Kaiserslautern - Für die ungnädigste Aussage der Nacht von Kaiserslautern sorgte nach dem Aus in der Relegation Gerry „Tarzan“ Ehrmann. Angesichts der Feierlichkeiten der eigenen Fans für die 1:2-Verlierer im Rückspiel gegen den heldenhaft von seinem Trainer Markus Gisdol geretteten Bundesligisten 1899 Hoffenheim formulierte der Torwarttrainer des 1. FC Kaiserslautern: „Hier bei uns sieht man, dass es nicht nur ums Drecksgeld geht, sondern um viel mehr.“

In der Tat war es eindrucksvoll, wie ekstatisch die legendäre Westkurve ihre gescheiterten Helden feierte. Noch fast eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff und dem Scheitern des Projekts direkter Wiederaufstieg herrschte eine Gänsehautstimmung im Fritz-Walter-Stadion, als wären die nahezu chancenlosen Verlierer die Sieger.

Die kamen aber an diesem Abend aus Hoffenheim und ließen sich auf der anderen Seite des Platzes von ihren immerhin rund 4500 Anhängern ordnungsgemäß bejubeln. Man kann den Hoffenheimer Fans, mögen sie auch zahlenmäßig viel weniger sein als die aus Kaiserslautern, durchaus abnehmen, dass es für sie als Freunde eines vermeintlich seelenlosen Retortenklubs ebenfalls mehr um das persönliche Wohlempfinden und weniger ums „Drecksgeld“ geht, das Mäzen Dietmar Hopp bis jetzt 350-millionenfach in den einstigen Dorfklub steckte.

Erstmals ist dabei erkennbar, dass 1899 Hoffenheim sich anschickt, so etwas wie Nachhaltigkeit zu entwickeln. Ein Beispiel: „Heute hat ein Jahrgang 95 mehr als eine halbe Stunde lang stabil in der Innenverteidigung gespielt“, lobte der neue Sportchef Alexander Rosen den erst 17-Jährigen Junioren-Nationalspieler Niklas Süle. Gisdol und Rosen agieren auch deshalb glaubwürdig, weil sie beide bereits gemeinsam in der Hoffenheimer Talentschmiede gearbeitet haben.

Besonders Gisdol verbindet zudem ein gewachsenes Vertrauensverhältnis zum Nachwuchskoordinator, Ex-Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters. Nach sieben Jahren im Verein sieht Peters seine Saat nun erstmals aufgehen. Am Montagabend wollte der vierfache Familienvater sich öffentlich nicht äußern, neulich hatte er aber der FAZ einprägsame Worte diktiert: „Wir hatten durch die vielen Brüche keine Kontinuität und keine Linie. Die Trainer sind zu den Gesellschaftern gegangen und haben gesagt, ich brauche jetzt noch den und den Spieler für meine Idee. Und die haben sie meistens auch bekommen. Dass wir die wirtschaftlichen Zwänge von Vereinen wie Freiburg oder Mainz nicht hatten, Eigengewächse einzubauen, ist kontraproduktiv gewesen.“

Die wirtschaftlichen Zwänge gibt es wegen Godfather Hopp zwar immer noch nicht. Aber dafür gibt es jetzt die starken Männer Gisdol und Rosen, die durch die wundersame Rettung noch mehr an Bedeutung gewonnen haben. Rosen sagt: „Wir wollen junge Spieler integrieren. Bei uns liegt der Fokus ganz klar auf der Ausrichtung. Es ist uns lieber, das in der ersten Liga zu machen, aber wir hätten das in der zweiten Liga ganz genauso getan.“

Über Retter Gisdol sagt Rosen, er habe „fantastisch“ gearbeitet, der Trainer sei „konsequent, authentisch und mutig“. Die Hoffenheimer Spieler bedankten sich zum Missfallen von Lauterns Trainer Franco Foda auf ihre Art: Während der Pressekonferenz enterten sie den Medienraum und übergossen den glücklicherweise im funktionalen Trainingsanzug gekleideten Gisdol mit Dosenbier.

FCK-Pressesprecher Christian Gruber dürfte seinen ramponierten Anzug mindestens zur Reinigung bringen müssen. Er brach die Pressekonferenz daraufhin ab, auch Foda fand die von offenbar ernst gemeintem „Hoffe ist der geilste Klub der Welt“-Gegröle begleitete Aktion wenig lustig: „Das hat auch etwas mit fehlendem Respekt zu tun“, monierte er.

Weitaus folgenreicher ist jedoch, dass Foda kommende Saison auf seinen spielerisch besten Mann, Alexander Baumjohann, verzichten muss. Der Vertrag des Mittelfeldspielers wäre nur beim Aufstieg weitergelaufen. Jetzt sagt Baumjohann eine „innere Stimme, dass es sehr schwer wird, hierzubleiben. Ich will in die Bundesliga.“ Der 1. FC wird darauf noch ein Jahr warten müssen. Mindestens.