Der Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng, 27, sitzt recht entspannt auf einem Sofa in der Lobby des Medienhotels in Ascona. Aber beim Interview ist der in Berlin geborene Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters voll konzentriert. Es geht in diesen Tagen schließlich nicht nur um ihn, sondern ums ganze Land.

Herr Boateng, wie haben Sie die öffentlichen Diskussionen um das Zitat von AfD-Mann Alexander Gauland zu Ihrer Person erlebt? Der Herr Gauland will einen wie Sie nicht als Nachbarn haben.

Das hat mich nicht so sehr belastet. Ich habe es zur Kenntnis genommen. Das war es eigentlich schon.

Es hat aber doch wahnsinnig viele Reaktionen gegeben, auch in den sozialen Netzwerken gab es eine Welle der Solidarität. Selbst Ihr ehemaliger Nachbar aus Hamburg hat sich gemeldet, Sie als klasse Nachbarn bezeichnet und Tausende Likes auf Facebook bekommen.

Ja, das habe ich auch gehört. Aber sehen Sie: Ich bin jetzt hier bei der Nationalmannschaft und bereite mich mit Deutschland auf die EM vor. Das Thema ist für mich jetzt abgeschlossen. Beim Spiel am Sonntag in Augsburg gab es von den Fans im Stadion viele sehr positive Bekundungen in meine Richtung. Was Alexander Gauland angeht: Ich finde es natürlich traurig, dass man sich so etwas heutzutage noch anhören muss.

Haben Sie grundsätzlich das Gefühl, dass der alltägliche Rassismus weniger geworden ist in den vergangenen Jahren?

Ich denke schon, aber er ist anscheinend noch längst nicht weg. Ich hatte gehofft, das wäre überwunden.

Ihr Bruder Kevin-Price hat vor drei Jahren eine Rede vor den Vereinten Nationen gehalten und darauf hingewiesen, dass es der größte Fehler wäre, den Rassismus einfach zu ignorieren, wenn man ihn bekämpfen wolle.

Ich will das Thema auch nicht ignorieren, aber es passt einfach überhaupt nicht in diese Tage, da wir uns hier auf die Europameisterschaft vorbereiten. Wir bestreiten in rund elf Tagen unser erstes Spiel gegen die Ukraine. Ich möchte auch nicht, dass solche Leute über mich Aufmerksamkeit und eine große Plattform bekommen. Und ich möchte ebenfalls nicht, dass ich im Vergleich zu meinen Mannschaftskollegen zu viel Aufmerksamkeit bekomme. Wir haben ja einige andere Spieler, die in anderen Ländern ihre Wurzeln haben. Ich wurde stellvertretend angegriffen.

Würden Sie sich mit Herrn Gauland zusammensetzen und das mit ihm diskutieren?

Vielleicht könnte er mir das dann ja mal erklären, aber das bezweifele ich. Jedenfalls ist seine Meinung bei Weitem nicht mehrheitsfähig. Ich bin sehr offen in Deutschland aufgewachsen und habe auch die allermeisten Deutschen als sehr offen erlebt.

Glauben Sie, dass diese Debatte der AfD am Ende nutzt?

Man hat in den vergangenen Tagen gesehen, dass es sehr positiv in die andere Richtung gegangen ist. Viele Leute haben gesagt, dass dafür kein Platz sein darf in unserer Gesellschaft.

Würden Sie sich generell als politischen Menschen bezeichnen?

Ganz sicher nicht. Weil ich in vielen Diskussionen nicht die Details kenne, erlaube ich mir auch kein Urteil. Aber was dieses Thema angeht, kann ich schon sehr deutlich sagen, dass ich so eine Haltung in Deutschland nicht haben möchte.

Sogar die Bundeskanzlerin hat sich zu Wort gemeldet und die Aussagen von Gauland als „niederträchtig“ bezeichnet.

Das hat mich natürlich gefreut. Vor allem, weil sie sich so klar und deutlich geäußert hat. Das ist, glaube ich, auch wichtig. Nicht nur für mich, sondern für unser Land.

Haben Sie als Kind, das in Berlin aufgewachsen ist, Rassismus erlebt?

Den habe ich durchaus erlebt, aber das ist schon länger her.

Inzwischen sind sie ein Fußballstar, der von der Gesellschaft geschützt wird.

Ja, da haben Sie Recht. Aber das wünsche ich mir natürlich auch für meine Kinder und für alle Kinder, die in Deutschland leben und weniger geschützt werden als ich.

Auch bei den Anschlägen in Paris wurden Sie als deutscher Nationalspieler gemeinsam mit ihren Teamkollegen besonders geschützt. Sie haben kurz nach der Nacht vom 13. November gesagt, dass es das bislang schlimmste Erlebnis in Ihrem Leben gewesen ist. Wie haben Sie die Erlebnisse inzwischen verarbeitet?

Ich glaube, ganz gut. Es ist ja auch inzwischen einige Zeit her. Ich habe Abstand bekommen, aber es bleibt dabei: Es war eine schlimme Nacht, vor allem für viele Menschen in Paris, eine Nacht, die niemand wiedererleben will. Ich hoffe sehr, dass nichts passiert bei der EM. Und nicht nur dort.

Machen Sie sich Sorgen oder können Sie es wegschieben?

Ganz wegschieben kann ich es nicht.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass Sie nach der EM in Frankreich sogar Kapitän werden.

Natürlich ist das ein tolles Amt, eine Ehre, gerade für mich mit der Hautfarbe und dem Hintergrund. Aber ganz ehrlich: Ich brauche diese Bestätigung durch die Binde nicht. Für mich ist es Ehre genug, wenn ich für Deutschland spiele. Das merke ich jedes Mal, wenn die Nationalhymne ertönt. Das ist immer ein besonderes Gefühl.

Was haben Sie mit der Binde aus dem Spiel gegen die Slowakei gemacht, die Sie zur Halbzeit von Sami Khedira übernommen haben?

Die habe ich bei meiner Auswechslung Benedikt Höwedes gegeben (lacht). Danach habe ich sie nicht mehr gesehen.

Nach dem Länderspiel gegen Ungarn haben Sie noch zwei Tage frei. Was machen Sie?

Ich fahre nach Hause nach München und verbringe ein bisschen Zeit mit meiner Familie.

Und den Nachbarn?

Denen sage ich mal freundlich hallo.

Interview: Jan Christian Müller