Schon die Dramaturgie erweckte den Anschein einer großen Inszenierung. Drei Wochen lang war Mesut Özil, der deutsche Fußball-Nationalspieler, der mit einem Fototermin mit dem türkischen Staatspräsidenten vor der Weltmeisterschaft polarisierte wie kein Kollege, aus der Öffentlichkeit abgetaucht. Ein paar Fotos mit Freundin in den sozialen Netzwerken. Das war’s.

Aber der Sonntag wurde zu seinem Tag. Wie in einem Theaterstück in drei Akten überraschte Özil - wahrscheinlicher aber sein Management - das Land und seine Millionen Fans auf Twitter oder Facebook mit jenen Erklärungen, die viele für überfällig hielten, aber dann doch nicht so erwarteten: Mesut Özil brach mit dem Deutschen Fußball-Bund, mit einigen Sponsoren und mit vielen deutschen Medien.

Zwischen den drei Teilen seiner Generalabrechnung blieben lange Pausen, ganz so, als arbeite der Schöpfer Özil gerade live an seinem Werk weiter. Zuerst erklärte er sich zum Foto selbst, in der Fortsetzung knöpfte er sich die deutschen Medien und Sponsoren vor. Im letzten Akt trat die Nummer Zehn dann zurück - aus der Nationalmannschaft. 

Wenig deutet daraufhin, dass er alles selbst verfasst hat, viel hingegen darauf, dass er sich lange schon aus der deutschen Nationalelf verabschiedet hatte, zuvorderst sprachlich: Mesut Özils Erklärung ist in englischer Sprache verfasst, nicht auch auf Englisch, nur auf Englisch.

Die Symbolik entziffern

Alles an der Affäre um den Fußballprofi Mesut Özil und seinen Fototermin mit dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan dreht sich um Symbolik. Und so kommen Beobachter nicht ganz umhin, auch in Özils erstem eigenen Erklärungsversuch die Symbolik zu entziffern, auch weil der Inhalt teilweise oberflächlich, die Erklärung dürftig ist.

Grob übersetzt erklärt Özil das umstrittene Foto damit, dass ihn seine Mutter stets Respekt und Demut vor seiner Herkunft gelehrt habe und er, diesen Werten folgend, niemals ein Treffen mit dem Staatspräsidenten einer der beiden Kulturen abgelehnt hätte, denen er sich verbunden fühlt − egal, wer gerade Staatspräsident ist. „Mein Beruf ist der des Fußballspielers, nicht des Politikers, und unser Treffen war keine Unterstützung irgendeiner Politik“, steht in dem Text: „Der Respekt vor dem politischen Amt ist eine Betrachtungsweise, von der ich sicher bin, dass sie auch von der Königin und Premierministerin Theresa May geteilt wurde, als sie Erdogan in London empfangen haben.“

Das Bekenntnis wirkt etwas erstaunlich. Außer Mesut Özil wäre vermutlich niemand auf die Idee gekommen, der Fußballspieler könnte in protokollarischen Pflichten oder sonst irgendwo viel mit der Königin von England gemein haben, außer dem temporären Wohnsitz London vielleicht.

Özil wurde vor 26 Jahren in Gelsenkirchen, Ortsteil Bismarck, geboren und in Deutschland aufgezogen. Wenn er sich nur ein bisschen mit der deutschen Kultur und Geschichte befasst hat, müsste er wissen, dass Spitzensport immer auch eine nationale Symbolik zukommt. Und dass er immer wieder gerade in Deutschland von der Politik missbraucht worden ist. Zur inhaltlichen Kritik, ein Foto mit dem Präsidenten zu machen, der die Demokratie und ihre Kontrollinstanzen abschafft und unbescholtene Bürger inhaftieren lässt, findet sich kein Satz.

„Es ging nicht um Gier“

Özil ist kein 29-Jähriger, der berufliche Erfahrungen erst selbst machen muss, er hat ein Heer von Beratern und Managern um sich, die in der Regel darauf achten, wie der Mensch Özil als Objekt in Szene gesetzt wird − zumeist zur lukrativen Vermarktung. Sie wissen um den Wert und zuweilen gar die Wucht der Bilder mit ihrem Mandanten.

