Vor einem Jahr nickte Union-Präsident Dirk Zingler auf der Mitgliederversammlung dem Cheftrainer zu und bekundete  seine Freude darüber, dass wieder Kontinuität auf dieser für einen Fußballklub so wichtigen Position einkehre. Zwei Spiele später wurde der Posten neu besetzt. „Die Entlassung von Jens Keller haben wir in ihrer Wirkung unterschätzt und schlecht kommuniziert“, sagte Dirk Zingler nun auf der  neuerlichen Vereinszusammenkunft am Mittwochabend in der Ballsporthalle Hämmerlingstraße. Und: „Die letzte Saison hat uns klüger gemacht.“ Am Herzen lag ihm jedoch eine andere Botschaft, denn der 1. FC Union soll mehr sein als ein Fußballverein:  „Es gilt, die enorme Kraft, die der Fußball hat, weil er Menschen aus dem Alltag holen und Emotionen wecken kann, für ein offenes tolerantes Miteinander in unserer Gesellschaft einzusetzen.“

Wie vor einem Jahr ist das Team zur Mitgliederversammlung nach 14 Spielen Dritter, gar mit einem Punkt weniger als 2017. Doch muss Urs Fischer anders als damals Jens Keller nicht um sein Traineramt bangen. In der Mannschaft ist keine Missstimmung auszumachen, und sei sie noch so leise, wie im vergangenen November. Irgendwie scheint die Unentschiedenserie (fünf in den letzten sechs Partien), die mit dem derzeitigen Nimbus der Unbesiegbarkeit einhergeht, auf alle Beteiligten angenehmer zu wirken als das wilde Auf und Ab unter Keller. „Wir sind in diese Saison mit der klaren Ansage gestartet, Ruhe einkehren zu lassen und Stabilität zu erzeugen“, sagte Zingler. „Es ist alles eingetreten, was wir uns vorgenommen haben.“

Verantwortung wird verteilt

Hierarchien wurden abgeflacht, Verantwortung verteilt. Als Beispiel sei hier der nun wieder direkte Draht zwischen Mannschaft und Präsidium mittels Sportdirektor Oliver Ruhnert genannt. Vormals war hier Lutz Munack zwischengeschaltet.

Ruhe und Stabilität, das sind die beiden großen Errungenschaften unter der Führung von Dirk Zingler seit 2004. Selbst als vergangene Saison vorsorglich mit dem Abstieg geplant wurde, bekam Union die Lizenz für die Dritte Liga ohne Bedingungen. Das wirtschaftliche Fundament, auf das der Klub seine Bundesligaambitionen baut, ist krisenfest. Diese Gewissheit gehört zu den guten Dingen, die Zingler der vergangenen Saison abgewinnen kann.

Wirtschaftlich war die Spielzeit 2017/18 ein Erfolg: Einnahmen in Höhe von 44 Millionen Euro (1,7 Millionen Euro mehr als geplant) bedeuten einen Rekord und mehr als eine Verdopplung binnen sechs Jahren. Natürlich wurde auch mehr Geld ausgegeben – und zwar nicht für die Mannschaft.

Klub spart Prämien ein

Der Klub hat gegenüber der Planung fast 1,8 Millionen Euro an Prämien eingespart. Stattdessen wurde mehr Geld für Personal, Spielbetrieb und betriebliche Ausgaben aufgewendet. In der laufenden Saison sollen Einnahmen und Ausgaben auf 47 Millionen Euro steigen. „Unsere unternehmerische Ausrichtung ist es nicht, Gewinn zu machen oder schuldenfrei zu sein“, erklärte Zingler. Das negative Eigenkapital beläuft sich auf 2,77 Millionen Euro. „Die strategische Ausrichtung des Vereins ist, weiter in Infrastruktur zu investieren und mittelfristig in die Bundesliga aufzusteigen.“ Stadionausbau, Nachwuchsleistungszentrum und Fanhaus sind da zentrale Pfeiler.

Der sportliche Erfolg bleibt das höchste Ziel, dem die wirtschaftliche Entwicklung zu dienen hat. Doch hat Zingler den Wunsch, dass der 1. FC Union seinen über die Jahre gesteigertes finanzielles und gesellschaftliches (21 394 Mitglieder) Gewicht auch auf anderen Ebenen einsetzt. Die Eisernen sehen sich als Antreiber einer Wertedebatte im deutschen Profifußball, mit dem Ziel, „einen angemessenen Ausgleich der Interessen“ von Sportlern, Sponsoren, Medien und Fans herzustellen. „Es gibt nichts Wertvolleres, auch nicht für die Vermarktung von medialen Rechten, als ausverkaufte, stimmungsvolle Stadien ohne Proteste, in denen spannende Fußballspiele stattfinden“, sagt Zingler.

Darüber hinaus ist Union längst mehr als ein Fußballverein. Aus der Größe erwachse gesellschaftliche Verantwortung, findet der Klubboss, er sagt: „Wir waren jahrelang oft der Schwächere und haben uns auch von anderen helfen lassen. Wir erachten es als unsere Verpflichtung, die Kraft, die wir haben, in gesellschaftliches Wirken umzuwandeln. “ Stiftungsarbeit, Spendenaktionen, Schulbesuche, Solidarität – darüber zu reden, ist ausdrücklich erlaubt. Jeder soll wissen, wofür Union steht.