Im Zeichen des Bullen: In Leipzig träumt man vom Meistertitel. Auf der anderen Seite formiert sich der Widerstand gegen einen Klub, den man mit einem Getränkekonzern verwechseln  kann.
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LeipzigOliver Mintzlaff drückt Zink aus einem Tablettenstreifen, spült es in einem Schluck herunter. Mit Wasser. Gegen eine aufkeimende Erkältung. Wir sitzen in seinem Geschäftsführerbüro: schwarze Ledersessel, schwarze Regale, schwarzes Rennrad, davor Laufschuhe, in der Ecke ein Kühlschrank voller Dosen, an der Wand eine Stadionumbauskizze, ungeöffnete Adventskalendertürchen.

Mintzlaff justiert seinen schmalen Läuferkörper in Gesprächsposition und sagt aus hoffentlich sicherer Keimentfernung: „Wir sind RB Leipzig, wir sind die Bösen, die alles für legitim halten, was legal ist. Die anderen haben immer noch nicht verstanden, wie man Kommerzialisierung erfolgreich auf die Spitze treibt.“ Und: „Und die nächste Zinktablette spüle ich mit Red Bull herunter.“

Nein, Stopp, Quatsch! Das sagt er natürlich nicht. Wirklich nichts davon.

Bundesligaauftakt mit Budget von Werder Bremen

Und das ist schon schade für alle, die darauf warten, dass Mintzlaff sich endlich als Bösewicht outet, als fußballkulturloser Fanseelenverkäufer. Dann wäre ausgesprochen, was sie zu glauben wissen, was sie antreibt, im Namen der Fankurvenromantik gegen dieses Marketingprodukt RB Leipzig anzubrüllen.

Mintzlaff, der Boss des nach der Hinrunde punktbesten Bundesligaklubs, sagt in Wahrheit: „Es wird immer schwieriger, ein Überraschungsmeister zu werden, weil es immer mehr Klubs gibt, die sich finanziell abheben können. Aber trotzdem: Wenn ein Verein gute Arbeit macht, ist vieles möglich. Nehmen wir uns: Im ersten Bundesligajahr hatten wir ein Budget, das nicht höher war als das von Werder Bremen. Wir sind nicht Meister, aber immerhin Zweiter geworden.“ Und: „Gerade Vereine, die viel Geld haben, machen auch viele Fehler.“ Was man halt so sagt, um die eigene Größe etwas kleiner erscheinen zu lassen. Es wird ja immer schwieriger, RB Leipzig noch als Überraschung zu betrachten.

Oliver Mintzlaff arbeitet seit sechs Jahren in Leipzig. Der Geschäftsführer der Profiabteilung wacht über das Wachstum des Klubs.
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An diesem Wochenende beginnt die Rückrunde. Am Sonnabend um 18.30 Uhr erwartet RB Leipzig den 1. FC Union Berlin. Das sind zwei Klubs mit unterschiedlich hohen Fehlertoleranzschwellen, es ist ein Duell der Gegensätze zur besten Fernsehzeit. Und auf der Seite der Verbraucherschutzzentrale wird dann immer noch stehen, dass Zink vor verschiedenen Krankheiten schützt. Nicht vergessen: „Die Dosis macht das Gift.“

Union gegen Leipzig: Ein Duell der Gegensätze

RB Leipzig nennen viele nur den Brauseklub. Bullenbashing ist hier Volkssport und dort eine sportjournalistische Wortspieltradition. Es war ja auch schon mal „Die Dose macht das Gift“ zu lesen. Aber Tradition ist manchmal nur eine komische Angewohnheit, über die irgendwann keiner mehr lacht.

Es ist über zehn Jahre her, dass der Getränkekonzern Red Bull den SSV Markranstädt schluckte, um an ein Startrecht in der Oberliga Nordost zu kommen. Das Projekt wurde von Verbänden gefördert, war von Funktionären gewollt, die Lokalpolitik zeigte sich begeistert. Die Vision von einem Bundesligaklub im Osten verfing. Egal, dass Leipzig nicht die erste Wahl war bei der Standortsuche.

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Seitdem ist einiges passiert. Hier im Schnellstdurchlauf: Aufstieg, Aufstieg, Aufstieg, Aufstieg – es ist schon wieder die vierte Erstligasaison für Rasenballsport Leipzig. Parallel zum Durchmarsch fand eine Art Klimawandel statt. Die Fußballwelt hat sich jedoch wieder abgekühlt, weil die Diskussionen über die taurinhaltige Erfolgsgeschichte nicht mehr so hitzig geführt werden. Man hat sich aneinander gewöhnt, wie Geschäftspartner arrangiert – und auf der Kundenseite brüllt man ein weniger leiser. Die Zeit erklärte neulich, „warum RB Leipzig das Beste ist, was der Bundesliga passieren konnte“, und im Spiegel stand, dass „selbst die Skeptiker erkennen müssen, dass damit die Bundesliga an Spannung gewinnt“. Zuletzt hat der FC Bayern sieben Mal in Serie den Meistertitel gewonnen.