Das hat sogar dafür gesorgt, dass Özil mit Vater Mustafa zwischenzeitlich über gerichtliche Klagewege kommunizierte. Der Papa, selbst als Kleinkind aus einem Dorf in der Nähe des Schwarzen Meeres nach Deutschland emigriert, hatte ihn einst gefördert und als Kind an der Seitenlinie der Ruhrpottplätze von Westfalia 04 Gelsenkirchen und Teutonia Schalke wie ein Hobby-Trainer angeleitet, bevor er ihn später gemanagt hat und letztlich vom vertragspokernden Bauunternehmer Florentino Perez in Madrid seine Grenzen aufgezeigt bekam. Und vom Sohn kurzerhand gefeuert wurde.

„Es ging nicht um Gier. Nicht darum, den Hals nicht voll kriegen zu können. Es ging lediglich um eine gerechte Bezahlung“, schrieb Özil in seinem Buch über die Konfrontation seines Vaters mit dem Real-Boss: „Er kannte es nicht, in dieser Form unter Verhandlungsdruck gesetzt zu werden. Deshalb bewahrte er leider keinen so kühlen Kopf, wie es wahrscheinlich wichtig gewesen wäre.“

Twitteraccount aus Wut gelöscht

Der Vater, der zwischenzeitlich aus Wut den Twitteraccount des Sohnes löschte und Millionen Follower verabschiedete, hatte neulich schon zum Nationalelfkarriere-Ende geraten: „Wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich sagen: Schönen Dank, aber das war es! Dafür ist die Kränkung dann doch zu groß. Und wer weiß denn, was beim nächsten Spiel ist? An Mesuts Stelle würde ich zurücktreten.“

Und womöglich ist Özils plötzliche Mitteilsamkeit gar kein Zufall. Sie kommt kurz nach den ersten Analysen des Bundestrainers Joachim Löw und bevor der seine personellen Konsequenzen veröffentlicht. Dafür lässt Löw sich Zeit, um den Betroffenen den würdevollen Abgang zu ermöglichen.

Dass er dabei so einen großen Knall im Kopf hatte wie Özil ihn fabrizierte, scheint ausgeschlossen. Der beklagte ungerechte Behandlung durch die Medien: „Lothar Matthäus (ein hoch dekorierter Kapitän der Nationalmannschaft) hat sich vor einigen Tagen mit einem anderen Weltführer (Anm.d.Red.: Russlands Präsident Wladimir Putin) getroffen und fast keine Kritik bekommen. Trotz seiner Rolle im DFB haben sie nicht von ihm verlangt, seine Handlungen zu erklären. Macht meine türkische Abstammung mich zu einem wertvolleren Ziel?“

Und er schimpft über Sponsoren wie Mercedes, die plötzlich Marketing-Aktivitäten mit ihm abgesagt hätten. „Das ist sehr ironisch, denn ein deutsches Ministerium hatte ihre Produkte für illegal erklärt, da sie unautorisierte Software beinhalten, die das Risiko für den Kunden erhöhe“, hieß es, „Hunderttausende ihrer Produkte wurden zurückgerufen.“

Dass der Verband sich trotz Skandal zum Sponsor loyal verhält, aber nicht zu ihm, geißelte Özil: „Während ich kritisiert und vom DFB aufgefordert wurde, meine Handlungen zu erklären, gab es keine solche offizielle und öffentliche Aufforderung an den DFB-Sponsor. Warum?“

Zum zentralen Bestandteil der Generalabrechnung geriet aber, so zeigte der am Sonntagabend veröffentlichte, letzte Teil der Trilogie, die scharfe Kritik an DFB-Präsident Reinhard Grindel. Özil schrieb, er stehe nicht länger als „Sündenbock“ für dessen „Inkompetenz und Unfähigkeit seinen Job ordentlich zu erledigen“ zur Verfügung. Grindel habe ihn zudem nach dem Erdogan-Foto aus dem Team werfen wollen, was Manager Oliver Bierhoff und Trainer Joachim Löw allerdings verhindert hätten. „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren.“ 

In Grindels und dem Umgang anderer mit ihm, so Özil, seien „zuvor versteckte rassistische Tendenzen“ zum Ausdruck gekommen. Ein Vorwurf, den der Weltmeister von 2014 auch auf „hohe DFB-Offizielle“ erweiterte. Er werde nicht für Deutschland spielen, während er einen Mangel an Respekt im Umgang mit ihm und seinen Wurzeln spüre: „Rassismus sollte niemals akzeptiert werden“.