Berlin - Gelesen hat er sie bestimmt, die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) erst im Sommer dieses Jahres noch einmal im Detail überarbeitete Handreichung zum Drei-Stufen-Plan. Nicolas Winter, 29 Jahre alt, Schiedsrichter aus Leidenschaft und das seit seinem 14. Lebensjahr, wusste also, was der DFB konkret empfiehlt, wenn es während eines Fußballspiels zu einer rassistischen Diskriminierung einer Spielerin beziehungsweise eines Spielers kommt. Am Sonntagnachmittag allerdings pfiff Winter auf diesen Drei-Stufen-Plan, verzichtete nach einem skandalträchtigen Vorfall auf Stufe 2 und damit auf einen Wiederanpfiff der Drittliga-Partie zwischen dem MSV Duisburg und dem VfL Osnabrück, brach ebendiese nach 33 Minuten Spielzeit ab. Was über die deutschen Profiligen hinweg ein Novum darstellt.

Mit ruhiger Stimme, aber mit dem Gesichtsausdruck eines Betroffenen schilderte Winter, der mal Polizist werden wollte, aber dann doch eine Lehre zum Industriekaufmann absolvierte, ein paar Jahre in der Kfz-Branche arbeitete und schließlich in Düsseldorf auch noch ein Studium im Bereich Sportmanagement mit Einser-Schnitt abschloss, bei MagentaTV die schaurige Szenerie. Als der Osnabrücker Profi Aaron Opoku, geboren in Hamburg, ausgebildet beim HSV, einen Eckstoß ausführen wollte, „wurden Affenlaute von der Tribüne gerufen“, berichtete Winter. Der Betroffene und sein Assistent hätten das sofort wahrgenommen. „Das ist etwas, wo wir sehr sensibel sind und auch direkt reagieren. Ich habe versucht, mich direkt um ihn zu kümmern, und habe gesehen, wie schockiert er war“, so der Referee, der darauf die Mannschaften in die Kabine schickte und sie nach Rücksprache mit den Klubverantwortlichen eben dort auch beließ.

In einem Interview hat Winter, der seit 2019 auch Spiele der Zweiten Liga leitet, mal erklärt, dass er einen besonderen Sinn für Gerechtigkeit habe. Und dass er sich für die Zusammenhänge zwischen Sport und Gesellschaft interessiere. Er war in jedem Fall der richtige Schiedsrichter für ein Spiel, das für den deutschen Profifußball einen seiner düstersten Momente gebracht hat.