht, auch außerhalb des Platzes. Er ist kein Mitläufer. Er polarisiert. Der FC Bayern holte den früheren Schalker vor zwei Jahren auch deswegen für mehr als 50 Millionen Euro Ablöse und ein Topgehalt von Manchester City zurück in die Bundesliga, weil er in ihm das Potenzial zum Topstar sah. Die Münchner Bosse haben bei Sané inzwischen vieles versucht: streicheln, fordern, kritisieren, schützen. „Es muss auf dem Platz knallen“, mahnte nun zum Saisonende Sportvorstand Hasan Salihamidzic. „Potenzial“ allein genüge nicht.

Flicks Vorgänger Joachim Löw sortierte Sané kurz vor der WM 2018 im Trainingslager aus. Es sollte ein Denkzettel sein. Bei der EM 2021 spielte Sané nur eine Nebenrolle. Mit 26 ist er kein Youngster mehr. Manuel Neuer, sein Kapitän in München und in der Nationalelf, warb zuletzt im Trainingslager in Marbella für Sané. „Leroy ist jemand, der ein emotionaler Typ ist, auch sensibel ist in manchen Dingen“, sagte der Torwart: „Man hat auch gesehen, welche Leistungen er im ersten Halbjahr gezeigt hat, das war exzellent.“

Neuer nennt Sané einen wichtigen Faktor für die Mannschaft

Neuer mag Sané darum „kein negatives Jahr“ bescheinigen. „Es war – ähnlich wie für den FC Bayern – ein Jahr mit Höhen und Tiefen“, sagte Neuer und prophezeite: „Ich bin mir ganz sicher, dass er ein wichtiger Faktor für uns in der Mannschaft sein wird.“

Auch Flick bescheinigt Sané, „über weite Strecken der Saison herausragend gespielt“ zu haben. Der Bundestrainer redet viel mit dem Undurchschaubaren, nicht nur über Fußball. Ein Wohlfühlkicker wie Sané braucht mehr als angewärmte Schuhe, um sich auf dem Platz wohlzufühlen.