Kiel - Die Gastgeber haben den Gästen aus Berlin durchaus einen Gefallen getan: Eine neue Spielunterlage haben sie in der Winterpause im Holstein-Stadion ausgerollt, und zu erwarten war, dass der grüne Teppich den Unionern das Schaulaufen erleichtern würde. Schließlich wurde unter André Hofschneider in der spielfreien Zeit fleißig das Kurzpassspiel geübt.

Auf unzertretendem Rasen rollt der Ball ja eigentlich gut. Doch war vom erhofften Fortschritt in Sachen Dominanz und Sicherheit nicht wirklich zu erkennen. Und die Defensive war löchrig wie in schlechtesten Pressing-Zeiten. Allein ein feiner Pass von Felix Kroos und die Unerfahrenheit der gegnerischen Abwehr retteten den Köpenickern beim 2:2 (1:2) zumindest einen Punkt.

„Die Vorbereitung wird von Jahr zu Jahr für die Spieler undankbarer“, hatte Union-Trainer Hofschneider vor dem Auftakt sein Mitgefühl für die Aktiven ausgedrückt. Immer kürzer wird die Winterpause, immer kürzer die Erholung, immer kürzer die Zeit für die Weiterentwicklung der Fähigkeiten und das Abstellen der Fehler.

Zwei Treffer dank Rückenwind

Doch als weitaus schlimmer stellte sich das Geschehen heraus, das auf die Vorbereitung folgte, mit der die Union-Spieler ja trotz der Zeitverknappung ziemlich zufrieden gewesen waren.

Keine 20 Minuten dauerte es, bis die Gastgeber den heftigen Rückenwind, der über den Platz blies, in zwei Treffer umgesetzt hatten. Zunächst war Marvin Ducksch dem Berliner Verteidiger Marc Torrejon entkommen und nutzte den Freiraum für eine Vorlage auf Tom Weilandt.

Toni Leistner hielt sich fernab des Balls, Grischa Prömel griff nicht richtig ein, 1:0 (9.). Zehn Minuten später demonstrierten die Kieler, dass auch in kurzen Vorbereitungen dazu gelernt werden kann. Was bei den Unionern der Ballbesitz war, war beim Aufsteiger die Eckenverwertung.

In dem Bereich hatten die sonst so überraschend gut auftrumpfenden Kieler eine ziemlich miese Erfolgsquote. Das änderten sie nun auch deswegen, weil Felix Kroos am Fünfmeterraum den Zweikampf verweigerte und die gesamte Zentrumsbesatzung dem Ball beim Durchkullern zusah. Dominick Drexler bedankte sich am zweiten Pfosten, wieder war Prömel nicht dicht genug am Mann.

Kunststückchen

Während der Profidebütant Atakan Karazor auf der einen Seite Kunststückchen aufführte, er tunnelte Simon Hedlund, funktionierte bei den Unionern nicht viel. Eine Querablage von Sebastian Polter zum zögerlichen Hedlund mit folgendem Schuss von Kroos (geblockt) war schon das Sehenswerteste in der ersten halben Stunde.

Dann profitierte das Team von Hofschneider erstmals von der zusammengewürfelten Defensivabteilung des neuen Tabellenführers. Weil beide Innenverteidiger, darunter Kapitän Rafael Czichos, und der Mittelfeldchef gesperrt fehlten, mussten die Ersatzkräfte ran − und Niklas Hoheneder bahnte den Eisernen in der 32. Minute prompt den Weg durch die Mitte. Steven Skrzybski (7. Saisontor) war nach Zuspiel von Christopher Trimmel (7. Vorlage) der Nutznießer. Wie auch beim 1:0 durch Weilandt war der Spielzug abseitsverdächtig.

Das Aufbäumen blieb zunächst aus

Trotz des emotionalen Schubs und obwohl der Wind nach dem Seitenwechsel nun in Angriffsrichtung des 1. FC Union blies, blieb das Aufbäumen zunächst aus. Erst in den letzten zehn Minuten wagten sich die Eisernen energisch nach vorne. Mit einem genialen Zuspiel brachte Kroos Kollege Hedlund im Sechzehner in Position; David Kinsombi, der zweite Aushilfsinnenverteidiger, holte den Schweden von den Beinen. Platzverweis und Elfmeter waren die Folge − und Sebastian Polter ließ sich die Chance nicht entgehen. Im Anschluss hatte Leistner sogar noch die Möglichkeit, den Siegtreffer zu erzielen.

Doch standen die Spieler am Ende bedröppelt im Regen. Wie auch die mehr als 2 000 aus Berlin angereisten Zuschauer, die im Stadion die einzigen nicht überdachten Plätze zugewiesen bekommen hatten. Das hatte sie aber nicht davon abgehalten, ihre Mannschaft nach dem Rückstand erst recht anzufeuern. Es ist letztlich das Engagement, nicht aufzugeben und dafür belohnt zu werden, das als positives Merkmal der Auswärtsfahrt übrig bleibt.

Dennoch ist der erste Punkt unter Hofschneiders Führung nicht zufriedenstellend. Bislang hatten sich die Union-Verantwortlichen bei Union mit kleinen Verbesserungen über die zwei Niederlagen nach dem Trainerwechsel hinweggetröstet. Jetzt wird es Zeit für einen Leistungssprung.