BerlinDer Dritte von links, das ist Hubertus Müller. Er trägt einen roten Ski-Anzug wie die fünf anderen in der Reihe auch. Sie lächeln mit zugekniffenen Augen in die Kamera. Der Schnee blendet, die Sonne scheint, die Haut ist braun, der Gesichtsausdruck optimistisch. Rechts im Hintergrund ragt ein Felsen empor. Sie stehen auf dem Stubaier Gletscher in Tirol.

„DSV-Bundeslehrteam 1984“, hat Müller unter das Foto geschrieben. Er hat es hervorgeholt, weil sein Verein jetzt 100 Jahre alt wird, weil der SC Pallas mit seinen rund 300 Mitgliedern ein stolzes Jubiläum begeht. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein gewöhnliches Gruppenfoto. Beim zweiten Hinsehen erklärt es vielleicht, wie ein Skiklub in Berlin, fernab von Bergen und oft auch von Schnee, ein Jahrhundert überdauern konnte. Wie er im eingemauerten West-Berlin überlebte und einer Erwärmung des Klimas bis heute trotzt. Warum der SC Pallas wohl auch eine Pandemie überstehen wird.

Teufelsberg: eine Piste mit Niveau

Berliner Skisportler sind nämlich da, wo der Schnee ist. Sie haben gelernt, kreative Lösungen zu finden. Sie sind so engagiert wie Hubertus Müller, 73, viele jedenfalls.

Zwei Bayern standen 1984 mit dort oben auf dem Stubaier Gletscher, mehr Ausbilder aus dem Süden waren es diesmal nicht; Preußenlehrgang haben die beiden das Seminar für angehende Trainer deshalb genannt, halb im Scherz, halb abfällig. „Bei den Bayern reichte es, dass sie ihre roten Anzüge anhatten“, sagt Müller, „wir Norddeutschen mussten erst mal unser Können beweisen.“

Sie mussten zeigen, dass sie auch ohne Alpen vor der Haustür einen eleganten Abschwung beherrschen. Der 120 Meter hohe Teufelsberg in Berlin mochte aus südlicher Perspektive kaum mehr als ein Hügel sein, aus Sicht der Funktionäre des Ski-Weltverbandes (Fis) jedoch war es ein Hügel mit Niveau. „Die Fis hat die Piste für internationale Wettbewerbe freigegeben“, sagt Müller.

Am 28. Dezember 1986 richtete die Fis auf dem Teufelsberg sogar einen Weltcup aus, da war Müller schon seit zwei Jahrzehnten beim SC Pallas. Mit einem Parallelslalom lief sich Berlin damals im Wortsinn warm für die Feiern zum 750-jährigen Stadtjubiläum. 21 Spitzenfahrer waren am Start, knapp 15.000 Zuschauer an der Piste, die aus Kunstschnee bestand. „Der schwerste Boden für mich“, gab Markus Wasmeier nach dem Rennen kurz und knapp zu Protokoll. Gut sieben Jahre später gewann er bei Olympia 1994 in Lillehammer zweimal Gold. Zum Teufelsberg war er mit der Referenz eines Weltmeistertitels aus dem Vorjahr angereist.

Foto: privat
Der Preußenlehrgang anno 1984: Hubertus Müller (3. v. l.) auf dem Stubaier Gletscher im Kreis von Trainer-Ausbildern des Deutschen Ski-Verbandes.

Wasmeier, ein Bayer – Weltmeister im Skilaufen werden können Berliner allerdings auch, im Gras-Ski: Vincent Riewe sicherte sich 1979 gleich den ersten Titel, der in dieser Disziplin vergeben wurde. Auch wenn der GSC Dachau den Erfolg bis heute für sich reklamiert, weil für den der Champion offiziell angetreten war, trainiert wurde Vincent Riewe anfänglich von Hubertus Müller, dem studierten Architekten, Sportlehrer und Skifahrer aus Passion.

Gras-Ski war in den Siebzigern ungemein populär, auch in Berlin, wo es an Talenten nicht mangelte, an Gras sowieso nicht, doch auch auf den ursprünglichsten aller Untergründe für die Talfahrt auf zwei Holzlatten mussten die hiesigen Alpinfreunde nicht anhaltend verzichten. Anders als heute war Schnee keine Seltenheit. „In guten Wintern konnte man über zwei Monate lang sehr ordentlich Ski laufen“, sagt Müller. Ein Lift brachte die Abfahrer seit 1964 nach oben, Flutlicht verschaffte abends gute Sicht. Es waren vielleicht die besten Zeiten. Und heute?

Die Gegenwart liegt in Wittenburg

Der Lift ist längst verschwunden, ebenso jene Anlage, die bis Ende der 60er-Jahre bei Bedarf das Terrain mit künstlichem Schnee eindeckte. Seit zwanzig Jahren sind die Skisportler auch nicht mehr Pächter des Geländes. „2000 haben die Berliner Forsten die Pacht verzehnfacht und wir mussten aufgeben“, sagt Müller.