Meisterschaft? Warum nicht mal ein anderer Klub?

Warum nicht mal zur Abwechslung ein anderer Klub? Warum nicht RB Leipzig? Was wäre eigentlich so schlimm daran?

Mintzlaff selbst sagt: „Wir merken eine Anerkennung für unsere Arbeit, für unseren nachhaltigen, konsequenten Weg mit einer klaren Philosophie und richtigen Managemententscheidungen. Das wird auch von Leuten honoriert, für die RB Leipzig nicht zwingend der Herzensverein ist.“ Sogar von Kollegen, die ihre bewundernden Worte in vertrauten Runden äußern, in der Öffentlichkeit aber so nicht wiederholen würden. Er hat Verständnis dafür.

Oliver Mintzlaff, 44, hat einen Lebenslauf, der viele andere wie Stillstand aussehen lässt. Er lief professionell Crossrennen und Halbmarathon und neigt wohl deshalb dazu, die Hälfte der Saisonspiele in Meter umzurechnen (17 = 5 000); den Punktevorsprung auf den ersten Verfolger Borussia Mönchengladbach setzt er einfach mal mit Sekunden gleich (2 = 2) und sagt: „Wir rufen deswegen nicht den Meisterschaftskampf aus.“ Und: „Ich finde, dass es nicht mal eine Bla-Bla-Antwort ist, sondern eine richtige Einschätzung.“ Es bleiben ja noch 5000 Meter bis zum Ziel. Und jede Sekunde zählt.

Der Läufer Mintzlaff wechselte später auf die schnelle Karrierebahn, studierte BWL, leitete das Sportmarketing von Puma, führte eine Beraterfirma, er beriet den Trainer Ralf Rangnick, das Mastermind des Leipziger Konzernklubbaus. So landete der Verhandlungskünstler Mintzlaff bei RB, wurde Head of Global Soccer der Red Bull GmbH mit den Standorten Salzburg, New York, Brasilien und spezialisierte sich dann doch auf Leipzig, wo er 2014 den Vereinsvorstand übernahm und zwei Jahre später zum Geschäftsführer der ausgegliederten Profiabteilung aufstieg – und so Rangnicks Chef wurde. „Ich könnte nicht in einem Klub arbeiten, wo es keine klaren Strukturen gibt, wo ich keine schnellen Entscheidungen treffen könnte“, sagt Mintzlaff. „In diesem Arbeitsumfeld würde ich mich nicht wohlfühlen, da könnte ich meine Stärken nicht ausspielen.“ Wer da ein bisschen Kritik an anderen Klubführungen heraushören will, darf das wohl tun.

Zu Mintzlaffs rhetorischen Stärken zählt sicherlich auch das relativierende Vergleichsargument. Er sagt gerne Sätze wie: „Das ist auch nicht anders als in anderen Vereinen.“ Oder: „Das machen wir nicht anders als alle anderen Bundesligisten auch.“ Und: „Wir dürfen den Fans nichts vorgaukeln, natürlich ist das auch ein Unternehmen – eines von achtzehn in der Liga.“ Das ist alles richtig. Aber eben nur relativ im Vergleich.

„Unsere Arbeit wird auch von Leuten honoriert, für die RB Leipzig nicht zwingend der  Herzensverein ist.“ 

Oliver Mintzlaff, Geschäftsführer der Profiabteilung des RB Leipzig

Grundsätzlich ist RB Leipzig ein Fußballklub, der – tatsächlich wie alle anderen – möglichst erfolgreich sein will und maximalen Gewinn generieren soll. Muss er aber nicht unbedingt. Und hier beginnt der legale Graubereich, kommen die legitimen Ausnahmen ins Kleingedruckte.

Denn es gibt da immer den Konzern Red Bull im Hintergrund und den Konzernchef Dietrich Mateschitz, der das Geld zur Verfügung stellt, das es den Leipzigern seit der Klubgründung erlaubte, ein Transferminus von 187 Millionen Euro anzuhäufen. Mehr Miese kann sich in der Bundesliga nur der FC Bayern leisten (328 Millionen Euro). Und wenn RB Leipzig in Zukunft ein größeres und moderneres Stadion braucht, sind Kauf und Umbau kein Problem, sondern logische Konsequenz des angestrebten Wachstums. Bagger und Betonmischer sind schon da.

