Das Gefühl, so hat es Christopher Trimmel am Tag nach dem 1:1 gegen Bielefeld seinem Trainer Urs Fischer gesagt, habe nicht gepasst. Erstmals in dieser Saison war im zweiten Spielabschnitt nicht die Beherztheit zu spüren, unbedingt gewinnen zu wollen, sondern ein bisschen risikoscheuende Vorsicht, um nichts zu verlieren. „Wir waren nicht mutig genug, um mehr Druck nach vorne aufzubauen, waren die paar Meter zu passiv“, erläuterte der Kapitän des 1. FC Union seine Sicht der Dinge nach der Kabinenaussprache auch den Journalisten. Ob es an der Angst lag, den direkten Aufstiegsrang zwei in der Tabelle zu verlieren? So wollte Trimmel das nicht verstanden wissen. Aber klar ist auch: Die Saison nähert sich elf Spieltage vor Schluss der finalen Phase, und da kann sich so ein Sicherheitsdenken leicht einschleichen. Dies zu verhindern oder wieder auszutreiben, das wird eine wichtige Aufgabe Fischers in den kommenden Tagen sein.

Die Stimmung war ja nach der Partie etwas gedrückt, die Fans von Arminia Bielefeld feierten im Gästeblock den Auswärtspunkt, die Heimzuschauer waren hingegen schon vor der Ehrenrunde der Unioner verstummt. Ähnlich klar verteilt waren die Rollen von Freude und Unzufriedenheit bei den Spielern. Fabian Klos war „stolz“ ob des Erreichten, Trimmel „selbstkritisch“ − und voller Lob für die Bielefelder Stürmer der Marke Klos, „die den Ball brutal gut abschirmen können“.

Gutes Wir-Gefühl

Was den seit Sonntag 32-Jährigen jedoch mehr beschäftigte, war die Frage, warum die Bälle überhaupt in den Abschirmbereich von Klos und Co. gekommen waren. Vor allem in Hälfte zwei hatten die Gäste immer wieder jene Szenen in Ballbesitz verwandelt, in denen das Spielgerät in den freien Raum prallte. Und sie durften den Ballbesitz aufgrund der Verzagtheit der Eisernen dann relativ ungestört genießen.„So verschiebst du nur und läufst ohne Ball“, analysierte Trimmel, „dann kriegst du als Spieler kein gutes Gefühl.“ Eigentlich ist die Idee des zeitgemäßen Verteidigens − Fachbegriff Pressing −, die Kontrahenten durch Aggressivität zu verunsichern und zu Fehlern zu zwingen. Nebeneffekt: ein gutes Wir-Gefühl.

Stattdessen war es ein sich selbst verstärkender Strudel, in den die Eisernen hineingeraten waren. Fehlender Mut, schlechtes Gefühl, noch weniger Mut, noch schlechteres Gefühl. „Wenn zwei, drei Spieler keinen guten Tag hatten, haben wir es immer geschafft, dass wir das als Mannschaft kompensiert haben“, sagte Trimmel. Dieses Mal war es umgekehrt. Zwei, drei Spieler konnten das Team nicht aus dem Mutloch reißen. „Mannschaftstaktisch war es von uns in der zweiten Halbzeit nicht gut. Das kann kein einzelner Spieler lösen“, bekannte Trimmel, der selbst auch nicht vor Fehlern gefeit gewesen war.

Guter Tag von Reichel

Einer von den wenigen, die einen guten Tag erwischt hatten, war Ken Reichel − und das nicht nur wegen seiner Flanke, die das 1:0 von Joshua Mees eingeleitet hatte. Auch hinten war er mehrfach zur Stelle und vereitelte geschickt Angriffe des Gegners, ehe sie zu Chancen wurden. „Es sind noch elf Spiele. Klar, spielt das irgendwann eine Rolle, dass man etwas verlieren kann“, sagte er. „Im Hinterkopf ist, dass man da oben auf dem zweiten Platz steht. Man will so lange wie möglich da oben dranbleiben.“ Daran habe es gegen Bielefeld aber nach dem Seitenwechsel nicht gelegen, „da ist nichts verloren gegangen“, fügte er an und meinte die Leichtigkeit des Fußballerseins in Phasen des Erfolgs. Die hat die Unioner durch die Hinrunde getragen.

