Herthas Verteidiger Jordan Torunarigha wurde beim Pokalspiel auf Schalke rassistisch beleidigt.
Foto: Contrast Photoagentur/O. Behrendt

BerlinRobert Claus arbeitet seit 2015  bei der „Kompetenzgruppe Fangruppen und Sport bezogene Soziale Arbeit“. Im September 2017 erschien sein Buch „Hooligans. Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik“. Im Interview spricht er über die rassistischen Beleidigungen, die der Berliner Profi Jordan Torunarigha in Form von Affenlauten beim DFB-Pokalspiel auf Schalke erlebte und wie sich die Fußballklubs  dem Thema Rassismus widmen.

Herr Claus, wie bewerten Sie den Vorfall auf Schalke?

Man kann an diesem Vorfall verschiedene Sachen ablesen: Zum einen gibt es einen gesellschaftlich tief verwurzelten Rassismus, der sich in einer langen Liste an Beispielen ausdrückt, wo sich einzelne Fans rassistisch, antisemitisch oder anderweitig diskriminierend äußern. Affenlaute sind leider dafür ein klassisches Beispiel. Man kann aber auch sehen, dass es inzwischen eine große Aufregung darum gibt. Große Teile der Medien und Fans sind für dieses Thema sensibilisiert und nehmen das Ganze zum Glück sehr ernst.

Hat sich das im Laufe der Jahre Ihrer Meinung nach gewandelt?

Wenn man sich die Geschichte des Fußballs anguckt, waren Affenlaute und rassistische Rufe vor allem gegen schwarze Spieler in den 80er- und 90er-Jahren noch viel normaler. Viele Fankurven haben in der Zwischenzeit einen Selbstreinigungsprozess mitgemacht. Gerade Schalke und Frankfurt sind dafür bekannt, dass sie innerhalb ihrer Ultraszene diskutiert und reguliert haben, rassistische und antisemitische Rufe nicht zu dulden. Es gibt die Schalker Faninitiative gegen Rassismus schon seit vielen Jahren. Es gibt eine Ultraszene, die sich gegen Rassismus ausgesprochen hat. Jetzt gab es diesen Vorfall auf Schalke, aber man muss zur Kenntnis nehmen, dass der nicht aus dem Herzen der Ultraszene kam, sondern aus einem Randbereich der Fans. Und von daher ist es auch gut, dass sich viele Fans und Vereinsoffizielle sofort kritisch geäußert haben.

Foto: Kompetenzgruppe für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit
Zur Person

Robert Claus (2. v. l.),  1983 in Rostock geboren, absolvierte 2011 den Abschluss als Magister der Europäischen Ethnologie und Gender Studies an der Humboldt-Universität. Ehrenamtlich arbeitete er im Presseteam des Berliner Fußballvereins Türkiyemspor. Nach mehreren Lehraufträgen an verschiedenen Universitäten arbeitet er seit 2015 bei der „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“ in Hannover. 2017 erschien das Buch „Hooligans. Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik“.

Schalke ist in diesem Zusammenhang nicht ganz unbescholten.

Komplexer wird der Fall, wenn man noch mal in den letzten Sommer zurückblickt, wo sich der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies rassistisch geäußert hat – nicht im Stadion, aber in einer Rolle, wo der Fußball eigentlich als gesellschaftliches Vorbild dienen soll. Da sieht man eine starke Diskrepanz. Bei Fans, die im Randbereich stehen, gibt es eine schnelle Reaktion und es wird verurteilt. Wenn eine rassistische Aussage allerdings von einem wirtschaftlich wichtigen Mitglied eines Führungsgremiums kommt, tun sich die Eliten des deutschen Profifußballs ungleich schwerer.

Wie Sie schon sagten: Die Aufregung, was dieses Thema betrifft, ist größer geworden. Dennoch kehrt auch schnell die Normalität zurück.

Es gibt einen größeren Teil von Profifußballklubs, die dieses Thema mittlerweile sehr ernst nehmen und auch adressieren. Da denke ich nicht nur an Schalke und Hertha, sondern auch an Borussia Dortmund und die lange Geschichte des FC St. Pauli und seiner Fanszene. Der Fußball als Vereinslandschaft ist allerdings sehr heterogen, nicht alle Vereine nehmen das gleichermaßen ernst. Die entscheidende Frage ist, wie entwickelt sich das langfristig.

Haben Sie Beispiele dafür?

Auf Schalke gibt es zum Beispiel eine Stelle, wo sich Fans während eines Spieltags melden können, wenn sie einen diskriminierenden Vorfall beobachtet haben. Borussia Dortmund hat eine Strategie erarbeitet, wie sie gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus arbeiten wollen. Es gibt vielerorts wichtige sozialpädagogische Fanprojekte. Die Fußball- und die Fanlandschaft haben sich sehr ausdifferenziert, innerhalb der Fanszenen gibt es von extrem rechten bis hin zu den Fans, die sich sehr aktiv gegen Diskriminierung engagieren, alles. Auf der Vereinslandschaft findet man von Vereinen, die fast gar nichts zu dem Thema machen, bis zu Vereinen, die es strategisch ernst nehmen, alles. Pauschalurteile über den Fußball helfen uns nicht weiter.

Was sind die Ursachen, weshalb sich einige Vereine intensiver den Kampf gegen Rassismus angenommen haben als andere?