Konzern erlaubte ein Transferminus von 187 Millionen

Über die Höhe der jährlichen Alimentierung durch Red Bull war bislang nichts zu erfahren. Es gibt grobe Schätzungen, keine seriösen Angaben, so wie nur beim VfL Wolfsburg, den der Mutterkonzern Volkswagen großzügig ausstattet. Hier noch ein Versuch.

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Mintzlaff sagt: „Wir sind ein innovativer Klub, der nach neuen Wegen sucht, in allen Bereichen. Wir haben nichts zu verbergen, im Gegenteil. Wir würden uns sogar als einen sehr offenen und transparenten Klub bezeichnen. Es ist auch nicht so, dass wir uns vor Themen verstecken oder dass wir Fragen nicht beantworten wollen.“

Was zahlt also Red Bull pro Saison?

„Sie sagen mir doch auch nicht, was Sie verdienen.“

Kann ich machen, ist tariflich geregelt.

„Dann sind Sie eher einer der wenigen. Erstens spricht man nicht über Geld und zweitens wäre das auch unseriös. Ob es Red Bull, Nike, Porsche oder VW ist – ich kann doch nicht über Verträge sprechen, die der Geheimhaltung unterliegen. Wir sind transparent, bei Dingen, die transparent sein dürfen.“ Und dann kommt es wieder: „Deswegen kann auch kein anderer Bundesligist über seine Verträge sprechen.“

Klubstruktur: Fans als Kunden ohne direkte Teilhabe

Mintzlaff ist Vertreter der Neidtheorie, die unter besonders erfolgreichen und/oder besonders missverstandenen Menschen verbreitet ist. Er sagt: „Wenn etwas Neues kommt, sind viele erst mal dagegen, sie verschließen sich und lassen nicht alle Argumente zu. Diese Neiddebatte ist so ein deutsches Phänomen.“

Das Neue an RB Leipzig, das Ablehnung über Anfeindung bis Hass provozierte, war vor allem die Klubstruktur, die keine Kontrolle von unten vorsieht, Fans als Kunden ohne direkte Teilhabe und Mitspracherecht versteht; zur Mitgliederversammlung kommen 19 handverlesene Personen. Mintzlaff berichtet nur an Mateschitz, nach ganz oben. Er sagt: „Wir sind ein ganz, ganz junger Klub, wie ein Start-up-Unternehmen, das seine Strukturen erst noch definieren muss.“

Neben dem Erfolg: Unverhohlene Verachtung der gegnerischen Fans. 
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In der Zwischenzeit – it’s the economy, stupid! – läuft eben alles nach Businessplan, nimmt RB Leipzig immer an einem Wettbewerb mehr teil als die anderen: Sie spielen auch auf dem Getränkemarkt. Doch irgendwann wird die Reihenfolge nicht mehr so wichtig sein, dass die Daseinsberechtigung dieses Klubs erst erkauft und dann erspielt worden ist. Und wenn nicht? „Die wenigen Kritiker oder die Ultras, die sich nicht mit den Inhalten beschäftigen, sondern einfach nur dagegen sind, die interessieren uns nicht“, sagt Mintzlaff. „Uns interessiert die breite Masse, die unseren Weg versteht und respektiert.“ Das ist kein Trotz, das ist die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Und noch lange nicht fertig zu sein.

Friedliche und familienfreundliche Fußballshow

Diese breite Masse soll unterhalten werden, darum geht es hier, mit spektakulärem Pressingfußball, den Ralf Rangnick erfunden und Nachfolger Julian Nagelsmann um längere Ballbesitzphasen verfeinert hat. Herausgekommen sind in der Hinrunde ein rauschhaftes 6:1 in Wolfsburg oder dieses vernichtende 8:0 gegen Mainz – und bundesligaweit unerreichte 2,8 Tore pro Spiel. Im Schnitt kamen 40.362 Zuschauer zu den Heimspielen. Die Stadionauslastung lag bei 95,8 Prozent. RB Leipzig bietet eine friedliche und familienfreundliche Fußballshow. Wenn dieser Verein nur ein Produkt ist, dann hält er sich immerhin an sein Produktversprechen.

