Die Viki-Girls grüßen auf Instagram von ihrer Abschlussfahrt aus Kreta. Mit einem Teamfoto auf einem Felsen am Meer. Nach dem Hashtag #ichtrinkouzowasmachstduso zu urteilen, schien es für die Regionalliga-Fußballerinnen des FC Viktoria eine kurzweilige Reise gewesen zu sein. Für einen Teil von ihnen steht nun auch in ihrem Verein eine Reise an, die in fünf Jahren in der Bundesliga enden soll.

Das zumindest ist das Business-Ziel ihrer neuen Besitzerinnen. Die sprechen von einer Revolution. Schließlich wollen die Frauen um die zweimalige Fußballweltmeisterin Ariane Hingst „die deutsche Sportwelt nachhaltig verändern“, wie sie in ihrer Pressemitteilung ankündigen. Sie wollen mit ihrem Start-up mehr Gleichheit und Fairness nicht nur in den deutschen Fußball, sondern in den deutschen Sport bringen.

Viktoria 89 Berlin und das Vorbild Angel City FC

„Ich bin Berlinerin. Ich war von der ersten Sekunde an begeistert von der Idee, Fußball in meiner Heimatstadt zu entwickeln“, sagt Hingst. Neben der 42 Jahre alten früheren Nationalspielerin gehören Investorin Verena Pausder, die Vorstandsvorsitzende der Vattenfall Wärme Berlin AG Tanja Wielgoß, die frühere Fernsehmoderatorin Felicia Mutterer, die Geschäftsführerin von BRLO Craft Beer Katharina Kurz sowie die Marketingexpertin Lisa Währer zum Gründerinnen-Team.

Sie wollen die Fußballerinnen des FC Viktoria 1889 nicht nur in die Erste Liga führen, sondern für mehr Sichtbarkeit, gleiche Bezahlung und Anerkennung von Frauen im Sport sorgen. „Oder wer denkt bei der Sporthauptstadt Berlin an Frauenteams?“, fragt Gründerin Kurz.

Der Bereich des ersten Frauenteams von Viktoria wurde in diesem Juli als GmbH ausgegliedert. Als Vorbild für das Projekt gilt der US-Fußballklub Angel City FC, der 2020 von der Schauspielerin Natalie Portman auf den Weg geschickt wurde. Die Ziele der Berliner Gründerinnen: bessere strukturelle Bedingungen für Mädchen und Frauen im Fußball von der Platzvergabe bis hin zur Vereinbarkeit von Leistungssport und Ausbildung/Beruf zu schaffen, Frauenfußball sichtbarer zu machen, neue Rollenbilder anzubieten.

Hinter dem 1. FFC Turbine Potsdam II, Türkiyemspor und dem 1. FC Union Berlin belegten Viktorias Fußballerinnen in der Regionalliga Nordost zuletzt Rang vier und kamen ins Landespokalfinale. Ihr Cheftrainer Johannes Fritsch wurde nun verabschiedet, ebenso drei Spielerinnen. Krempeln die Investorinnen alles um? „Wir wollen keinen allzu großen Umbruch haben, sondern wir wollen den Verein und die Spielerinnen mitnehmen, entwickeln und punktuell verstärken“, meint Hingst – und stellt die Verpflichtung von ein, zwei Fußballerinnen mit interessanten Namen in Aussicht.

Großes Potenzial sieht Hingst, die derzeit beim Deutschen Fußball-Bund als Trainerin der U19 und U20 arbeitet, im Markenauftritt der Viktoria-Frauen. Schließlich investieren die Gründerinnen auch aus wirtschaftlichen Gründen: Laut der Frauenfußball-Strategie der Europäischen Fußball-Union (Uefa) liegt im Fußball der Frauen das größte Wachstumspotenzial im Fußballmarkt.

Deutschland hinkt bei der Entwicklung im europäischen Vergleich hinter England und Spanien her. Während sich in Europa die Anzahl der Frauen- und Mädchenteams im Fußball in den letzten 15 Jahren verdoppelt hat, geht sie in Deutschland vor allem bei den Mädchen unter 16 Jahren drastisch zurück. In Spanien dagegen stellte der FC Barcelona in der vergangenen Saison der Women’s Champions League mit 91.533 Zuschauern im Camp Nou einen Rekord auf – und Großkonzerne investieren.

Neben Viktoria-Präsident Ulrich Brüggemann unterstützen die Hamburger Investoren-Brüder Karajica das Projekt. Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey findet: „Die Sportmetropole Berlin ist genau der richtige Ort, um neue Wege im Fußball zu gehen. Der Spitzenfußball wird in der öffentlichen Wahrnehmung noch häufig von Männern dominiert. Daher unterstütze ich die Idee, den Fußball in unserer Hauptstadt und im ganzen Land weiblicher zu gestalten.“

Am dritten Augustwochenende 2022 starten Viktorias Fußballerinnen mit der ersten Runde im DFB-Pokal in die neue Saison. Ariane Hingst sagt: Ich denke, dass ich mit meinem Bekanntheitsgrad im Fußball die Werbetrommel rühren und meine Erfahrung weitergeben kann.“