Was hätte aus Rafal Gikiewicz werden können, wenn er als Dreizehn- oder Vierzehnjähriger, so genau weiß er das nicht mehr, nicht als Keeper eingesprungen wäre? „Ich war ein Kind und habe die Handschuhe genommen“, erinnert sich Unions Torjäger-Torwart. Prompt wurde er als bester Torhüter des Turniers ausgezeichnet − die Stürmerkarriere war beendet. Vielleicht würde sonst heutzutage niemand von Robert Lewandowski reden.

Ein einziger Ausflug in den gegnerischen Sechzehner hat schließlich gereicht, um den Bayern-Stürmer aus den Nachrichten zu verdrängen. „In Polen hieß es in allen Sportsendungen: Nicht Lewandowski schießt ein Tor, sondern Gikiewicz“, sagt der Ausgleichsschütze. Und nicht nur deshalb war er am Tag nach dem 1:1 gegen Heidenheim Gesprächsthema Nummer eins. Den ganzen Nachmittag war er mit Interviewanfragen aus Polen beschäftigt, denn dort ist eine Diskussion entbrannt: Warum ist dieser Mann nicht im Nationalteam?

Solidarische Glücksgefühle

Vor der EM 2012 war Gikiewicz unter Franciszek Smuda mal im Trainingslager dabei, und schon vor dem Kopfballtreffer in der Nachspielzeit verstanden viele in der Heimat nicht, warum der jetzige Nationaltrainer Jerzy Brzeczek den verletzten Torwart Nummer drei (Lukasz Skorupski vom FC Bologna) nicht durch den Schlussmann der Eisernen, sondern durch Bartlomiej Dragowski vom AC Florenz ersetzt hat. Der hat seit Sommer 2016 nur 709 Pflichtspielminuten absolviert. „Alle kennen meine Leistung und wissen, dass Union die beste Defensive der Liga hat“, sagt Gikiewicz. Nur sieben Gegentreffer hat er in dieser Saison kassiert. Das ist ja das, was eigentlich seine Aufgabe ist: Tore verhindern. Wenn es ihm auch eine große Freude ist, dass er mal darüber hinaus einen Beitrag zum großen solidarischen Werk leisten konnte, das Fußball in seinen Augen ist. „Ich hoffe im November auf die Nominierung, aber wenn nicht, bin ich auch zufrieden“, fügt er an.

Mit dem Treffer hat Gikiewicz für rundum solidarische Glücksgefühle bei Union gesorgt und sich ein Lob vom Coach eingeheimst. „Das 1:1 ist für uns enorm wichtig“, sagt Urs Fischer. „Rafal bringt eine gute Mischung mit. Er ist eher ein Ruhiger, aber er kann jederzeit explodieren.“ Er ist sichtlich zufrieden, dass der junge Gikiewicz damals so furchtlos war, sich die Handschuhe zu greifen.