„Sportler mit dem Volk“ steht auf dem Transparent, hinter dem u.a. das Volleyball-Idol Artur Udris (Nr. 23) und der Basketballer Yegor Meshcheryakov (rechts daneben mit Victory-Zeichen) gegen Präsident Alexander Lukaschenko protestieren.

Anatol Redzkin

BerlinVon der obersten Etage seines Wohnhauses hat Yegor Meshcheryakov einen guten Ausblick über Minsk. Seit mehr als sechs Wochen und der Wiederwahl des Präsidenten Alexander Lukaschenko sieht er morgens die Militärfahrzeuge in die Innenstadt fahren. Meshcheryakov beobachtet, wie Hunderte Polizisten in Kampfmontur durch die Straßen marschieren. Er hört die verzerrten Stimmen von Beamten, die den Protestierenden über Lautsprecher mit Gefängnis drohen.

Viele Belarussen haben genug von den repressiven Methoden Lukaschenkos, sie hegen Zweifel an der Legalität seiner Wahl. Und Yegor Meshcheryakov hat sich daran gewöhnt, dass seine europäische Heimatstadt Minsk wie ein Kriegsschauplatz wirkt. Doch er hat sich auch daran gewöhnt, dann erst recht auf die Straße zu gehen. Stundenlang zieht er mit Freunden durch die Stadt, umgeben von Zehntausenden Menschen. Sie riskieren ihren Job und ihre Gesundheit.

Der Basketballer Yegor Meshcheryakov hat in den 90er-Jahren an einer Eliteuniversität in Washington gespielt, später für Klubs in Italien, Griechenland und in der Türkei. Während Alexander Lukaschenko seit 1994 seine Macht in Belarus festigte, lebte Meshcheryakov in demokratischen Staaten. Doch 2014 kehrte der Nationalspieler nach Minsk zurück. „Ich wollte an der Transformation unserer Gesellschaft mitwirken“, sagt er am Telefon. „Es gibt bei uns viele mutige, kreative Menschen. Doch Leute wurden verschleppt, gefoltert und getötet. Wir müssen uns gut organisieren. Der Sport bietet eine wirksame Plattform, um Orientierung zu geben.“

Wie Yegor Meshcheryakov haben rund 650 belarussische Sportler einen offenen Brief unterzeichnet. Unter ihnen sind Medaillengewinner von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften: die Läuferin Maryna Arsamassawa, die Schwimmerin Aljaksandra Herassimenja oder die Freestylerin Anna Guskowa. Ihre Forderungen: Neuwahlen, ein Ende der Polizeigewalt, die Freilassung politischer Gefangener.

„Der Protest der Sportler schmerzt Lukaschenko besonders“, sagt Vałdzis Fuhaš, Mitgründer der belarussischen Menschenrechtsorganisation Human Constanta. „Vor diesem Sommer hatte die Regierung im Sport ein Monopol. Mit finanziellen Förderungen machte sie aus Athleten ein Heer loyaler Staatsbotschafter.“ Umringt von vermeintlichen Bewunderern ließ sich Lukaschenko gern dabei filmen, wie er beim Fußball aufs Tor schoss oder beim Eishockey einen Puck führte. Künftigen Olympiasiegern stellte er eine Prämie von umgerechnet mehr als 100.000 Euro in Aussicht. In Reden betonte er immer wieder, dass er gern Sportler geworden wäre. Sein Motto: „Sport ist Krieg ohne Regeln.“

Seit 1997 ist Lukaschenko auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. In den Führungsebenen der Fachverbände und Vereine ließ er Vertraute aus Militär, Geheimdienst und Staatsbetrieben installieren. Eigentlich ein Verstoß gegen die Olympische Charta, die besagt, dass der Sport autonom sein soll, frei von politischen Einflüssen. Die wenigen belarussischen Sportler, die dieses System im vergangenen Jahrzehnt hinterfragten, wie der Kickboxer Vitaly Gurkow, wurden aus dem Nationalteam ausgeschlossen. „Die Gesellschaft war in Fraktionen gespalten, auch im Sport dachte jeder an seinen eigenen Vorteil“, sagt der Menschenrechtler Vałdzis Fuhaš. „Doch so groß wie jetzt war die Solidarität noch nie.“

„Nicht mein Präsident“

Allmählich wagen sich auch Sportfunktionäre an die Öffentlichkeit. Vadim Dejvatovskij, Vorsitzender des Leichtathletikverbandes, schrieb auf Twitter: „Lukaschenko ist nicht mein Präsident.“ Anatoli Kotau, früher Generalsekretär des olympischen Komitees, stimmte in einem Interview zu. Michail Zalewsky, Generaldirektor des Fußallrekordmeisters Bate Baryssau, warf seine Militäruniform demonstrativ in den Mülleimer.