Die Spuren der Vergangenheit hat die Natur inzwischen verwischt. Die Gegenwart liegt ohnehin in Wittenburg, gut 200 Kilometer von Berlin entfernt. „Von April bis Oktober trainieren wir in der dortigen Skihalle, etwa alle vierzehn Tage, immer am Wochenende“, sagt Müller, der für den Berliner Skiverband als Talentscout arbeitet. An Interesse bei der Jugend mangele es nicht, sagt er. „Das merke ich auch bei den Ski-Reisen mit Schülern.“

Doch sobald er für die Mitgliedschaft in einem der zehn Vereine der Stadt Werbung macht, muss Müller oft feststellen, dass die Konkurrenz schneller war. „Viele sind in anderen Sportvereinen gebunden, im Fußball, Handball, Eishockey“, sagt Müller. „Es ist wahnsinnig schwierig, sie dafür zu gewinnen, parallel oder sogar ausschließlich Skisport zu betreiben.“

Immerhin: An die zwanzig Talente sind dabei, wenn sie in Wittenburg die renntaugliche Piste hinabsausen. Falls sie nicht staatliche Verordnungen ausbremsen. Lockdown statt Downhill, das galt für die Skisportler aus der Hauptstadt bereits im März und April, das gilt nun im November erneut. Ob sie die Berliner Meisterschaft in dieser Saison austragen können, ist ungewiss. Die soll in den bayrischen Alpen stattfinden. „Da bin ich ohnehin skeptisch“, sagt Müller. „An Wochenenden im Winter staut sich auf dem Weg in die Alpen der Verkehr, das weiß man ja. Wer am nächsten Tag einen Wettkampf hat, findet einen langen Stau gar nicht lustig.“

Foto: Berliner Zeitung/Salvatore Saba
Hubertus Müller.

Das Reisen an sich hat allerdings Tradition. Da die Berge nun mal nicht zu den Berlinern kommen, die richtig hohen, schneesicheren, müssen die Berliner eben in die Berge. Das tun sie dann auch gern und ausgiebig. Bereits in den 20er-Jahren drängten sich im Winter Wochenende für Wochenende Menschen in Ski-Montur auf dem Görlitzer Bahnhof, dem Schlesischen Bahnhof, zwängten sich in Züge Richtung Riesengebirge. „Oft waren es eingewanderte Schlesier, die von Baude zu Baude liefen und dann am Sonntagabend zurückkamen, um am nächsten Morgen in Berlin wieder ihrer Arbeit nachzugehen“, sagt Müller.

Auch zu Zeiten der Mauer waren die West-Berliner für ihre Leidenschaft meilenweit auf Achse. Sie trugen ihre Meisterschaften im Fichtelgebirge aus. Nach der Wende gewährte der Sächsische Ski-Verband in Oberwiesenthal Asyl. Irgendwann aber gab es Terminprobleme, mussten Berliner und Brandenburger am selben Wochenende ihre Titelträger ermitteln, wurde das Feld der Teilnehmer unübersichtlich und schlicht zu groß. Die Berliner siedelten nach Steinach in Thüringen um. „Ein sehr schönes Skigebiet“, sagt Müller. Vergangenes Jahr jedoch fiel die Meisterschaft flach. „Aus Mangel an Schnee.“

Es scheint, als würde sie der Klimawandel in immer höhere Lagen zwingen. Ganz abfinden will sich Hubertus Müller mit diesem Gedanken nicht. „Ich hoffe, dass die Winter wieder gut werden“, sagt er, „dass wir wieder in Steinach unsere Meisterschaft austragen können.“

Eine Berliner Skihalle?

Einen Plan B haben sie verworfen. Einen, der Nähe und sichere Bedingungen garantiert hätte: eine Skihalle für Berlin. Ausreichende Nachfrage müsste bei knapp vier Millionen Einwohnern eigentlich vorhanden sein, theoretisch. Praktisch fehlen Standort und Investor. „Es wurde schon über ein Gelände in Hohenschönhausen diskutiert“, sagt Müller, „dann über den Platz neben der Schöneberger Schwimmhalle, zuletzt war Königs Wusterhausen im Gespräch. Danach wurde das Thema zu den Akten gelegt.“ Das ist mittlerweile auch schon ein paar Jahre her.

Ein begrüntes Dach über einem Teil der Piste am Teufelsberg, Wände ringsherum, das ist Müllers Traum, doch so wie es aussieht, bleibt er unerfüllt. Dabei haben sie schon ganz andere Sachen hinbekommen im Berliner Skisport. Zum Beispiel eine Schanze am Teufelsberg, K-Punkt bei 50 Metern, 1955 eingeweiht, 1966 außer Dienst genommen, 1999 abgerissen.

Heini Klopfer hat sie entworfen, ein bekannter Springer und Architekt, nach dem die Skiflugschanze in Oberstdorf benannt ist. Wolfgang Müller sprang dereinst 45,7 Meter weit, damit ging der ewige Berliner Rekord an ihn. Heini Klopfer und Wolfgang Müller – zwei Bayern in Preußen, die sich beweisen mussten. Auch so herum kann es manchmal gehen.