Raheem Sterling von Manchester City.
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ManchesterRaheem Sterling saß auf der Rückbank eines Autos, als er die Welt veränderte. Es war Dezember 2018, am Abend zuvor hatte er mit Manchester City in der Premier League mit 0:2 beim FC Chelsea verloren. Mehr als die Niederlage beschäftigte den englischen Nationalstürmer danach, was ihm widerfahren war, als er am Spielfeldrand den Ball aufgesammelt hatte, um eine Ecke auszuführen. Mehrere Zuschauer, Männer im mittleren Alter, hatten ihn beleidigt, und zwar nicht so, wie Fußballer eben im Stadion beleidigt werden, sondern auf besonders entmenschlichende Weise: rassistisch.

Nach dem Spiel dachte Sterling die ganze Nacht über den Zwischenfall nach und kam zu dem Schluss, derartiges Verhalten nicht mehr hinzunehmen, sondern sich zu wehren, und zwar über seine Kanäle in den Sozialen Medien. Als er am Morgen danach zum Training gefahren wurde, so hat es im März des vergangenen Jahres die New York Times nach einem Treffen mit ihm geschildert, saß er auf der Rückbank und verfasste eine Botschaft, die er auf Instagram veröffentlichte. Anstatt nur auf die Beleidigungen gegen ihn hinzuweisen, weitete er den Fokus.

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Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

Er beklagte den grundsätzlichen Rassismus in englischen Stadien und machte die Zeitungen in dem Land dafür mitverantwortlich. Als Beleg für seine These garnierte er den Beitrag mit zwei Ausschnitten aus der Boulevardpresse, um zu zeigen, wie sehr die Berichterstattung über schwarze Spieler mit Klischees, Stereotypen und Vorurteilen durchsetzt sei. Mit seinem Statement hat Sterling, mittlerweile 25 Jahre alt, die Welt verändert, zumindest die englische Fußball-Welt. Er hat eine Debatte über Rassismus angestoßen, die dazu geführt hat, dass die Branche in England im Moment so sehr für dieses Thema sensibilisiert ist wie möglicherweise nie zuvor.

Dass die englische Nationalmannschaft beinahe den Platz verlassen hätte, nachdem es beim 6:0 in Bulgarien im Oktober rassistische Beleidigungen gab, dass die Presse nach jedem rassistischen Vorfall im Stadion wie zum Beispiel nach den Beleidigungen gegen Manchester Uniteds Mittelfeldspieler Fred im Derby bei Manchester City im Dezember seitenlang berichtet, und dass die Täter in solchen Fällen konsequent einer Strafe in Form von oft lebenslangem Stadionverbot zugeführt werden – das alles hat mit Sterlings Botschaft von der Rückbank zu tun.

Vertreter einer ganzen Generation

Er steht stellvertretend für eine neue, selbstbewusste Generation schwarzer Spieler, die Rassismus nicht mehr toleriert, sondern das Wort erhebt. Ganz nebenbei ist er Englands aktuell wohl bester Fußballer und der Hoffnungsträger für die EM, die gerade wegen des Corona-Notstands auf kommendes Jahr verschoben wurde. Die Halbfinals und das Endspiel des über den ganzen Kontinent verstreuten Turniers sollen im Londoner Wembley-Stadion stattfinden. Es ist der Ort, der Sterlings Traum vom Profifußball symbolisiert.

Er wurde in Kingston auf Jamaika geboren und wuchs ohne Vater auf, dieser wurde erschossen, als Sterling zwei Jahre alt war. Mit fünf kam er mit seiner Mutter und seiner Schwester nach London. Um Geld für die Familie zu verdienen, arbeite seine Mutter neben dem Stadion als Putzfrau in Hotels. Die Kinder halfen ihr oft bei der Arbeit, putzten Toiletten oder machten Betten. Die Verhältnisse, in denen er aufwuchs, waren einfach aber nicht erbärmlich, darauf hat Sterling mehrfach hingewiesen. Er will nicht, dass seine Geschichte eine dieser vor Pathos triefenden Von-ganz-unten-nach-ganz-oben-Geschichten ist, die im Sport besonders gerne erzählt werden.

