Als Urs Fischer sich nach dem verpassten direkten Aufstieg in Bochum und vor dem ersten Entscheidungsspiel gegen den VfB Stuttgart an diesem Donnerstag zum ersten und einzigen Mal an die Journalisten wandte, musste er über seine Wortwahl selbst ein bisschen schmunzeln. „Da, wo wir eigentlich nicht hinwollten, sind wir jetzt“, sagte der Schweizer Trainer des 1. FC Union und präzisierte für die beachtliche Zahl von Zuhörern noch einmal: „In der Relegation.“

Mutig müsse man in die Spiele gegen den Bundesligisten gehen, betonte der 53-Jährige, er wolle sein Mannschaft nach vorne spielen lassen. Doch während der Mut in solch einer brisanten Partien wohl unabdingbar ist, klang das Nach-vorne-spielen-lassen nicht unbedingt nach Urs Fischer. Denn für gewöhnlich lässt er seine Eisernen aus einer sicheren Defensive heraus eher kontrolliert agieren. Wenig aufbrausend, aber sehr diszipliniert.

Unions Florian Hübner gesperrt

Dass der Schweizer nun jedoch den Blick sprichwörtlich nach vorne richtet, hängt womöglich auch mit der Personalie Florian Hübner zusammen. Hübner ist nach seiner zehnten Gelben Karte in dieser Saison ausgerechnet im Relegationshinspiel in Stuttgart gesperrt und reißt als Abwehrchef der Köpenicker eine Lücke in die sonst so bombenfeste, beste Verteidigung der vergangenen Zweitligasaison. Und das wirft die spannende Frage auf, wer den 28-Jährigen, der mit Hannover 96 schon im Oberhaus spielte, in Stuttgart ersetzen könnte.

Dabei ist weniger der Kreis der Kandidaten und viel mehr die schlussendliche Entscheidung Fischers das eigentliche Mysterium. Denn klar ist: Es läuft auf Routinier Michael Parensen oder Winterzugang Nicolai Rapp hinaus. Denn Marc Torrejón hat in der laufenden Saison kein einziges Ligaspiel absolviert und Fabian Schönheim, auf den diese Statistik ebenso zutrifft, ist verletzt. Auf die beiden verbleibenden Kandidaten angesprochen, ließ sich Fischer selbstverständlich nicht in die Karten schauen. „Parensen, Rapp, ja, sie wären beide eine Option“, erklärte er, wollte sich aber wie gewohnt nicht frühzeitig festlegen.

Parensen meistert Probleme

Für Michael Parensen wäre ein Einsatz im zweiteiligen Saisonfinale natürlich eine riesige Geschichte. Im Januar 2009 wechselte der 32-Jährige aus Köln ans Stadion An der Alten Försterei, trotzte zahlreichen Verletzungen und Konkurrenzkämpfen und könnte nun, zehn Jahre später, in seinem womöglich letzten Jahr bei den Eisernen – sein Vertrag läuft aus – um den Aufstieg mitspielen.

Parensens Vorteil gegenüber dem zehn Jahre jüngeren Rapp ist natürlich seine Erfahrung, die gerade in einem Nervenspiel wie in Stuttgart von ungemeinem Wert sein kann. Schon im Januar betonte Mitspieler Sebastian Polter mit großer Bewunderung: „Micha war immer da, vor allem in den Zeiten, in denen es bei Union schlecht lief. Er ist ein absolutes Vorbild für die jüngeren Spieler.“

Grenzen des ewigen Unioners

Auch, weil der Routinier in jedem Training noch immer Vollgas gibt. Das imponiert auch Trainer Fischer, der im Saisonverlauf mehrfach betonte, dass Parensen zu jeder Zeit bereit sei, von Beginn an zu spielen.

Allerdings kennen die Fähigkeiten des ewigen Unioners mittlerweile auch Grenzen. Im schweren Spiel gegen Darmstadt wurde das etwas undynamische Abwehrduo Friedrich und Parensen mehrfach überrannt. Und auch wenn Unions Trainer das nicht unbedingt als Argument gelten lassen wollte („Es gibt nicht nur körperliche, sondern auch geistige Schnelligkeit: Antizipation“), wäre ein Geschwindigkeitsdefizit gegen die pfeilschnellen Stuttgarter Außenstürmer und den quirligen Spielmacher Daniel Didavi eher suboptimal.

Das wiederum spräche für einen Einsatz von Nicolai Rapp. Der 22-Jährige absolvierte im Februar ein brillantes Spiel gegen den SV Sandhausen, kassierte allerdings im April beim schwachen 1:1 in Fürth eine Rote Karte und fiel gesperrt zwei Partien aus. Gegen Magdeburg und Bochum nominierte ihn Fischer gar nicht erst in den Spieltagskader. Bekommt der Heidelberger nun eine überraschende Chance in den Relegationsspielen?

Die Wichtigkeit seiner Entscheidung ist Urs Fischer jedenfalls absolut bewusst. „Wenn du schon im Hinspiel fünf oder sechs zu null verlierst, wird es schwer, im Rückspiel noch mal zurückzukommen“, fachsimpelte er am Dienstag. Und musste erneut beinahe wieder etwas schmunzeln.