Berlin - Jesse Marsch wollte die Euphorie des Augenblicks so lange wie möglich einfangen. Im Mittelkreis versammelte der Trainer von RB Leipzig nach dem 3:0 (0:0) gegen den VfL Bochum die Spieler. Seine Rede war leidenschaftlich, seine Worte sollten sich beim Vizemeister einbrennen und alle Zweifel der turbulenten vergangenen Wochen vergessen machen.

„Wir haben nicht aufgehört! Wir gehen weiter!“, rief Marsch der Mannschaft entgegen. Der Glaube an den gemeinsam eingeschlagenen Weg soll die Torschützen Andre Silva (70.) und Christopher Nkunku (73./78.) sowie alle Teamkollegen in der bundesligafreien Zeit begleiten. „Direkt vor der Länderspielpause ist es sehr schwierig, mit der Mannschaft zu reden, weil in den nächsten Tagen alle in der ganzen Welt sind“, begründete Marsch seine emotionale Ansprache.

Hinter Marsch und RB liegt eine komplizierte Phase. Die Fußstapfen seines Vorgängers Julian Nagelsmann sind noch größer als gedacht, die Umstellung auf ein neues System und eine neue Spielweise fällt den Spielern schwer. Die Abgänge der Leistungsträger Marcel Sabitzer, Dayot Upamecano und Ibrahima Konate erschweren den Umbruch zusätzlich. Das Ergebnis all dieser Faktoren ist eine in Leipzig so kaum gekannte Inkonstanz. 1:4 gegen Bayern München, 3:6 bei Manchester City, 6:0 gegen Hertha BSC, 1:2 gegen den FC Brügge, nun 3:0 gegen Aufsteiger Bochum. „Es ist auch nicht schlecht, wenn wir für alles kämpfen müssen“, sagte Marsch.

Denn auch gegen Bochum spielte Leipzig sehr wechselhaft. Der Kampf um Tore wurde zum Geduldsspiel. Leipzig begann mit enorm viel Schwung und hatte in der ersten Viertelstunde Chancen im Überfluss. In der Folge ging RB aber die Sicherheit verloren, Zuspiele wurden ungenauer, die Körpersprache verriet wachsende Frustration. Am Ende belohnten Silva und Nkunku RB für eine starke Schlussphase. „Das Spiel hätte einfacher sein können, wenn wir ein frühes Tor erzielen“, sagte Marsch und lobte die Entwicklung seiner Mannschaft: „Zum Schluss ist das Spiel für uns perfekt gelaufen.“ Den Anschluss an die Europapokalplätze hat Leipzig nun geschafft. Den Ansprüchen des Klubs genügt das aber noch nicht.

Den Ansprüchen von Bochums Torhüter Manuel Riemann entsprach das Abwehrverhalten seiner Vorderleute in keinster Weise. Der 33-Jährige, der sein Team lange im Spiel hielt, kritisierte die Kollegen scharf. „Wir kriegen mal wieder nach einer Ecke ein Tor, und bei acht Spielern geht der Kopf nach unten“, schimpfte Riemann: „Wir schauen zu, wie vorne nur drei Mitspieler pressen. Wir müssen einfach cleverer sein.“ Bochum bleibt nach der vierten Auswärtspleite auf einem direkten Abstiegsplatz. Nach der Länderspielpause reist der VfL zum Schlusslicht SpVgg Greuther Fürth.