Das Haus, in dem er mit seiner Mutter und seiner Schwester lebte, befand sich im Nordwesten Londons, im Schatten des Wembley-Stadions. Wenn er auf der Grünfläche neben dem Haus Fußball spielte, war die heilige Spielstätte besonders nah. „Wenn ich ein Tor geschossen und mich zum Jubeln umgedreht habe, war der Bogen von Wembley direkt über meinem Kopf. Es war, als wäre man da“, schrieb Sterling im Juni 2018 auf der Plattform The Players’ Tribune. Heute hat er das Stadion immer bei sich, als Tattoo auf seinem rechten Unterarm. Davor steht ein Junge mit der Nummer 10 auf dem Rücken.

Im Alter von 15 Jahren zog Sterling aus dem Schatten von Wembley in die weite Welt. Beziehungsweise: nach Liverpool. Zum ersten Mal war er auf sich alleine gestellt. An freien Tagen besuchte er seine Mutter regelmäßig, aber ansonsten schottete er sich ab und widmete seine ganze Konzentration dem Ziel, den Durchbruch als Fußballer zu schaffen. Dieses Ziel erreichte er im März 2012, als er im Alter von 17 Jahren unter Trainer Kenny Dalglish sein Profi-Debüt für den FC Liverpool gab. Drei Jahre spielte er für den Klub, doch der Abschied fand im Unfrieden statt. Nachdem er ein Vertragsangebot ausgeschlagen hatte, überwarf er sich mit der Vereinsführung und wechselte im Juli 2015 nach langem Hin und Her für umgerechnet 63 Millionen Euro zu Manchester City. Das war die höchste Summe, die bis dahin für einen englischen Profi gezahlt wurde.

Pfiffe in Anfield

Der Transfer wurde als Zeichen für den unkontrollierten Fußball-Kapitalismus gedeutet. Noch bis heute wird Sterling besonders leidenschaftlich ausgebuht, wenn er mit seinem Verein zu Gast an der Anfield Road ist, und auch insgesamt hat sein Ruf damals gelitten. Es entstand das Bild eines arroganten Jungprofis, der einfach nur dem Geld folgt. Dieses Bild hat sich lange gehalten. Vermutlich musste kein Fußballer in England in den vergangenen Jahren so viele negative Schlagzeilen hinnehmen wie Sterling, vor allem für sein Betragen neben dem Platz, das im Grunde nicht besonders extravagant war.

Dabei war es ganz egal, was er machte: ob er seiner Mutter ein Haus kaufte, ob er mit einem Billigflieger flog, einen Billigladen besuchte, oder ob er sich, als Erinnerung an seinen erschossenen Vater, wie er sagte, ein Maschinengewehr auf die Wade tätowieren ließ – immer hatte Englands Presse etwas auszusetzen. Sterling ist überzeugt, dass der Grund dafür seine Hautfarbe ist. Mittlerweile wird er anders wahrgenommen, positiver. Aber nicht, weil er sich geändert hätte, sondern weil sein Statement nach den rassistischen Beleidigungen gegen ihn dazu geführt hat, dass sich auch der englische Medienbetrieb kritisch hinterfragt hat.

Sein Aufstieg zur Ikone im Kampf gegen Rassismus flankiert die bemerkenswerte fußballerische Entwicklung, die Sterling bei Manchester City genommen hat. Nach einem schweren Start stieg er unter Trainer Pep Guardiola zum Schlüsselspieler auf. In den vergangenen beiden Meister-Spielzeiten traf er wettbewerbsübergreifend jeweils mehr als 20 Mal. Und das, obwohl er kein Mittelstürmer ist, kein klassischer Torjäger, sondern über die Flügel kommt. Sein Ziel ist es, die Champions League zu gewinnen – und irgendwann den Titel als Weltfußballer, wie er im vergangenen Herbst dem Magazin FourFourTwo verriet. „Viele Spieler würden das wahrscheinlich nicht zugeben, aber es ist der Traum jedes Spielers. Jeder Spieler will der beste der Welt sein“, sagte er. Mit der Nationalmannschaft will Sterling Europameister werden, in dem Stadion, in dessen Schatten er aufwuchs. Er ist mittlerweile einer der Anführer des Teams und ein Vorbild für jüngere Spieler. Nicht nur fußballerisch – auch als Mensch.