Die Brille hat unsere Autorin Julia Frese relativ rasch abgenommen – zu groß war die Unfallgefahr.
Foto: Volkmar Otto

BerlinBevor ich mich zu meinem ersten Headis-Training aufmache, recherchiere ich erst einmal auf YouTube. „Das ist im Prinzip Tischtennis mit dem Kopf“, so hat mir eine Freundin beschrieben, was mich erwartet. Sie hatte recht: Ich finde ein Video, in dem zwei Männer über eine Tischtennisplatte einen weißen Gummiball hin- und herköpfen. Immerhin ist der aber größer, als ich es vom Tischtennis kenne – vielleicht halb so groß wie ein Fußball. Am oberen Bildschirmrand stehen die Spielernamen „Headsinfarkt“ und „Lauchgesicht“. Das jugendliche Publikum am Rand der Halle johlt und im Hintergrund schlenkert ein lässiger HipHop-Beat, während die Männer alles daransetzen, dass der Ball in der Luft bleibt: Sie gehen tief in die Hocke, werfen sich bäuchlings auf die Platte oder hechten seitwärts auf den Fußboden.

In der Sporthalle im fünften Stock der Technischen Universität (TU) Berlin geht es deutlich ruhiger zu, als ich ankomme. Trainerin Nina Parzych ist gerade dabei, mit Ko-Trainer Georg eine Tischtennisplatte aufzustellen, während nach und nach die ersten Spieler eintrudeln. Es ist Freitagabend, eine eigentlich unübliche Zeit für einen Unisportkurs. „Das war leider das einzige Zeitfenster, das wir kriegen konnten“, sagt Nina Parzych. „Aber inzwischen haben sich alle dran gewöhnt und der Termin passt gut, um hinterher noch in die Kneipe zu gehen.“

Die 34-Jährige, die als PR-Beraterin arbeitet und den Kurs ehrenamtlich leitet, wurde 2008 zur Kopfballerin, als sie nach einem Thema für ihre Abschlussarbeit in Soziologie suchte. „Der Headis-Erfinder war damals Student in Kaiserslautern und ein guter Kumpel von mir“, erzählt sie. Eigentlich habe sie sich immer über seinen albern aussehenden Sport lustig gemacht. „Aber als ich es dann mal ausprobiert habe, kam ich schon bald nicht mehr davon los.“

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Metallteil statt Netz

Während sie das sagt, richtet sie das Headisnetz in der Mitte der Tischtennisplatte auf, das eigentlich kein Netz ist, sondern ein steifes Metallteil. So eins wie man es von Tischtennisplatten auf Spielplätzen oder in Freibädern kennt. Darin besteht einer der wenigen Unterschiede zu den Tischtennisregeln: Der Headisball darf das Netz berühren, also davon abprallen, ohne dass es Punktabzug gibt. Das Tolle an Headis sei, dass man es so schnell lerne, sagt Nina. Innerhalb von 20 Minuten habe sie den Dreh schon so weit rausgehabt, dass erste Ballwechsel zustande kamen. Ob mir das heute auch gelingt?

Inzwischen stehen sechs Tischtennisplatten nebeneinander in der Halle, einige Teams köpfen schon munter hin und her. Ich lasse mir von Nina kurz die Regeln erklären und wir legen los. Im Gegensatz zum Nachbar-Match ist das Tempo bei uns zunächst sehr gemächlich, genaugenommen stockt das Spiel nach jeder versuchten Ballannahme meinerseits. Allmählich aber bekomme ich dann doch ein Gefühl für den Headis-Ball. Nur meine Brille setze ich irgendwann lieber ab. Viele der Bälle fliegen so, dass ich die volle Stirnfläche brauche, um sie zurückzuspielen.

Nina erzählt mir nebenbei, wie Headis zu einem Hochschulsport wurde. 2006 wollte der damalige Saarbrücker Sportstudent René Wegner in einem Freibad mit seinen Freunden Fußball spielen. Weil der Fußballplatz aber belegt war, begann man, den Ball über eine freie Tischtennisplatte hin- und herzuköpfen. Aus der spontanen Wochenend-Freibad-Idee wurde bald sehr viel mehr: René entwickelte Kopfballtischtennis für sein Studium zu einer eigenen Sportart weiter und dachte sich zusätzlich ein Marketingkonzept aus. Der Name Headis sowie das dazugehörige Logo sind inzwischen geschützt und der Sport wird an mehr als 20 deutschen Universitäten angeboten. Auch international verbreitet sich der Ruf der Kopfballerei immer weiter: Mittlerweile finden Turniere in ganz Europa sowie in den USA und China statt.

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Blaue Flecken von der Platte

Meine Headis-Kollegen an der TU Berlin sind an diesem Freitagabend etwa zur Hälfte Studenten, zur Hälfte stehen sie schon im Beruf, wie ich nach und nach herausfinde. Erst seit einem Semester dabei sind beispielsweise der 31-jährige Constantin und der 34-jährige Christoph. „Wir probieren gern neue Sportarten zusammen aus“, erklärt Constantin seine Motivation für den neuen Sport. „Ich spiele eigentlich Fußball, habe mir dabei aber vergangenes Jahr einen Kreuzbandriss geholt“, sagt Christoph. Das könne beim Headis ja nicht so leicht passieren. Schlimmstenfalls verpasst man sich an der Platte mal ein paar blaue Flecke. Während ich mich mit Christoph und Costantin unterhalte, ertönt neben uns ein ohrenbetäubendes Krachen.

Mit vollem Einsatz auf die Platte – Blick in den TU-Übungsraum.
Foto: Volkmar Otto

Dort spielt Georg und das mit vollem körperlichen und emotionalem Einsatz: Wenn ein Ball besonders ärgerlich danebengeht, rammt der 27-jährige Lehramtsstudent seine Hand seitlich auf die Tischtennisplatte. „Ich habe deswegen den Spielernamen ‚Head Moses‘“, erklärt er mir kurze Zeit später. „Meine Mitspieler haben Angst, dass ich eines Tages doch mal die Tischtennisplatte spalte wie Moses das Meer.“ Ein lässig klingender Spielername, möglichst mit Anspielung auf das zum Spielen wichtigste Körperteil, gehört zur Headis-Kultur dazu.

Der 20-jährige David, Student des Wirtschafts- und Ingenieurswesens, sucht noch nach einem solchen Namen, wie er mir erzählt. Er spielt seit ungefähr zwei Jahren Headis, genaugenommen seit er mal ein Spiel bei Stefan Raabs „TV Total“ gesehen hat. Ihm gefällt, dass sich die Sportart nicht so ernst nimmt: „Der Wettbewerbscharakter tritt beim Spielen ziemlich in den Hintergrund.“

Nina hat inzwischen ein Match mit der Germanistikstudentin Vera begonnen. Die Stuttgarterin spielt seit sieben Jahren Headis und hat ihre Technik immer weiter verfeinert. Inzwischen hat sie schon manches Headis-Turnier gewonnen.

Schließlich probiere ich auch noch einmal mein Kopfballglück. Besonders viele Ballwechsel kriege ich noch nicht zustande, aber immerhin trifft meine Stirn ab und zu den weißen Gummiball. Georg macht mir Mut: „Bei den Turnieren haben wir immer eine Flasche Bier in Reichweite, damit geht es dann besser.“ Apropos, da war ja noch was. Genug gespielt, die Kneipe ruft. Vielleicht fällt mir beim Bier ja auch ein guter Spielername ein.