Real Madrid: Ultras raus, Musterfans rein

Der wunderbare Franzose Raymond Kopa hat mal Folgendes über seine Zeit bei Real Madrid erzählt: „Als ich im Bernabéu spielte, bot es noch Platz für 120 000 Zuschauer. Absolut überwältigend − und es war bei jedem Spiel ausverkauft! Es war eine unvergleichliche Atmosphäre dort. Die frenetischen Fans konnten dich mit Ovationen feiern und bejubeln oder aber dich gnadenlos auspfeifen. Das Publikum dort war sehr anspruchsvoll und kompromisslos.“ Kopa, der von 1956 bis 1959 für den spanischen Großklub stürmte, begeistert sich dabei für eine Vergangenheit, die im krassen Gegensatz zur Gegenwart steht. Einer Gegenwart, die nur einen Schluss zulässt: Real Madrid hat ein gravierendes, weil nur schwer zu lösendes Zuschauerproblem.

Bürgerkrieg bei den Ultras

Sicher, der 1947 eröffnete Monumentalbau an der Paseo de la Castellana ist bei Spitzenspielen der Primera División sowie bei Partien der Champions League noch immer sehr gut gefüllt, aber eben nicht mehr mit der leidenschaftlichen Klientel, von der Kopa so schwärmt. Nein, in die Tage gekommene, zum ständigen Meckern neigende Madridistas, Stadiontouristen aus aller Welt und eine Ultrabewegung, die sich gerade in einem „Bürgerkrieg“ zwischen Jung und Alt verliert, prägten in den vergangenen Monaten das Innenleben der immer noch beeindruckenden Arena. Magisch war die Stimmung nur noch im Ausnahmefall.

Wobei bei der Ultrabewegung, die unter dem Namen Ultras Sur im Stadion und davor über Jahrzehnte hinweg für Angst, Schrecken und jede Menge rechtsradikalen Furor gesorgt hat, nicht unerwähnt bleiben darf, dass sie derzeit vor allem mit ihrer Abwesenheit auf die Stimmung im Bernabéu einwirkt. Eine Lücke tut sich da auf der Südtribüne auf, weil die Klubführung in ihrem Bestreben, die imagebelastende Gruppierung endgültig aus der Heimspielstätte zu verbannen, nun mit einer neuen Kompromisslosigkeit zu Werke geht.

Gesucht: 1600 friedlich-feurige Fans

Ultras raus, Musterfans rein, lautet die Devise der Castingshow, bei der sich die Kandidaten, die zwischen 16 und 35 Jahre alt sein sollten, noch bis zum 15. Januar auf eine Mitgliedschaft in der sogenannten Grada Joven Fans Sur bewerben können. 1 600 „Sieger“ soll es dabei geben, die künftig gemeinschaftlich für eine friedsame, zugleich aber auch feurige Stimmung sorgen sollen. Wie diese Umstrukturierung der Kurve klappen soll, ist schleierhaft und letztlich nur Ausdruck einer frappierenden Hilflosigkeit. Als könne man sich eine neue, idealtypische Anhängerschar einfach so bestellen, obwohl doch jedem klar sein müsste, dass dafür nicht ein Akt, sondern ein Prozess vonnöten ist.

Der Protest der Ultras Sur läuft im Übrigen unter folgender Parole:

„Dieses Stadion ist ohne die Südkurve ein Friedhof.“