Berlin - Das schiefe Dreieck ist eine Figur aus dem Spezialgebiet Fußballgeometrie. Neueste Berliner Schule. Drei Mittelfeldspieler bilden die Ecken, Sechser, Achter und Zehner, und diese Ecken sind beweglich: Sie rotieren, kippen ab, drehen auf und schieben auch mal durch. Sorry, Fußballsprech.

Doch so funktioniert halt der Spielaufbau, den Hertha BSC unter Fachanleitung seines Trainerteams entwickelt und verfeinert hat. Eigentlich ist diese gar nicht mal so komplizierte Dreiecksbeziehung im Mittelfeld bekannt. Aber durchschaut haben die Gegner sie immer noch nicht. Selbst die in intime Details eingeweihte Eckfigur Per Skjelbred hat ja nur eine vage Vorstellung: „Da passiert etwas – ich weiß nicht warum.“ Muss er nicht. Es reicht, wenn er seinen Trainern vertraut.

Ein Mann, dem die Spieler vertrauen, ist Rainer Widmayer, der wichtigste Assistent von Cheftrainer Pal Dardai. Wobei die offizielle Bezeichnung Assistent dessen inoffizielle Rolle unzureichend erklärt. Die beiden bilden ein Team im Team. Dardai, 41, ist das Herz, das Auge. Widmayer, 49, das Hirn, die Nase. Sie sind ein dynamische Duo, kongeniale Komplizen, partner in crime. Und ihr größtes Verbrechen besteht darin, den Fans Hoffnung zu machen, dass ihre Hertha bald wieder in Europa herumreisen darf. Doch dazu müsste die Taktikzauberformel ihres Erfolges bis zum Saisonende geheim bleiben.

„Also ich würde genau da einen Spieler hinstellen“, sagt Widmayer und zeigt auf eine imaginäre Taktiktafel. Dann hätten sie Probleme, ihr Spiel aufzubauen. Ähm, wo genau? Dazu später mehr.

Jungs, das ist unser Plan

Am Sonnabend um halb vier spielt Hertha beim 1. FC Köln. Das ist eine heimstarke Mannschaft, die vor dem eigenen Tor eine Dreierkette verlegt und bei Bedarf zwei zusätzliche Kettenglieder einfädelt. Was das für Herthas Spiel bedeutet, in welchem Zentimeterbereich sich die Spieler anders gruppieren müssen, das haben Widmayer und Dardai ausführlichst besprochen in dieser Woche. Beim Abschlusstraining am Freitag hat die Mannschaft das Ergebnis gesehen. Im Rasen stecken dann immer gelbe Spielerdummys, die eine wahrscheinliche Aufstellung des Gegners simulieren. Trockenübung, Theorie, Jungs, das ist unser Plan. Dieser Termin nennt sich Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Vor ein paar Wochen saß Widmayer auf einem Podium im Deutschen Theater. Fußballsalon heißt die Veranstaltungsreihe, und diese Ausgabe lief unter dem Titel: „Gibt es abkippende Sechser? Zwischen Theorie und Praxis der Fußballtaktik“. Dass darüber auf einer Theaterbühne gesprochen wird, zeigt, dass dieses Spezialwissen sich aus dem Zigarettenqualm der Eckkneipen gelöst hat.

Dass es ein Bedürfnis gibt, die Dinge, die man auf dem Spielfeld sieht, zu durchdringen. „Die Leute gucken das Spiel anders als vor zwanzig Jahren“, sagt Widmayer. „Damals waren es vor allem Stammtischzuschauer, da kannte man Flanke, Kopfball – Tor. Der Förster rennt dem Rummenigge hinterher, Zweikampf gewonnen? Ein super Spieler. Zweikampf verloren? Kannst du vergessen. Heute geht’s ins Detail.“ Neben Widmayer saß der Taktikblogger Tobias Escher auf dem Podium. Das ist der Mann, der das Spiel verlagert hat. Aus den Trainerstübchen ins Internet.

Wer eine Taktikanalyse im Netz liest, wundert sich vielleicht, was er alles verpasst hat am Spieltag. Man kann sich sogar fragen, ob die eigene Expertise nur eine Lebenslüge ist. Wenn man über solche Dinge stolpert und letztlich auch fällt: „Der falschfüßige Außenverteidiger, der im Umschaltmoment aus dem ballfernen Zwischenlinienraum abkippt, konnte die aus dem Rückwärtspressing entstandene lokale Überladung im Halbraum ausbalancieren.“

Wer kennt die fluide Neun?

Okay, dieser Satz existiert so nicht. Er ist zugespitzt, eine Verdichtung der Begrifflichkeiten. Aber vielleicht verdeutlicht man so besser, wie verkopft auch die Wissenschaftssprache Fußball ist. Trotzdem wollen sie immer mehr Fans sprechen. Eine falsche Neun kennen ja inzwischen die meisten. Bei einer ausweichenden oder fluiden Neun zerfließt aber womöglich die Vorstellungskraft.

Widmayer hatte Spaß im Theater. Er saß da mit Menschen zusammen, die ähnlich ticken, gerne tüfteln, die viele Jahre nach ihrem Schulabschluss immer noch vor Tafeln stehen. Freiwillig. Aber etwas ist ihm aufgefallen: „Die Leute haben bei mir relativ schnell kapiert, wie wir den Spielern unseren Plan an die Hand geben und wie sie ihn umsetzen sollen.“ Beim Vortrag des Taktikbloggers dauerte es, wenn überhaupt, etwas länger.

Es gibt eine Fraktion im Fußballfußvolk, die gern behauptet, Taktik werde überbewertet. Auch manche Trainer denken so. „Ich finde Taktik wirklich wichtig“, sagte Dieter Hecking der Süddeutschen Zeitung. „Aber man darf keine Geheimwissenschaft daraus machen. Es gibt heute ja sogar Internetportale, da werden nach Spielen angebliche Gedankengänge von uns Trainern dargelegt.“ Der Trainer von Borussia Mönchengladbach übersieht, dass es in einem Taktikblog nicht um die Theorie des Trainers, sondern um die praktische Umsetzung der Spieler geht.

Spinnennetz mit schiefem Dreieck

Rainer Widmayer verfolgt einen anderen Ansatz. „Taktik ist extrem wichtig“, sagt er. „Aber die Mentalität und Qualität einer Mannschaft ist entscheidend. Wenn beides nicht vorhanden ist, dann kannst du als Trainer mit so viel Taktik und so vielen Lösungen kommen, wie du willst, dann setzen sie es trotzdem nicht um.“ Und überhaupt: „Nach dem Spiel gibt es immer genug Leute, die es besser wissen. Aber während des Spiels auf Dinge zu reagieren, ist doch entscheidend.“

Und entscheidend für Herthas Auswärtsschwäche sind die ungenauen Abstände zwischen den Spielern. Das Team zerfällt in Einzelteile. Wenn Rainer Widmayer die perfekte Raumaufteilung beschreibt, sieht er ein Spinnennetz, in dem sich die Gegner verfangen. In der Mitte befindet sich ein schiefes Dreieck.

So, Herr Widmayer, und wo noch mal müsste jetzt ein gegnerischer Trainer einen seiner Spieler hinstellen, um Herthas Spielaufbau zu zerstören? Die Antwort dürfen wir leider nicht drucken.