Jemand, der gerne anpackt: In der Corona-Zeit war Ralf Rangnick mit seiner Stiftung in und um Leipzig sehr aktiv. 
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BerlinDas Centro Sportivo Milanello nordwestlich von Mailand ist im Moment so etwas wie ein Überbleibsel. Die dort auf 160.000 Quadratmetern verteilten Trainingsplätze inklusive des Milan-Labs gelten noch immer als eines der renommiertesten und innovativsten Sportzentren des europäischen Fußballs. Aber: Das, was dort seit 1963 vermittelt und trainiert wird, geht schon seit fast einem Jahrzehnt sportlich nicht mehr mit dem einher, was der große AC Mailand stets zu verkörpern schien. 18 italienische Meisterschaften, 14 europäische Titel und viele andere Trophäen liegen nicht nur gefühlt ewig zurück. National wurde zuletzt 2016 der italienische Supercup gewonnen, die bislang letzte Meisterschaft im Sommer 2011. Seitdem kämpft der Verein nicht mehr um Titel, sondern um seine Bedeutung im nationalen und internationalen Fußball. 

Nun soll also Ralf Rangnick dem einst so ruhmreichen AC Milan zu neuer Strahlkraft verhelfen. So hat es zumindest am Dienstag die Gazetto dello Sport auf ihrer Titelseite verkündet. Demnach wird der 62-Jährige ab der kommenden Saison nicht nur Trainer, sondern auch Sportdirektor, hat wohl bereits für drei Jahre zugesagt. Dieser Meldung folgte das Dementi von beiden Seiten. „Es ist noch keine Entscheidung gefallen und das wird auch vor dem Ende der Saison nicht passieren. Wir unterstützen Stefano Pioli und das Team maximal und haben Vertrauen in beide“, meldete die Nachrichtenagentur Ansa. Im Moment liegt der AC nur auf Rang sieben, kämpft in den verbleibenden Saisonspielen um die Qualifikation für die Europa-League. Da sind Störfeuer unerwünscht. Doch selbst wenn auch Rangnick, der aktuell als „Head of Sport and Development Soccer“ für den Getränkehersteller Red Bull arbeitet, am Dienstag eine Einigung gegenüber Sport1 verneinte, gilt es als sicher, dass er ab Sommer den Platz auf der Leipziger Tribüne gegen den auf der Bank im Giuseppe-Meazza-Stadion eintauschen wird.

Zu lange, seit Dezember des vergangenen Jahres, stehen die Gerüchte um sein Engagement beim AC Mailand im Raum. Zu sehr gilt der 62-Jährige als Gestalter, als Macher und nicht als Verwalter. Zu konstruiert wirkt seine Position als Kopf für Fußball-Entwicklung im Red-Bull-Imperium. Interesse aneinander scheint es jedenfalls zu geben. „Der AC Mailand hat einmal angefragt, ob es denn eine Möglichkeit gäbe. Ich habe daraufhin Red Bull informiert“, sagte Rangnick im März bereits in einem Interview mit der Bildzeitung, „anschließend gab es Gespräche mit meinem Berater. Dann kam Corona und seitdem gibt es andere und wichtigere Themen.“ Etwa seine Stiftung, für die er nicht nur den Namen hergibt, sondern gerade während der Corona-Hochphase in und um Leipzig sehr aktiv war. Seit sechs Jahren lebt er dort und könne sich sehr gut vorstellen,  noch länger zu bleiben, wie er in einem Interview im April der Mitteldeutschen Zeitung verriet. „Um über etwas anderes nachzudenken, müsste sehr viel zusammenkommen.“

Weniger die finanziellen Aspekte spielten in seinen Überlegungen eine Rolle, viel mehr ginge es ihm um das Gefühl, dass er einen gewissen Einfluss habe. „Und dabei geht es gar nicht so sehr um Macht, auch wenn man die sicherlich in bestimmten Situationen auch mal braucht, um gewisse Dinge auf den Weg zu bringen.“ Der AC Mailand, der eine Neuorientierung anstrebt, scheint die reizvolle Aufgabe zu sein, für die er noch einmal brennt. Schon in Hoffenheim und Leipzig hat sich Ralf Rangnick weniger als Trainer und viel mehr als Projekt-Entwickler und Vereins-Architekt definiert. Als Trainer und Sportdirektor würde er in Mailand über die Gestaltungsmöglichkeiten verfügen, die er  benötigt, um auch dort erfolgreich arbeiten zu können. Die Kompetenz, diese Doppelrolle auch vernünftig auszufüllen und den Verein umzukrempeln, wird ihm von Oliver Bierhoff bescheinigt. „Er macht stets neue Pläne, er lernt Neues und trotz seines Alters hat er immer noch eine riesige Motivation und Erfolgshunger“, sagte der DFB-Direktor im Interview mit der Gazzetta dello Sport.

Milans Vereinsikone Paolo Maldini ist da etwas skeptischer. Dass Rangnick in Doppelfunktion arbeiten solle, bezeichnete der Vizepräsident jüngst als „Platzsturm“. Statt einer Empfehlung gab es deshalb vor wenigen Wochen über italienische Agenturen einen Rat vom 51-jährigen Maldini: „Bevor er Italienisch lernt, sollte er das Konzept von Respekt überdenken.“ Ungeachtet dessen ist Milan-Präsident Paolo Scaroni von Rangnick überzeugt, stattet ihn angeblich mit Transfergeldern in Höhe von 75 Millionen Euro aus. Dass auf dem Mailänder Einkaufszettel mit Patrik Schick und Dayot Upamecano zwei Spieler von RB Leipzig stehen sollen, klingt nicht nach Zufall.