Das sind drei Aspekte: Zum einen gibt es eine gestiegene gesellschaftliche Erwartungshaltung gegenüber Fußballklubs, die eben nicht nur Sport- und Wirtschaftsunternehmen sind, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung haben in Bezug auf das Thema Anti-Diskriminierung. Zudem hat es auch Proteste von Fans gebraucht, um solche Vorfälle zu skandalisieren und einen Druck aufzubauen, damit sich Vereine und Verbände damit beschäftigen. Und drittens gibt es in den Vereinen und Verbänden mittlerweile viele Menschen, die das Thema sehr ernst nehmen. Bei den Vereinen sind das nicht selten die Fanbeauftragten oder Leute, die aus der Fanszene kommen, die ein Gefühl dafür haben, warum Rassismus in der Fankurve nichts zu suchen hat. Ich habe Tönnies’ Aussage als einen Tritt in die Kniekehle von vielen wahrgenommen.

Weil die Konsequenzen für seine Äußerungen gegenüber den Bewohnern Afrikas anschließend kaum zu spüren waren.

Der Skandal hatte eine Tragweite von mehreren Wochen, er ist also keineswegs untergegangen. Das Dramatische daran aber ist, dass Vieles verpufft ist. Es gibt eine kritische mediale Aufmerksamkeit und Fans, die gegen Tönnies’ rassistische Aussagen protestierten, an seinen Netzwerken und seiner Position hat das aber nichts geändert. Letztlich hatte der Vorfall keinerlei ernstzunehmende Konsequenzen.

Würde es Sinn machen, einen Verein zu sanktionieren, der sich nicht entschieden gegen Rassismus stellt?

Man darf diese Diskussion nicht pauschal führen. Es macht einen Unterschied, ob ich es mit einem Standort zu tun habe, wo der Verein, das Fanprojekt oder Teile der Fanszene schon seit langem gegen Rassismus arbeiten. Es gibt die Schalker Faninitiative gegen Rassismus schon seit 20 Jahren. Aber es gibt auch Vereine, die das Thema 30 Jahre kaum ernstgenommen haben wie den Chemnitzer FC bis zum März 2019 (Bei einem Regionalligaspiel gegen die VSG Altglienicke wurde um einen verstorbenen Neonazi getrauert, d. Red.). Ich bin für Maßnahmen offen, aber sie müssen am konkreten Fall ausgerichtet sein. Im Grunde muss es stets das Ziel sein, die positiven Kräfte zu unterstützen und zu schützen.

Vorsänger im Bergmannschor: Clemens Tönnies (mit Schal).
Foto: Team2/Imago Images

Rassismus ist ein Problem auf allen Ebenen des Fußballs. Haben es höherklassige Vereine einfacher als ein Amateurklub, eine Anti-Rassismus-Kultur zu schaffen?

Amateurvereine sind lokal verankert und haben eine viel kleinere Fankultur, dazu sind sie eher im breiten Jugendfußball unterwegs. Die Statistik des DFB besagt, dass es bei weniger als 0,3 Prozent aller Spiele Vorfälle von Gewalt und Diskriminierung gibt. Das erheben sie über Schiedsrichter, die Vorfälle im Spielberichtsbogen angeben sollen. Auch dieses System hat eine Dunkelziffer, aber immerhin wird etwas erhoben. Genauso wie Profiklubs dazu aufgerufen sind, mit ihren Fans präventiv zu arbeiten, gilt das auch für die Amateure und ihre Mitglieder. Und natürlich gibt es auch hier die gleiche politische Bandbreite wie im Profifußball.

Im Berliner Fußball gibt es den Verein Hürtürkel, der   immer wieder durch antisemitische Vorfälle auffällig wurde. Inwieweit begegnet man dieser Form im Vergleich zur Diskriminierung von rechts?

Wir haben es hier mit einem Verein mit einer Migrationsgeschichte jüngerer Zeit zu tun. Schalke ist übrigens stark durch polnische Bergarbeiter geprägt, aber die Geschichte liegt länger zurück. Und es ist schwer das zu vergleichen, weil die Öffentlichkeit und die finanzielle Ausstattung auf ganz unterschiedlichen Niveaus liegen. Was im Kern aber bleibt: Alle Fußballvereine sind aufgerufen, sich mit diskriminierenden und menschenfeindlichen Einstellungen zu beschäftigen. Und dazu gehören Rassismus, Antisemitismus und im Übrigen auch Schwulenfeindlichkeit.

Wie schätzen Sie die Lage in Berlin generell ein?

Der Berliner Fußballverband hat sich in den letzten Jahren hervorgetan durch Veranstaltungen und Bildungsangebote. Die Frage jedoch, wie das Thema Anti-Diskriminierung in der Ausbildung inhaltlich verankert wird, also bei Trainer-und Schiedsrichterscheinen, stellt sich seit langem. Damit das Thema in allen Kreisen, die eine Rolle spielen, ankommt.

Wie bewerten Sie den deutschen Kampf gegen Rassismus im Stadion im Vergleich zum Ausland?

Wenn man sich europaweit umguckt, muss man sagen, dass der englische Fußballverband zu diesem Thema schon lange arbeitet und in Deutschland eine recht breite Landschaft an Präventionsprojekten existiert, die es weiter auszubauen gilt. Wenn man den Blick nach Osteuropa wendet, ist die Landschaft dort ungleich karger. Es gibt auch wenige Institutionen und Fangruppen, die sich dem Thema Rassismus widmen, aber Rassismus und Antisemitismus sind, wie auch im italienischen Fußball, oft zu finden.