Rekord-Saison mit HSV und Köln: Die 2. Bundesliga verändert sich - nicht nur positiv

So viele Fans kommen bei manchem künftigen Konkurrenten nicht einmal zu den Heimspielen. 50.000 Menschen sind am vergangenen Sonntag zur Saisoneröffnung des 1. FC Köln erschienen. Ein Motto gab es dafür auch: „Mer sin eins“. Wir sind eins, also. Einmalig war das Volksfest auf den Vorwiesen des Stadions auf jeden Fall für die Zweite Fußball-Bundesliga. Der Absteiger aus Köln setzt schon jetzt Maßstäbe. Führ ihn geht es nur darum, die Sehnsüchte einer ebenso treuen wie leidensfähigen Anhängerschaft mit der sofortigen Rückkehr in die Bundesliga zu bedienen. Die 17 Heimspiele in Müngersdorf sollen fröhliche Freudenfeiern werden. Nicht einmal der ungeliebte Montagstermin am 13. August gegen den 1. FC Union Berlin sollte da stören.

Auch der Hamburger SV stimmt seine Sympathisanten auf den Kampf um den direkten Wiederaufstieg ein. Vorsorglich werden im Stadionheft für die Begegnung an diesem Freitag gegen Holstein Kiel (20.30 Uhr) alle Konkurrenten mitsamt ihren Trainern, Spielstätten und Besonderheiten vorgestellt. Das Stadion ist beim Auftakt ausverkauft. Auch das Kontingent für die erste Auswärtspartie am zweiten Spieltag beim SV Sandhausen und am vierten Spieltag bei Dynamo Dresden war binnen weniger Stunden vergriffen. Und weil mit dem 1. FC Magdeburg noch ein weiterer Publikumsmagnet aufgestiegen ist, kündigt sich ein neuer Zuschauerrekord an. Die Bestmarke von 21.700 Besuchern pro Spiel aus der Saison 2016/2017 könnte fallen.

Wenn die Zweite Bundesliga an diesem Wochenende in ihre neue Saison startet, verspricht sie, sportlich herausfordernd zu werden für ambitionierte Vereine wie den 1. FC Union. Und sie erfüllt schon jetzt Superlative. Die Zweite Liga wird in der kommenden Spielzeit so viel Geld umsetzen wie nie zuvor. Die solidarische Verzahnung mit dem Oberhaus bei der Verteilung der Medienerlöse macht eine Potenz möglich, die in Europa seinesgleichen sucht.

Stärkste zweite Liga Europas - tatsächlich!

Vorbei die Zeiten, da das Unterhaus als Armenhaus tituliert wurde. Die Zweite Bundesliga erwirtschaftet weitaus mehr als in den Niederlanden, Schweden oder Österreich die ersten Ligen. Bei den ökonomischen Kennzahlen ist der deutsche Unterbau auch gegenüber dem Pendant in England, Spanien oder Italien unerreicht. „Wir haben die stärkste Zweite Liga in Europa“, sagt Christian Seifert, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL).

Mit 635,2 Millionen Euro Umsatz erreichte die Zweite Bundesliga 2016/2017 bereits einen neuen Höchstwert, nun könnte sogar die 700-Millionen-Marke fallen. Umsatztreiber sind naturgemäß der HSV und Köln. Trotz des Abspeckens können beide Klubs einen Lizenzspieleretat von etwa 30 Millionen Euro stemmen und WM-Fahrer wie den japanischen Auswahlspieler Gotoku Sakai oder den deutschen Nationalspieler Jonas Hector halten. Selbst Akteure wie Torwart Timo Horn haben ihre Treue bekundet, wobei der Kölner weiß: „Der Aufstieg ist unsere einzige Option.“

So gut die Strahlkraft dieser beiden Traditionsvereine der Spielklasse tun wird, so sehr könnte sich Schlagkraft dann als Bumerang erweisen, wenn früh an der Tabellenspitze Langeweile herrscht – und es für den Rest nur noch darum geht, sich um den Relegationsplatz zu streiten. Denn bei der Finanzkraft bildet sich mittlerweile eine Zwei-Klassen-Gesellschaft heraus, die das gesunde Maß sprengt. Hannover 96 und VfB Stuttgart konnten vor zwei Jahren umgehend die Scharte auswetzen und den wirtschaftlichen Schaden begrenzen.

Acht Millionen Euro für Schaub und Drexler

Dieses Szenario könnte sich wiederholen, weil in die Verteilung der Medienerlöse ein Puffer eingebaut wurde, der nun noch viel stärker den Wettbewerb beeinflusst. So kassieren Köln (23,95 Millionen Euro) und Hamburg (20,71) die kommende Saison nur unwesentlich weniger an Fernsehgeld als die Erstliga-Aufsteiger Nürnberg (28,39) und Düsseldorf (24,71). Wie sehr sich die Bundesliga-Absteiger damit von der Konkurrenz abheben, zeigt ein Vergleich: Gestandene Zweitligisten wie der 1. FC Heidenheim (10,21) oder der FC St. Pauli (11,48) sind ungefähr bei der Hälfte angesiedelt.

„Der Hamburger SV und der 1. FC Köln kommen um die Bürde des Aufstiegsfavoriten nicht herum. Beide Vereine haben einen mehr als doppelt so hohen Etat wie der dritthöchste der Liga“, sagt Robin Dutt, Trainer des VfL Bochum. Köln etwa hat bei der Neustrukturierung des Kaders dank der Verkäufe gut zwölf Millionen Euro ausgeben können: fast die Hälfte der bisherigen Transferausgaben der Zweiten Liga, die 25 Millionen betragen. Rekordeinkauf Dominick Drexler von Holstein Kiel kam über den Umweg Midtjylland für 4,5 Millionen Euro an den Rhein, Louis Schaub wechselte von Rapid Wien für die Summe von 3,5 Millionen Euro.

Gerade das Beispiel des beinahe von der Dritten Liga durchmarschierten Emporkömmlings Holstein Kiel offenbart die Auswirkungen der Unwucht. Trainer Markus Anfang ließ sich in seine Heimatstadt Köln locken und brachte gleich noch seinen Abwehrchef Rafael Czichos mit. Manager Ralf Becker verließ ebenfalls die Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins und lenkt inzwischen die Geschäfte in Hamburg.

Nicht mal der Bundesliga-Aufstieg in den Relegationsspielen gegen den VfL Wolfsburg hätte diesen Aderlass auf der Kommandobrücke der Kieler verhindern können. Was nur einen Schluss zulässt: Für die Zweite Bundesliga ist der hinzugewonnene Glamourfaktor aus Hamburg und Köln Fluch und Segen zugleich.