Nun festigt sich der Eindruck, als falle es ihnen derzeit leichter, mit einem Rückstand umzugehen. Also unter Druck der vom Trainer angesagten Spielweise treuzubleiben oder zu ihr zurückzukehren, wenn wirklich eine Niederlage droht. Das ist eine große Qualität. In Hamburg und Duisburg war das nach der Winterpause der Fall, auch wenn gegen St. Pauli die Belohnung ausblieb. Die Art, wie die Köpenicker hier aufs Ganze gingen, beeindruckte.

Positive Dinge

Gegen Köln, Sandhausen und Bielefeld haben sie sich nach der Führung jedoch aufs Verteidigen versteift. Das klappte gegen Köln gut, weil sie davon profitierten, dass sie schon zur Pause mit zwei Toren in Front waren und Sandhausen hatte Offensiv nicht die Mittel, Union vor Probleme zu stellen. Auch hatten die Eisernen gegen Köln die Aggressivität im Abwehrverhalten gezeigt, die Trimmel und Reichel nun vermissten. Gegen Bielefeld war die Elf von Fischer im schwachen zweiten Abschnitt noch am besten, als sie nach dem Ausgleich tatsächlich an den Rand einer Niederlage gedrängt wurde. Da sah es kurzzeitig ein bisschen so aus, als wäre der unbedingte Gewinnermut zurück. Dennoch kam der Kontrahent dem Siegtreffer bedeutend näher.

Bei allem Frust über die wenig überzeugende Darbietung gegen Arminia sind es doch zwei positive Dinge, die es für die Eisernen festzuhalten gilt: Erstens kamen solche Spiele in dieser Saison selten vor und wenn, wurden sie wie gegen Bielefeld immerhin nicht verloren. Auch das ist zweifellos eine Stärke. „Was in dieser Saison ein riesen Unterschied ist: In Spielen, in denen wir schlechte Phasen haben, nehmen wir trotzdem irgendwas mit“, sagte Trimmel. „Das gibt definitiv Selbstvertrauen.“

Nächste Chance: Kiel

Fünf Jahre sind vergangen, seit Uwe Neuhaus den Österreicher für die Aufstiegsmission anwarb. Der heutige Bielefelder Trainer wurde wenige Monate später kurz vor Trimmels Ankunft im Sommer 2014 verabschiedet, Urs Fischer ist schon der fünfte Coach, unter dem der Rechtsverteidiger den Sprung in die Bundesliga versucht. So gut wie in diesem Jahr war die Ausgangslage nie. Daran ändert auch der Verlust der zwei Heimpunkt nichts − wenn Kapitän und Mitspieler die richtigen Lehren daraus ziehen. Die Angst ist kein guter Berater. „Ich achte in der Kabine drauf“, sagte Trimmel. „Wir haben eine gute Mentalität. Auch der Trainer merkt solche Dinge sofort.“

Am Freitag bietet sich bei den punktgleichen Kielern die Gelegenheit, das Gelernte gleich umzusetzen.„Bei solchen Mannschaften, die gut Fußball spielen, musst du von Beginn an Druck machen und denen auf die Beine steigen, wenn sie hinten rausspielen“, sagte Trimmel. Hilfreich ist dabei vielleicht, dass die mentale Belastung, Rang zwei verteidigen zu müssen, vom Kölner Anthony Modeste mit zwei Toren und dem daraus resultierenden 3:1-Sieg gegen Sandhausen beseitigt wurde. Und weil die Kölner am Mittwoch noch ihr Nachholspiel in Aue haben, der Hamburger SV am Sonntag aber mit 1:2 in Regensburg unterlag, sind die direkten Aufstiegsplätze derzeit einen Sieg entfernt. Das sind gute Vorzeichen, denn Union war in dieser Saison immer dann am überzeugendsten, wenn es überraschend was zu gewinnen gab.