Es gibt da diese Theorie, die besagt, dass Hertha BSC es immer dann besonders schwer hat, wenn es eigentlich leicht sein könnte. Oder eben: Dass diese Mannschaft auf überraschende Siege oft überraschende Niederlagen folgen lässt und sich damit den Tabellenweg nach oben selbst verbaut. Zu den Anhängern dieser Theorie zählten zuletzt auch Pal Dardai und Michael Preetz. Der Trainer fragte sich: „Was machen wir falsch, dass wir blockiert sind, wenn wir Erfolg haben können?“ Der Manager sprach von zwei Gesichtern. Mal ein schönes, wie vor einer Woche in Mönchengladbach. Mal ein, nun ja, spielerisch weniger ansehnliches wie vor zwei Wochen gegen Wolfsburg. Was direkt zur Frage führt: Auf welche Hertha würde Werder Bremen am Sonnabend im Olympiastadion treffen? Antwort: auf beide. Das logische Ergebnis: 1:1 (1:0).

Am Anfang ging erst mal ein Vorhang zu. Die Ostkurve hatte eine Choreografie mitgebracht. „Danke für 30 Jahre Hertha Echo“, stand da in fetten Lettern. Und Manfred Sangel, der Mann, der das Fanradio Ende der Achtziger ins Fanleben gerufen hatte, stand vor der Ostkurve, sichtlich gerührt. Ein emotionaler Abschied in den Sendeschluss. Sangel sollte später sagen: „Megageil.“

Das Spiel sah zunächst nicht so aus, als würde Hertha daraus einen Schönheitswettbewerb machen wollen. Etwas Verrücktes hatte im Vorfeld Dardai angekündigt, und es war zumindest ungewohnt, wie seine Mannschaft die ersten zwanzig Minuten anging. Sie war verhalten im Pressing, lauernd im Mittelfeld, mit den Mühen des Ballbesitzes wollten sie erst mal wenig zu tun haben, sie wollte: schnell umschalten, kontern. Es war eine freiwillige Blockade.

Während die Bremer immer wieder zarte Annährungsversuche starteten, aber nicht so recht in die gefährlichen Zonen vordringen konnten, ging Dardais Plan erstmals nach 21. Minuten auf: ein Heber von Salomon Kalou in der Strafraum, ein Schuss von Davie Selke – an den Pfosten.

Vier Minuten später war es dieselbe Koproduktion, diesmal spielte Kalou flach auf Selke, der aus spitzen Winkel zum 1:0 traf, nach einem Konter. Die Statik des Spiels kippte danach. Hertha begann damit, die Abwehr der Bremer aggressiver anzulaufen. Die Ballbesitzverhältnisse waren ausgeglichen. Und sieben Minuten vor der Pause wäre fast noch das zweite Tor gefallen. Den Freistoß aus 26 Metern knallte Ondrej Duda an die Latte. Dardai ging mit einem Grinsen in die Kabine.

Die zweite Hälfte war ein Spiegelbild der ersten. Werder wollte irgendwie, aber ein Plan war nicht erkennbar. Hohe Flanken? Kein Problem für Torwart Rune Jarstein. Hertha wiederum war zielstrebig im Vorhaben, die Zwischenräume zu verschließen, den Strafraum abzuriegeln, das Tor zu verbarrikadieren. Bis zum Schluss? Fast. In der allerletzten Spielsekunde verwandelte Claudio einen Freistoß zum 1:1, der zu allem Unheil auch noch zweimal abgefälscht wurde, ehe er den Weg ins Tor von Jarstein fand. Es wurde nicht mal mehr angepfiffen.