Klubinterne Datenerhebungen haben ergeben, dass vierzig Prozent der Zuschauer eine Entfernung zwischen fünfzig und einhundert Kilometer zurücklegen, nur zwanzig Prozent kommen aus Leipzig. Die in zehn Jahren gewachsene Fanszene reicht vom schwul-lesbischen Fanclub „Rainbow Bulls“ über die eher rechte Gruppierung „L.E. United“ bis zu den tonangebenden „Red Aces“, die in ihrem Manifest schreiben: „Am Ende wird der Rasenballsport Leipzig nur dann zu einem einigermaßen anerkannten Verein, wenn die Leute in der Kurve eben nicht nur die prognostizierten Werbeopfer/Eventfans mit Dose und Wurst in den Händen sind, sondern als selbstdenkende und selbstbestimmte Fans wahrgenommen werden.“

Was die Fanbasis so denkt, war vor ein paar Monaten im Stadion als Erinnerung zu lesen: „Wer viel verspricht, vergisst auch viel … wir müssen reden. JETZT!“ Also redeten sie. Mintzlaff erklärt: „Die Fans hatten verständlicherweise das Gefühl: Hey, ich werde hier gar nicht wertgeschätzt. Ich opfere mein ganzes Geld und meine ganz Freizeit für RB Leipzig, schreibe eine E-Mail und es dauert zwei Wochen, bis ich eine Antwort bekomme. Wir haben eingesehen, dass wir auch da besser werden müssen. Wir haben einen Fahrplan mit der Fanszene erarbeitet.“ Kundenzufriedenheit ist eben wichtig in Leipzig.

Acht Spieler aus dem Zweitligakader

Die Spieler bekommen ohnehin das Beste, Modernste, jeder hat ein Zimmer auf dem Vereinsgelände. Eine luxuriöse Jugendherberge mit Billardtisch, Massagebank und Whirlpool ist das. In der Kantine werden an diesem Tag zehn verschiedene Gerichte angeboten, von Kalbssemerrolle mit Pilzkruste bis zur gebackenen Banane.

Zur Wahrheit über RB Leipzig gehört, dass acht Spieler aus dem aktuellen Kader auch schon zu Zweitligazeiten da waren, darunter viele Stammkräfte wie Marcel Sabitzer oder Emil Forsberg. Diese Kontinuität ist Mintzlaff wichtig: „Als wir aufgestiegen sind, hieß es, wir werden mit Geld um uns werfen, die ganze Bundesliga aufkaufen und brutale Millionengehälter zahlen. Das ist nicht passiert.“ Ist es tatsächlich nicht. Daher ist sich Mintzlaff sicher: „Wir haben den Leuten bewiesen und wollen auch weiterhin beweisen, dass wir keine Klischees bedienen.“

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass ein normaler Zweitligaklub den schwedischen Nationalspieler Forsberg sicherlich nicht so gereizt hätte und dass nicht mal ein ambitionierter Zweitligist 3,7 Millionen Euro hätte aufbringen können. Auch das fällt unter das Stichwort Anschubfinanzierung. Die Klubverantwortlichen haben diesen Wettbewerbsvorteil genutzt. Das kann man ihnen nicht vorwerfen. Auch nicht, dass sie es sich bislang immer leisten können, mehr junge Talente einzukaufen als selbst auszubilden.

Seit dieser Saison wir der Klub vom jüngsten und wohl auch talentiertesten Bundesligatrainer angeleitet. Und anscheinend hat die Mannschaft bereits einiges vom dem verinnerlicht, was Julian Nagelsmann als großformatige Botschaften an den Zäunen rund um den Trainingsplatz anbringen ließ. Etwa das Zitat des Footballtrainers Vince Lombardi: „Gewinnen ist nicht alles, es ist das Einzige!“

„Gewinnen ist nicht alles, es ist das Einzige!“

Schräg gegenüber von Mintzlaffs Büro wartet bereits Yusuff Poulsen. Wieder so ein schwarz möblierter Raum, wieder dieser Kühlschrank. Dass ein Bundesligaspieler auf einen Reporter wartet, passiert eher selten. Vor allem vor einem Zahnarzttermin. „Nichts Ernstes“, sagt Poulsen. Ungewöhnlich auch, dass der Wunsch, mit dem Geschäftsführer zu sprechen um das freiwillige Angebot erweitert wird, anschließend einen Spieler treffen zu können. Zufriedene Reporter scheinen hier auch wichtig zu sein.

Poulsen grinst, als er das hört, er weiß, warum gerade er die Fragen beantworten soll: „Weil ich lange dabei bin.“ Genauer: Weil er bereits in der Dritten Liga für Leipzig stürmte und heute immer noch trifft. „Früher war vieles anders“, erinnert er sich. „Wir haben in kleineren Stadien gespielt, man hat da besser gehört, was die Fans gerufen haben.“ Und heute? „Wir sehen und hören immer mehr, dass die Leute unsere Leistungen und unseren Klub anerkennen.“ Was zu beweisen war. Der Chef hätte es nicht besser sagen können.