Berlin - Schönreden war zwecklos. „Scheiße“, sagte Marco Rose in seiner Blitz-Analyse einer beschämenden Rekord-Abreibung – und er fasste die historische Pleite von Borussia Dortmund in einer Nacht der Demütigung damit exzellent zusammen. Auf der Pressekonferenz hatte er so immerhin einen Lacher.

Die Verarbeitung des entblößenden 0:4 (0:2) bei Ajax Amsterdam begann aber erst auf der Bus-Heimfahrt. Zur Geisterstunde gab es Etliches zu grübeln: Wie nur konnte der BVB, der selbst für entfesselten Tempofußball stehen will, sich derart in Stücke reißen lassen? „Wir haben uns nicht genügend gewehrt“, sagte Lizenzspielleiter Sebastian Kehl bei Sport1: „Auf diesem Niveau dürfen wir nicht so auftreten.“

Rose selbst rang nach Erklärungen, allzu Grundlegendes wollte er aus der höchsten Niederlage der Dortmunder Champions-League-Geschichte nicht ableiten. „Meine Mannschaft hat Charakter, das sind tolle Jungs“, sagte der Trainer. Aber: „Wenn es schwierig wird, muss man das Ding zum Laufen bringen. Wir müssen dann trotzdem Borussia Dortmund ausstrahlen.“

Körpersprache, Charakter, bedingungsloses Stemmen gegen die Brillanz eines überragenden Gegners, all das hatte Rose vermisst – und es anderswo gefunden: ausgerechnet beim großen Rivalen Bayern München. „Ein Joshua Kimmich rastet da aus, und da ist Feuer unterm Dach“, betonte Rose. Beim BVB? Nicht mal ein Flämmchen.

Es war rein tabellarisch gesehen kein Drama, die Achtelfinalchance ist in der freundlichen Champions-League-Gruppe C mit den (beide schon bezwungenen) weiteren Gegnern Sporting Lissabon und Besiktas Istanbul immer noch sehr hoch. Doch moralisch, für das Selbstbild, bildet der Albtraum von Amsterdam im Matchballspiel womöglich eine Zäsur.

„Meine Jungs finden den Abend genauso beschissen wie ich“, berichtete Rose aus der Kabine, er sprach über Selbstkritik, Aufarbeitung, Lerneffekte. Letztlich landete er beim Offensichtlichen: Das „unvergleichliche Ajax, das Dortmund vom Feld fegte“ (Telegraaf), hatte den BVB mit jenen Waffen geschlagen, die er sich eigentlich selbst zuschreibt. „Das war eine Lehrstunde“, sagte Julian Brandt deprimiert.

Weil Ajax in einem perfekt zugeschnittenen System traumwandlerisch kombinierte, Dortmund außen einfach überrannte, sich in einen Rausch steigerte. „Wir haben einige wichtige Zweikämpfe zu viel verloren“, betonte Rose: „Diese annehmen, sie führen, nachschieben, genau die Dinge, mit denen Ajax das Spiel zu ihrem gemacht hat: Das müssen wir auch tun.“

Ein Eigentor von Marco Reus, desolate Außenverteidiger, Nachteile in Kampfgeist, Technik, Taktik und Schnelligkeit waren die Mosaiksteine, die sich zu einem Bild des Jammers fügten. „Das war ein dramatischer Abend“, resümierte der frühere Ajax-Profi Donyell Malen, den Rose mit einer frühen Auswechslung abgestraft hatte. Es gab Phasen, in denen die Dortmunder gedanklich nicht mehr mitkamen.

Auch deshalb zog Erling Haaland Sekunden nach dem Abpfiff alleine los und hob vor dem BVB-Fanblock entschuldigend die Arme. „Das tut weh“, sagte Brandt, „aber wir haben die Chance, es in zwei Wochen besser zu machen.“ Dann kommt Ajax nach Dortmund, und der BVB darf seine Lehren aus einer peinlichen Pleite vorführen.

„Arbeit an allem“ kündigte Rose bis dahin an, schließlich „fühle ich mich nie hilflos“. Im Gegensatz zu seinen Spielern: Selten hat man eine Borussia-Mannschaft derart überfordert gesehen. Angesichts von weiteren Riesenchancen des niederländischen Rekordmeisters im Dutzend wäre auch die höchste Niederlage der BVB-Europapokalgeschichte drin gewesen. Die immerhin bleibt ein 1:6 gegen Manchester United – im Messepokal 1964.