Ob ihnen Konsequenzen drohen? In den vergangenen Wochen wurden mehrere Tausend Menschen festgenommen. Unter ihnen waren mehr als dreißig Spitzensportler, zum Beispiel der Eishockeyspieler Ilja Litwinow, der in sozialen Medien auf Spuren von Folter deutete. Menschenrechtsorganisationen und Vereinte Nationen dokumentierten Hunderte Fälle von Einschüchterung, Misshandlung, Vergewaltigung. Gegenüber der ARD-Sportschau erzählte der Hallenfußballspieler Sergej Podalinski, was er im Gefängnis erlebte: „Die erste Nacht habe ich auf den Knien verbracht. Die haben uns in eine Zelle gesperrt und abgeladen wie Nutztiere. Als die uns reingeführt haben, haben sie jeden von uns geschlagen, beleidigt, bedroht.“

Aliaksandr Apeikin ist einer Verhaftung knapp entgangen. Einer seiner Bekannten aus einem Ministerium hatte ihn gewarnt, so konnte er sich nach Kiew absetzen. Der Manager des Handball-Erstligisten Vityaz Minsk wollte wenige Tage nach der wohl manipulierten Wahl Lukaschenkos die ersten Unterschriften von Sportlern zusammentragen. „Wir waren lange unpolitisch, wir wollten ein einfaches Leben“, sagt Apeikin via Skype. „Doch diese Haltung hat das System gestärkt. So kann es nicht weitergehen.“ Anfangs traute sich aus dem Sport kaum jemand an die Öffentlichkeit. Der Zehnkämpfer Andrei Krau­chanka, der bei den Olympischen Spielen 2008 Silber gewann, unterschrieb als Erster. Bald folgte der Volleyballer Artur Udris, der ankündigte, unter einem Präsidenten Lukaschenko nicht mehr für das belarussische Team spielen zu wollen. Die Liste prominenter Namen wurde länger, eine Woche später kamen pro Tag 30 bis 40 hinzu. Ihr Ziel: 1000 Namen. Mindestens.

Doch Andrei Krau­chanka weiß, dass Symbolik allein nicht reicht. Der Sportpolizist wurde aus dem Staatsdienst entlassen. Daher bauen Alexander Apeikin und seine Mitstreiter nun eine Stiftung und einen Solidarfonds auf. Die bislang gesammelten Spenden von rund 100.000 Euro sollen an Athleten gehen, die nach den Protesten ihren Job oder ihr Stipendium verlieren. Mit einem Newsletter wollen sie Vereine und Verbände über die Repression informieren. In einem Brief wollen sie das IOC bald um Unterstützung bitten. „Wir zeigen, dass Sportler füreinander einstehen“, sagt Aliaksandr Apeikin. „Uns bleibt keine Wahl. Denn sollte Lukaschenko im Amt bleiben, würde es eine beispiellose Säuberungswelle geben.“

Nicht nur wegen der Proteste in Belarus gilt 2020 als historisches Jahr für den Sport. In unterschiedlichen Kulturkreisen haben Athleten ihre Reichweite für politische Themen genutzt. In den USA protestierten Hunderte von ihnen gegen rassistische Polizeigewalt. Im Libanon kritisierte der Basketballprofi Fadi El Khatib die Korruption. Im Fußball äußerten sich die Spieler Mesut Özil und Demba Ba zur Verfolgung der muslimischen Uiguren in der chinesischen Provinz Xinjiang. „Die Vernetzung von Menschenrechtlern und Sportlern wird zunehmend konkreter und effektiver“, sagt Wenzel Michalski von Human Rights Watch.

Viele Nichtregierungsorganisationen organisieren inzwischen Workshops, Videoclips oder Kampagnen mit dem Fokus auf Sport. Doch es gibt auch Rückschläge wie die Hinrichtung von Navid Afkari vor wenigen Wochen. Der iranische Ringer soll bei Protesten 2018 eine Sicherheitskraft getötet haben, allerdings soll sein späteres Geständnis unter Folter zustande gekommen sein. Der Tod Afkaris zog eine internationale Solidaritätswelle nach sich. Wenzel Michalski hofft, dass daraus weitere Bündnisse des Sports gegen Menschenrechtsverletzungen entstehen: „Das Thema wird noch lange aktuell bleiben, auch in Belarus.“

Warum schweigen die Eishockeyspieler?

