Klar, man kann im Zuge des ersten Titelgewinns von RB Leipzig, den der Bundesligist am Samstagabend bei seiner dritten Pokalfinalteilnahme durch einen Sieg gegen den SC Freiburg perfekt machte, natürlich mal wieder auf Dietrich Mateschitz zu sprechen kommen. Auf den schwerreichen, inzwischen 78 Jahre alten Österreicher, der nur 13 Jahre nach der Gründung dieses „Vereins“ am Ziel ist beziehungsweise ein Teilziel erreicht hat. Der von den Fußball-Romantikern in Deutschland wegen seines hemmungslosen Gebarens und seiner Ignoranz gegenüber den Gepflogenheiten und den Werten im deutschen Profifußball als der Bösewicht schlechthin erachtet wird.

Darf das sein, lautet nämlich auch schon seit 13 Jahren die Frage, das einer wie er sich einen Fünftligisten (SSV Markranstädt) schnappt und diesen unter einem neuen Namen mit den durch den Verkauf eines Energy-Drinks erwirtschafteten Milliarden zu einem Großklub aufbläst? Und was soll das noch werden mit dem deutschen Fußball, wenn einer wie er mit einem doch eher undurchschaubaren Konstrukt die anderen einfach so aus dem Feld schlägt? Einen Klub wie den SC Freiburg beispielsweise, der immer wieder gefallen, aber schließlich auch stetig gewachsen ist und von RB in einem dramatischen Schlussakt, im notwendig gewordenen Elfmeterschießen, um den besten Moment in der 120-jährigen Klubgeschichte gebracht wurde.

Kein Trost für die Fehlschützen Günter und Demirovic

Um es zuzuspitzen: Es siegte im Berliner Olympiastadion also der unbeliebteste Verein Deutschlands gegen einen der beliebtesten, ein Verein mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten gegen einen Verein, der händeringend versucht, seine Grenzen weiter zu verschieben. Dementsprechend fielen auch die Kommentare in den Medien aus. Die deutsche Presse-Agentur titelte beispielsweise ganz nüchtern: „Leipzig gewinnt den Pokal, Freiburg die Herzen“.  Was den offensichtlich schwer enttäuschten Trainer des SC, Christian Streich, aber natürlich auch die beiden Fehlschützen beim Showdown vom Punkt, also Christian Günter und Ermedin Demirovic, nicht wirklich trösten wird.

Und vielleicht ist das ja tatsächlich nicht das Ende, sondern unter dem Symbol der kampflustigen Bullen gar der Beginn einer ganz großen Erfolgsgeschichte. Willi Orban, der Abwehrspieler, der seit sieben Jahren die Farben von RB trägt, hat da jedenfalls eine für alle Kritiker doch düstere Ahnung. Er glaubt: „Vielleicht löst dieser Titel auch mal irgendwas und befreit uns.“

Bei allem Unmut über die Fußball-Firma aus Sachsen muss allerdings auch mal festgehalten werden, dass RB in den vergangenen 13 Jahren sehr viel richtig gemacht hat, während andere Klubs mit vergleichbaren Budgets (siehe zum Beispiel Hertha BSC) sehr viel falsch gemacht haben. Zweimal Zweiter in sechs Jahren Bundesliga, dreimal im Pokalfinale und zweimal im Halbfinale eines Europapokal-Wettbewerbs, das spricht für sich.

Ungeahnte Nehmerqualitäten von RB Leipzig führen zum Sieg

Außerdem haben es die Spieler und der Trainer von RB nicht verdient, dass man im Nachgang ausschließlich über das Gebilde und nicht über den Inhalt referiert. Unter der Führung des Fußballlehrers Domenico Tedesco, der am 14. Spieltag von Geschäftsführer Oliver Mintzlaff als Nachfolger des geschassten Jesse Marsch in die Verantwortung genommen wurde, war die Mannschaft mit 36 Punkten die beste der Rückrunde, konnte sich erneut für die Champions League qualifizieren, schaffte es bis ins Halbfinale der Europa League und stellte zuletzt auch ungeahnte Nehmerqualitäten unter Beweis.

So wie im Duell mit dem SC Freiburg, der durch Mario Eggestein in der 19. Minute in Führung gegangen war und nach dem Platzverweis gegen Marcel Halstenberg in der 57. Minute dem Anschein nach alle Trümpfe in der Hand hielt. Doch nach allerlei taktischen Umstellungen und infolge einiger mutiger Wechsel waren die Leipziger in Unterzahl nicht nur ebenbürtig, sondern plötzlich auch energischer und zielstrebiger als die Freiburger. Wenngleich SC-Keeper Mark Flekken in der 76. Minute mit seinem irrlichternden Lauf durch den Fünfmeterraum wesentlich zum Glück von Christopher Nkunku, dem Schützen des Ausgleichstores, beitrug.

Tedesco, der während der Partie noch etwas zu wild gestikuliert, auch unsinnigerweise Verwarnungen des Gegners gefordert, sich nach der Partie aber wieder im Griff hatte, ist jedenfalls als derjenige anzusehen, der dem jüngeren Schicksal von RB den entscheidenden Dreh gegeben hat. Der 36-Jährige erreicht die Spieler mit seinen Worten, hat sich in der Kabine das Vertrauen erarbeitet, dass man als Spieler durch ihn auf ein anderes Level kommt. Das mit RB sei „einfach eine geile Geschichte“, sagte er um kurz nach Mitternacht. Klar, alles eine Sache der Perspektive.