Wie sehr die Einschüchterung dort wirken kann, verdeutlichen die beiden Sportarten, die am meisten von staatlichen Netzwerken abhängen: Aus dem Eishockey sind kaum prominente Stimmen zu hören. Und von aktuellen Fußballnationalspielern hat lediglich Ilja Schkurin von ZSKA Moskau erklärt, nicht mehr für Belarus zu spielen, solange Lukaschenko im Amt ist.. Mehr Gegenwehr wagt in der zweiten Liga der FC Krumkachy, einer der wenigen privat finanzierten Klubs in Belarus. Seine Spieler liefen mit einem weißen T-Shirt auf, darauf der Schriftzug: „Wir sind gegen Gewalt“. Eine Reaktion auf die Festnahme von zweien ihrer Spieler.

Der nationale Fußballverband hat in einem Rundbrief von den Vereinen politische Zurückhaltung gefordert. Allerdings hatte er wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl auf seiner Internetseite Auszüge aus einer Rede Lukaschenkos veröffentlicht. Ligaspiele werden nun ohne Zuschauer ausgetragen, angeblich wegen Corona. Noch im Frühjahr – auf dem Höhepunkt der Pandemie – war Belarus das einzige europäische Land mit gefüllten Stadien. „Organisierte Fanszenen lassen sich schwerer kontrollieren als die NGO der Zivilgesellschaft“, sagt Ingo Petz von dem Experten-Netzwerk „Fankurve Ost“.

Für Lukaschenko war die Ukraine eine Warnung. Dort hatten demonstrierende Ultras 2014 am Sturz des prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch mitgewirkt. „Danach ist bei Dinamo Minsk die Fanszene systematisch zerschlagen worden“, sagt Ingo Petz. Anführer wurden in Schauprozessen zu Haftstrafen verurteilt. Viele Ultras werden vom Geheimdienst streng überwacht.

Einige Fangruppen in Belarus bestehen noch heute, aber kleiner als in Russland, Polen oder in der Ukraine. Auch in diesem Jahr wurden vor der Präsidentschaftswahl einige ihrer Anführer festgenommen und erst danach wieder freigelassen. Bei den aktuellen Protesten sind auch Ultras vertreten, allerdings nicht in sichtbaren Gruppen. Sie sind gewarnt: Mitte August wurde der 28 Jahre alte Fußballfan Nikita Krivtsov aus Maladsetschna tot in einem Waldgebiet gefunden. Die Polizei behauptet, er habe sich wegen Eheproblemen das Leben genommen. Doch seine Freunde glauben, er wurde nach Protesten umgebracht.

Wo ist eine klare Positionierung von IOC-Präsident Thomas Bach zu Lukaschenkos Rolle als Präsident des NOK?

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag

Fans sammeln nun Spenden für die Familie von Nikita Krivtsov, andere machen vor Gefängnissen inhaftierten Freunden mit lauten Rufen Mut. Von den internationalen Sportverbänden hingegen kam noch kein klares Zeichen: 2014 fand die Eishockey-Weltmeisterschaft in Belarus statt, 2019 folgten in Minsk die Europaspiele. Das Europäische Olympischen Komitee ehrte Lukaschenko für seinen „herausragenden Beitrag zur olympischen Bewegung“. „Das Mindeste wäre, diesen Orden zeitnah wieder zu entziehen“, sagt Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. „Und wo ist eine klare Positionierung von IOC-Präsident Thomas Bach zu Lukaschenkos Rolle als Präsident des NOK?“

Im kommenden Jahr soll neben Riga auch Minsk Austragungsort der Eishockey-WM sein, zudem soll der Kongress des europäischen Fußballverbandes Uefa dort stattfinden. Wer in Belarus den Sport mit Politik in Verbindung bringt, der muss mit Repression rechnen – auch in den Medien, sagt der Journalist Yahor Khavanski: „Sportjournalisten hätten sich niemals träumen lassen, dass sie in Belarus mal als Staatsfeinde gelten.“ Mehrere Medien haben über die Proteste der Athleten berichtet. Danach wurden im Internet große Sportportale wie Tribuna von der Regierung gesperrt. Abonnenten wurden unter Druck gesetzt, ihre Zeitungen abzubestellen.

In den 26 Jahren unter Alexander Lukaschenko blieb im Sport kaum Raum für zivilgesellschaftliche Projekte. Eine der wenigen Ausnahmen ist der FC Autazak, eine antirassistische Fußballmannschaft in Minsk, gut vernetzt mit Aktivisten in Westeuropa. Der Name „Autazak“ ist ironisch gemeint und bedeutet: Gefangenentransporter.